Die Vielfalt an Doktorhüten in Deutschland ist mittlerweile eine eigene Dissertation wert. Den ehrwürdigen Häuptern eines Dr. phil., eines Dr. iur. oder Dr. rer. nat. haben sich zahlreiche akademische Exoten und Novizen beigesellt. Konkurrenz machen ihnen beispielsweise der Dr. rer. silv. (Forstkunde), der Dr. rer. agr. (Landwirtschaft) oder der Dr. rer. mont. (Bergbau). Diese Entwicklung hat Imagegründe: Studiengänge an Hochschulen sind attraktiver, wenn sie die Möglichkeit zur Promotion bieten.

Verwirrend bei den Medizinern ist: Nicht jeden Doktortitel, der an einer Kliniktür steht, hat ein Arzt erworben. An vielen deutschen Universitäten kann man zum Doktor der theoretischen Medizin promovieren und trägt dann oft den Titel Dr. rer. medic.; anderswo kursieren die Titel Dr. rer. med., Dr. sc. hum., Dr. rer. physiol., Dr. rer. biol. hum. oder Dr. nat. med. – eine beachtliche Variation der Titel. Doch Ärzte sind es alle nicht; weder haben sie je ein Physikum absolviert, noch dürfen sie einen Zentralvenenkatheter legen. Was tun sie?

Als Quereinsteiger stammt der Dr. rer. medic. (Doctor rerum medicinalium) aus der Biologie oder der Chemie, aus Physik oder Statistik, aus Psychologie, Jura oder auch einer Geisteswissenschaft. Immer hat er dort ein gutes bis sehr gutes Examen abgelegt, arbeitet nun aber wissenschaftlich in einer Universitätsklinik – laut Vorschrift mindestens zwei Jahre – und promoviert dort über ein Thema, das für die Medizin relevant ist.

Dr. rer. medic. Axel Mickenhagen ist solch ein Wanderer, der in der Medizin sein Reiseziel fand. Der gelernte Werkzeugmacher besuchte das Abendgymnasium, studierte Biologie und entwarf irgendwann so hilfreiche Dinge wie Mittelohr- oder Kehlkopfprothesen für die HNO-Abteilung der Uniklinik Köln , sein handwerkliches Geschick half ihm dabei enorm. Sein Professor legte ihm die Promotion nahe. Mickenhagen, zunächst verdutzt über die Aussichten, schrieb eine Dissertation, und die Fakultät promovierte ihn. Dr. Mickenhagen könnte einem Patienten fraglos dessen Tympanogramm erklären, das die Beweglichkeit des Trommelfells abbildet. Er darf es aber nicht. Er ist ja kein Arzt. Mittlerweile arbeitet er im Uni-Gebäudemanagement und entwirft Labore. Ein Job für einen Vielseitigen.

Helmut Maxeiner ist Rechtsmediziner an der Berliner Charité und strenger Wächter über die Promotionsverfahren; wenngleich er sich und seine Kollegen bei jedem Dr. rer. medic. für "eher entgegenkommend als kleinkariert" hält, müsse doch jedes Promotionsgesuch genau geprüft werden, "damit uns kein interdisziplinäres Kuckucksei ins Nest gelegt wird".

In Aachen liegt der Anteil der Promotionen zum Dr. rer. medic. bei knapp unter zehn Prozent aller Arbeiten im Fach Medizin, rechnet der Immunologe Lothar Rink vor, der dem Aachener Promotionsausschuss vorsteht. Bei seinen eigenen naturwissenschaftlichen Doktoranden legt er Wert darauf, dass sie den Dr. rer. nat. anstreben: "Damit haben sie auf dem Markt immer noch die besseren Chancen." Tatsächlich gilt der Doktor der theoretischen Medizin manchem Naturwissenschaftler als Fremdling. Dennoch tue einer renommierten Lehranstalt wie der RWTH Aachen jeder Dr. rer. medic. gut, glaubt Rink: "Viele dieser Dissertationen überragen den Durchschnitt." In Aachen muss jeder Kandidat einen speziellen Schein machen: in Terminologie. Da sitzt er im Hörsaal neben den Humanmedizinern und lernt die Splenomegalie (Milzvergrößerung) oder die Nephritis (Nierenentzündung) kennen. "Wir wollen doch", sagt Rink, "dass alle künftigen Kollegen die Nomenklatur der Medizin beherrschen."

Die meisten Unis verleihen den Dr. rer. medic. seit den neunziger Jahren. Der neue Doktorhut schien den Fakultäten damals wichtig, um gute Leute zu halten und zu gewinnen, erklärt Klemens Kästner von der Medizinischen Fakultät der TU Dresden: "Wir hatten einige Forschungsprojekte laufen, die sich nur interdisziplinär kompetent führen ließen. Da erschien es uns logisch, dass wir die Experten etwa aus den Naturwissenschaften, die bei uns projektweise arbeiteten, auch mit unseren akademischen Ehren ausstatteten." Ähnlich wie an anderen Unis ist auch in Dresden geradezu ein Boom um den Dr. rer. medic. entstanden.