Immer wieder ist der Titel akademisches Adelsprädikat auffälliger Lebensläufe. Michael Deppe etwa erwarb sein Diplom in Physik, bevor er an die Uni-Klinik Münster kam. Dort musste er als Aspirant zum Dr. rer. medic. – so schrieb es die Promotionsordnung vor – ein viersemestriges Aufbaustudium in drei klinischen Bereichen durchlaufen. Bei den Neurologen wusste er: »Hier bin ich richtig.« Er wurde für eine Arbeit über Ultraschall im Gehirn promoviert; mittlerweile leitet er die Abteilung für Funktionelle Bildgebung. Deppes Arbeitsplatz ist der Schreibtisch, trotzdem weiß er über die Anatomie des Kleinhirnbrückenwinkels Bescheid. Muss er auch: »Was nützt mir die ganze Apparatur, wenn ich keine Ahnung habe, was mir ihre Bilder über die Aktivität im Gehirn sagen?« Die Medizinische Fakultät in Münster hat ihr Aufbaustudium mittlerweile auf sechs Semester verlängert. Auch in Frankfurt ist ein medizinisches Begleitstudium über vier Semester jetzt Pflicht.

Nicht nur Naturwissenschaftler werden Doktor der theoretischen Medizin, auch Psychologen – wie Jens-Holger Krannich, der gelernter Elektriker ist, das Abitur nachholte und studierte. Seine Spezialität ist seit Langem die Psychokardiologie; in der Herzchirurgie der Uni-Klinik Würzburg kümmert er sich um Patienten, die nach der Operation seelischen Beistand nötig haben. »Als ich mich früher am Krankenbett in Straßenkleidung als Psychologe vorstellte, guckten mich viele Patienten schräg an.« Seit seiner Dissertation trägt er Kittel: »Dr. Krannich«. Nun zollt man ihm Respekt. Etikettenschwindel? Den begehen eher jene Assistenzärzte, die sich mit »Herr Doktor« anreden lassen, obwohl abendliche Müdigkeit sie seit Jahren von ihrer Doktorarbeit abhält. Friedrich Lampert, früherer Dekan in Aachen, seufzt: »In der Medizin ist der Doktortitel ja fast schon eine Berufsbezeichnung.«

Jedenfalls fristet der Dr. rer. medic. als solcher, obzwar bestaunt und manchmal belächelt, kein Schattendasein mehr; er ist das Kennzeichen für die Erforschung einer medizinischen Nische, in welche normale Mediziner auch mit dem flexibelsten Endoskop nicht unbedingt vordringen.