Unerkannt schlenderte einer der reichsten Männer der Welt durch die Wandelhallen des Berner Bundeshauses. Erst der Blick auf seinen Begleiter ließ die Parlamentarier stutzen: War das nicht Thomas Borer? Wohlmeinende deuteten seinen nach vorne gekippten Oberkörper als Höflichkeit, um Viktor Vekselberg den Größenunterschied weniger merken zu lassen. Neidische Naturen – und sie waren auch hier in der Mehrzahl – sahen in seiner Haltung einen Bückling. Logisch, als Handlanger eines Oligarchen, der sich an Schweizer Heiligtümern wie OC Oerlikon und Sulzer vergreift.

Ja, Thomas Borer ist auf der Achterbahn seines Lebens wieder oben angelangt. Als PR-Manager und Verwaltungsrat von Viktor Vekselbergs Renova Management AG residiert er im elften Stock eines Zürcher Bürogebäudes – viel höher geht’s in der City nirgendwo. Auf seinem Schreibtisch liegt alles Kante auf Kante, die Möbel blitzen metallisch. Nur das farbig gespachtelte Ölporträt seiner Frau Shawne, wie gewohnt mit viel Busen und viel Bein, hält sich nicht an die Nüchternheit. "Ich habe aber auch hübsche Kinder", sagt Thomas Borer und pflückt mit raschem Griff zwei Fotos vom Schreibtisch. Der Bub ist sechs, das Mädchen zwei, und beide erbten das flachsblonde Haar ihrer Mutter, einer ehemaligen Miss Texas.

Jahrelang waren der ehemalige Spitzendiplomat Thomas Borer-Fielding und seine Frau verschollen. Jetzt ist das Glamourpaar wieder da. Gattin Shawne zeigt in der Sonntagszeitung ihre neue, im Hollywood-Pomp eingerichtete Zürichsee-Villa und posiert im bis zur Hüfte geschlitzten Morgenrock. Thomas Borer gibt Interviews, spricht in Talkshows und hält 1.-August-Reden. Wo er auftritt, sind die Säle voll. "Für einen Schweizer", sagt er, "bin ich rhetorisch nicht unbegabt."

Mit diesem Comeback rechnete niemand; zu tief war sein Sturz gewesen und zu laut der Lärm dabei. Im Hechelstakkato hatten die Zürcher Boulevardblätter Sonntagsblick und Blick 2002 von einer angeblichen Sexaffäre des Botschafters mit einer Berliner Parfümerieverkäuferin berichtet. Bis die Hetzjagd Wirkung zeigte: Außenminister Joseph Deiss, ein Bedenkenträger mit zerknitterter Stirn, knickte ein und gab seinen Vertreter in Berlin zum Abschuss frei. Heute gilt der Fall als Klassiker in Sachen Kampagnenjournalismus, und um die Höhe der vom Ringier-Verlag bezahlten Genugtuung ranken wilde Gerüchte.

Thomas Borer am Boden – darauf hatten viele gewartet. Besaß vierzig Versace-Krawatten, einen Lexus mit vergoldetem Auspuff und eine Frau, die aus dem Berliner Botschaftsgebäude einen Partyraum machte. Erschien zu häufig in den Zeitungen, ging zu locker mit den Wichtigen aus Wirtschaft und Politik um und war schon als Jungdiplomat zu forsch und zu selbstbewusst gewesen. Kaum im Dienst, hatte er vorgeschlagen, die Zahl der Schweizer Bundesräte zu verringern und Botschafter, die alles über Etikette und nichts von Effizienz wussten, nach ihrer Leistung zu entlöhnen.

Auch fehlte ihm der rechte Stallgeruch. Statt aus einer Akademikerfamilie stammte er aus dem Angestelltenmilieu, und statt in einer reichen Vorortgemeinde wuchs er im ländlichen Solothurner Hinterland auf. Seine Eltern gaben ihm nicht viel mehr mit auf den Weg als eine imposante Statur, ein gewinnendes Wesen und stahlblaue Augen. Das gesellschaftliche Manko machte er mit Fleiß wett. Das Jus-Studium schloss er mit "summa cum laude" und einer 547-seitigen Dissertation ab, die noch heute zitiert wird. Mit 37 Jahren bekam er den Botschaftertitel und wurde nach Washington entsandt. Mit 43 saß er als jüngster Schweizer Botschafter auf dem Prestigeposten Berlin: ein Dank für seine Leistung als Chef der Taskforce "Schweiz – Zweiter Weltkrieg".

Das war eine mission impossible gewesen, vor der sich alle gedrückt hatten. Gekonnt federte Borer die von den USA geforderte staatliche Entschädigung für nachrichtenlose Vermögen ab. Unverkrampft trat er nach anstrengenden Hearings vor zwanzig Fernsehkameras und erklärte in einer Minute komplizierte Sachverhalte. Dabei setzte er gezielt seinen in Amerika beliebten Arnold-Schwarzenegger-Akzent ein. Kämpfen musste er nicht nur gegen einen Senator Alfonse d’Amato, der die Anti-Schweiz-Stimmung anheizte. Die Nerven behalten musste er auch bei den aufgeregten Non-Stop-Anrufen aus dem Bundesrat. Die Regierung mahnte ihren Taskforce-Chef zu mehr Demut und öffentlicher Zerknirschung für vergangene Versäumnisse der Schweiz.