"Die künftigen Lehrer werden allein gelassen"

DIE ZEIT: Ist es so schlimm um die Lehrerbildung bestellt, dass gleich drei Hochkaräter wie Sie in den Ring steigen müssen, um sie umzukrempeln? Professor Herrmann als erfolgreicher Hochschulreformer, Frau Klatten als eine der einflussreichsten Frauen des Landes und Professor Prenzel als bisheriger Deutschland-Chef der Pisa-Studie.

Wolfgang Herrmann: An den Universitäten ist die Lehrerbildung das fünfte Rad am Wagen der Fachwissenschaften. Leider. Wer das ändern will, braucht einen starken Willen, überzeugende Ideen, braucht Macht, Geld und exzellente Wissenschaftler. An der Lehrerbildung hängt die Ausbildung unserer Kinder und damit die Zukunft unseres Landes.

Susanne Klatten: Der Lehrerberuf ist einer der verantwortungsvollsten Berufe; es liegt aber vieles im Argen. Lehrer brauchen ein besseres Handwerkszeug. Vor allem aber brauchen sie mehr Anerkennung und Wertschätzung, denn sie tragen in hohem Maße Verantwortung. Hier möchten wir gern etwas anstoßen. Man kann einiges bewegen, wenn öffentliche Institutionen und Privatleute, die in gesellschaftlicher Verantwortung handeln, zusammenarbeiten.

Herrmann: Ich halte den Lehrerberuf für den schwierigsten akademischen Beruf. Einen sozial inkompatiblen Chemiker können Sie dreißig Jahre in einem Labor verstecken, und der macht immer noch tolle Forschung. Der Lehrer aber ist tagtäglich exponiert und soll junge Menschen aus unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft prägen. Das erfordert besondere Persönlichkeiten.

Manfred Prenzel: Wir brauchen Persönlichkeiten mit dem Gespür für Menschen. Das reicht aber nicht. Sie müssen gleichzeitig auf der Höhe der Forschung in ihren Unterrichtsfächern und in der Pädagogik sein. Sie müssen in die Lage versetzt werden, auch mit Kollegen, über ihre Praxis nachzudenken. Dieser Pflicht sind die Universitäten bislang nicht ausreichend nachgekommen.

ZEIT: Um zu verstehen, was an der TU München mit der sogenannten School of Education neu geschaffen wird, müssen wir noch einmal klären, wie die Lehrerbildung an Universitäten normalerweise behandelt wird. Was für eine Vorstellung etwa hatten Sie, Frau Klatten, bevor Sie sich mit dem Vorhaben der TU befasst haben?

Klatten: Mir ist an den Lehrerinnen und Lehrern meiner Kinder aufgefallen, dass diejenigen, die besonders konstruktiv und ideenreich waren, fast alle in Eigeninitiative Zusatzausbildungen absolviert hatten. Die Fachausbildung hat bei ihnen nicht die nötigen Anreize gesetzt. Bei der Beschäftigung mit dem Vorhaben hier und bei Gesprächen im Bekanntenkreis ist mir dann aufgegangen, dass Lehramtsstudenten an der Universität kein Zuhause haben. Sie sind an die Fakultäten ihrer Fachwissenschaft angedockt, die sich aber nicht sonderlich für sie interessieren. Und dann habe ich mit Erstaunen festgestellt, dass sich die Pädagogik nicht wie ein roter Faden durchs Studium zieht. Im Vordergrund stand bisher die fachbezogene Ausbildung. Das hatte ich, ehrlich gesagt, nicht für möglich gehalten. Man muss auf jeden Fall mehr unternehmen, damit der künftige Lehrer nicht allein gelassen wird, sondern vielfältige Unterstützung und Anerkennung erfährt. Für diesen ganzheitlichen Ansatz machen wir hier einen großen Schritt.

Herrmann: Bei uns, wir bilden ja Gymnasial- und Berufsschullehrer für Naturwissenschaften und Technik aus, pendelten bislang die Lehramtsstudenten mit gespaltener Identität zwischen zwei Fakultäten, die sie nicht mal als ihre Studenten angesehen haben.

Prenzel: An anderen Universitäten ist das oft noch schlimmer. Grundschullehrer etwa studieren mehrere Fächer und verlieren sich dabei gänzlich in der Uni. Ein anderes Problem ist die mangelnde Abstimmung der Lehrveranstaltungen der verschiedenen Fächer auf die Lehramtsstudenten. Und in kaum einem Fach macht man sich Gedanken darüber, was etwa ein Lehrer in der Oberstufe draufhaben muss, da haben die Unis den Kontakt zur Schule verloren. Es macht sich auch keiner Gedanken um übergeordnete Fragen, was etwa die künftigen Lehrer wirklich können sollten.

ZEIT: Was machen Sie anders?

Herrmann: Die neue Fakultät, die School of Education, führt die gesamte Lehrerausbildung an der TU München, koordiniert sie mit den Fachfakultäten, wie Elektrotechnik oder Physik, und entwickelt ein eigenes Forschungsprogramm im Bereich der Bildungsforschung – ohne eine eigene Forschungsprogrammatik wird eine Fakultät nicht anerkannt.

Prenzel: Wir müssen für Transparenz und klare Absprachen sorgen. Wie viele Lehrverpflichtungen haben etwa die Physiker und Chemiker in der Lehrerbildung? Welche Inhalte sind für die künftigen Lehrer besonders wichtig? Welche Veranstaltungsformen wären sinnvoll? Das erfordert die ständige Kommunikation mit den anderen Fakultäten. Ergänzt wird das um einen Reigen von Kontakten zu den Schulen und Schülerforschungszentren. Es geht nicht platt darum, den Lehramtsstudenten irgendwie in die Praxis zu schicken. Praktika sind nur sinnvoll, wenn dort systematisch gelernt wird. Wie etwa lege ich ein Schülerexperiment an? Was geht im Kopf der Schülerin vor? Wie muss ich mich darauf einstellen? Bei uns stehen die Lehramtsstudenten im Mittelpunkt; hier haben sie ein Zuhause.

 

ZEIT: Zentren für Lehrerbildung gibt es doch an vielen Hochschulen.

Prenzel: Diese Zentren steuern aber nicht die Ressourcen, haben oft keine Verbindung zu den Schulen, verfügen über wenig Mittel, und sie sind selten forschungsorientiert.

ZEIT: Welche Bedeutung hat Ihr Vorhaben für die deutsche Hochschullandschaft?

Herrmann: Ich halte eine gute Lehrerbildung für einen wichtigen Wettbewerbsvorteil, wobei wir zunächst einmal wieder die Nase vorn haben. Und sicher wird das hier und da zum Nachdenken oder sogar Nachahmen führen. Reformen wirken kraft ihres Vorbildcharakters.

ZEIT: Herr Prenzel, wird an anderen Unis das Signal aufgegriffen, oder wird der Frust zunehmen, weil man nicht die Mittel hat, dem zu folgen?

Prenzel: Man könnte doch an jeder Uni mit einer einfachen Frage beginnen: Wo sind denn eigentlich all die Stellen in den verschiedenen Fakultäten geblieben, die sich der Lehrerbildung widmen sollen? Und welchen Beitrag leisten ihre Inhaber zur Lehrerbildung? Damit könnte eine interessante Dynamik in Gang gebracht werden.

ZEIT: Herr Herrmann, ist es wirklich schlau, so viel Kraft in die Lehrerbildung zu stecken? Sie sind ein Chemiker von Rang, Träger des Leibniz-Preises, gelten vielen als Deutschlands bester Hochschulmanager. Ihre TU gehört zu den wenigen deutschen Unis, die in weltweiten Rankings wahrgenommen werden. Ruhm ernten Universitäten mit ihren Leistungen in der Forschung.

Herrmann: Wenn man lange Zeit eine Universität leitet, dann verinnerlicht man, dass sie eine Dienerin der Gesellschaft zu sein hat. Wir sind in der Lehrerbildung dafür verantwortlich, dass an den Schulen wissbegierige, für die Zukunft wetterfeste junge Menschen heranwachsen. Man kann auch weniger altruistisch argumentieren: Ich brauche als technische Universität morgen hervorragende Studierende, die bekomme ich aus den Schulen. Aber mir geht es auch um unser Land.

ZEIT: Reizt Sie nicht einfach das Neue?

Herrmann: Ja, natürlich, und es der Nation noch einmal zu zeigen! (lacht) Ich erlebe doch ständig auf den Rektorenkonferenzen das unergiebige Jammern über den schlechten Zustand der Lehrerbildung. Aber vor lauter Betulichkeit passiert nichts. Irgendwann muss doch eine Institution mal Nägel mit Köpfen machen.

ZEIT: Frau Klatten, mit Ihrer Spende machen Sie die School of Education erst möglich. Wovon lassen Sie sich bei Ihren sozialen Investments leiten? Sie fördern zum Beispiel Ashoka, eine Initiative junger Menschen, die mit unternehmerischen Mitteln Gutes tun, oder hier an der TU im Projekt UnternehmerTUM junge Forscher auf dem Weg in die Selbstständigkeit.

Klatten: Mir macht Freude, wenn Dinge auf neue Art angepackt werden, wie es etwa Ashoka oder UnternehmerTUM tun. Das hat einen besonderen Reiz. Außerdem liegt mir dieses Land sehr am Herzen. Wir erleben die verstärkte Gründung von Privatschulen. Das ist okay, aber nützt nur einem kleinen Kreis. Mir ist wichtig, dass wir auf breiter Basis Lehrer ausbilden, die an die öffentlichen Schulen gehen und diese sehr gute und ganzheitliche Ausbildung auch dahin tragen. Dabei geht es mir auch um Gerechtigkeit. Nicht unbedingt um soziale, sondern um Chancengerechtigkeit dem einzelnen Kind gegenüber. Jedes Kind hat es verdient, dass es seine Möglichkeiten ausschöpfen kann und dass Lehrer mit einem möglichst ganzheitlichen Blick das ermöglichen.

ZEIT: Verfolgen Sie eine Strategie mit Ihren Stiftungen, oder schauen Sie einfach, ob das, was kommt, in Ihr Schema passt?

Klatten: Bildung ist ein roter Faden. Vom pragmatischen Wissen, was zur Gründung eines Unternehmens nötig ist, bis zur akademischen Bildung, die unter neuen Gesichtspunkten organisiert werden soll. Bildung ist für mich Wissensvermittlung, aber auch Persönlichkeitsentwicklung.

ZEIT: Herr Prenzel, nach sechs Jahren Megastress als deutscher Pisa-Chef könnten Sie jetzt wieder als Direktor eines Leibniz-Instituts in Ruhe forschen. Stattdessen begeben Sie sich in das Korsett einer Universität. Warum tun Sie sich das an?

Prenzel: Ich bin der Verlockung und meinem Bauchgefühl gefolgt. Dass es an der TU München positive Energie für die Lehrerbildung gibt, weiß ich schon länger. Die Zusammenarbeit mit einem Netzwerk von Schulen fand ich interessant und die Forschungszentren für Schüler. Nun gibt es hier die Chance zu einem großen Wurf. Hinzu kommt, dass wir mit der Pisa-Studie ja vorwiegend Bericht erstattet haben. Hier lockt die Chance, zum Kern vorzudringen, etwas Neues zu schaffen, die Schulen besser zu machen.

Die Fragen stellte: Thomas Kerstan