ZEIT: Zentren für Lehrerbildung gibt es doch an vielen Hochschulen.

Prenzel: Diese Zentren steuern aber nicht die Ressourcen, haben oft keine Verbindung zu den Schulen, verfügen über wenig Mittel, und sie sind selten forschungsorientiert.

ZEIT: Welche Bedeutung hat Ihr Vorhaben für die deutsche Hochschullandschaft?

Herrmann: Ich halte eine gute Lehrerbildung für einen wichtigen Wettbewerbsvorteil, wobei wir zunächst einmal wieder die Nase vorn haben. Und sicher wird das hier und da zum Nachdenken oder sogar Nachahmen führen. Reformen wirken kraft ihres Vorbildcharakters.

ZEIT: Herr Prenzel, wird an anderen Unis das Signal aufgegriffen, oder wird der Frust zunehmen, weil man nicht die Mittel hat, dem zu folgen?

Prenzel: Man könnte doch an jeder Uni mit einer einfachen Frage beginnen: Wo sind denn eigentlich all die Stellen in den verschiedenen Fakultäten geblieben, die sich der Lehrerbildung widmen sollen? Und welchen Beitrag leisten ihre Inhaber zur Lehrerbildung? Damit könnte eine interessante Dynamik in Gang gebracht werden.

ZEIT: Herr Herrmann, ist es wirklich schlau, so viel Kraft in die Lehrerbildung zu stecken? Sie sind ein Chemiker von Rang, Träger des Leibniz-Preises, gelten vielen als Deutschlands bester Hochschulmanager. Ihre TU gehört zu den wenigen deutschen Unis, die in weltweiten Rankings wahrgenommen werden. Ruhm ernten Universitäten mit ihren Leistungen in der Forschung.

Herrmann: Wenn man lange Zeit eine Universität leitet, dann verinnerlicht man, dass sie eine Dienerin der Gesellschaft zu sein hat. Wir sind in der Lehrerbildung dafür verantwortlich, dass an den Schulen wissbegierige, für die Zukunft wetterfeste junge Menschen heranwachsen. Man kann auch weniger altruistisch argumentieren: Ich brauche als technische Universität morgen hervorragende Studierende, die bekomme ich aus den Schulen. Aber mir geht es auch um unser Land.

ZEIT: Reizt Sie nicht einfach das Neue?

Herrmann: Ja, natürlich, und es der Nation noch einmal zu zeigen! (lacht) Ich erlebe doch ständig auf den Rektorenkonferenzen das unergiebige Jammern über den schlechten Zustand der Lehrerbildung. Aber vor lauter Betulichkeit passiert nichts. Irgendwann muss doch eine Institution mal Nägel mit Köpfen machen.

ZEIT: Frau Klatten, mit Ihrer Spende machen Sie die School of Education erst möglich. Wovon lassen Sie sich bei Ihren sozialen Investments leiten? Sie fördern zum Beispiel Ashoka, eine Initiative junger Menschen, die mit unternehmerischen Mitteln Gutes tun, oder hier an der TU im Projekt UnternehmerTUM junge Forscher auf dem Weg in die Selbstständigkeit.

Klatten: Mir macht Freude, wenn Dinge auf neue Art angepackt werden, wie es etwa Ashoka oder UnternehmerTUM tun. Das hat einen besonderen Reiz. Außerdem liegt mir dieses Land sehr am Herzen. Wir erleben die verstärkte Gründung von Privatschulen. Das ist okay, aber nützt nur einem kleinen Kreis. Mir ist wichtig, dass wir auf breiter Basis Lehrer ausbilden, die an die öffentlichen Schulen gehen und diese sehr gute und ganzheitliche Ausbildung auch dahin tragen. Dabei geht es mir auch um Gerechtigkeit. Nicht unbedingt um soziale, sondern um Chancengerechtigkeit dem einzelnen Kind gegenüber. Jedes Kind hat es verdient, dass es seine Möglichkeiten ausschöpfen kann und dass Lehrer mit einem möglichst ganzheitlichen Blick das ermöglichen.

ZEIT: Verfolgen Sie eine Strategie mit Ihren Stiftungen, oder schauen Sie einfach, ob das, was kommt, in Ihr Schema passt?

Klatten: Bildung ist ein roter Faden. Vom pragmatischen Wissen, was zur Gründung eines Unternehmens nötig ist, bis zur akademischen Bildung, die unter neuen Gesichtspunkten organisiert werden soll. Bildung ist für mich Wissensvermittlung, aber auch Persönlichkeitsentwicklung.

ZEIT: Herr Prenzel, nach sechs Jahren Megastress als deutscher Pisa-Chef könnten Sie jetzt wieder als Direktor eines Leibniz-Instituts in Ruhe forschen. Stattdessen begeben Sie sich in das Korsett einer Universität. Warum tun Sie sich das an?

Prenzel: Ich bin der Verlockung und meinem Bauchgefühl gefolgt. Dass es an der TU München positive Energie für die Lehrerbildung gibt, weiß ich schon länger. Die Zusammenarbeit mit einem Netzwerk von Schulen fand ich interessant und die Forschungszentren für Schüler. Nun gibt es hier die Chance zu einem großen Wurf. Hinzu kommt, dass wir mit der Pisa-Studie ja vorwiegend Bericht erstattet haben. Hier lockt die Chance, zum Kern vorzudringen, etwas Neues zu schaffen, die Schulen besser zu machen.

Die Fragen stellte: Thomas Kerstan