Das Schweizer Beratungsinstitut Prognos ist bekannt dafür, mit seinen Expertisen hin und wieder Aufsehen zu erregen. 1992 bescheinigte es dem damaligen Bundeswirtschaftsminister, die vorherrschende Wirtschaftsweise führe zu "kollektiven Enteignungsprozessen". Begründung: Die Energiepreise spiegelten nicht die wahren Kosten der Energieerzeugung und -nutzung wider. Vor zwei Jahren ließ Prognos Angela Merkel wissen, der von ihr geplante Ausstieg aus dem Atomausstieg sei dem Klimaschutz wenig dienlich; das Gutachten steht bis heute auf der Homepage der Bundeskanzlerin.

Jetzt ist Prognos wieder dabei, eine Debatte loszutreten – womöglich die wichtigste der nächsten Jahrzehnte.

Es geht um die Frage, ob Deutschland eine Industrienation bleiben und gleichzeitig praktisch klimaneutral werden kann – und damit zum Modell für die Welt wird. Wissen wollte das der WWF, der World Wide Fund For Nature. Die Antwort lieferten gemeinsam mit Prognos das Öko-Institut und der Berliner Energiefachmann Hans-Joachim Ziesing. Die Arbeit liegt jetzt auf rund 500 Seiten vor: Stoff für viele Debatten.

Das Ergebnis in Kürze: Es geht. Aber der Weg in die nahezu emissionsfreie Zukunft ist eher ein Gewaltmarsch denn ein Spaziergang. Nicht weil das Leben der Deutschen unangenehmer würde. Im Gegenteil, die Wohnungen können größer werden, die Industrie kann wachsen, und Autos dürften auch in 40 Jahren noch das bevorzugte Verkehrsmittel sein. Die drastische Reduktion der Treibhausgasemissionen gelingt allerdings nur, wenn alle Gebäude dermaßen gut gedämmt sind, dass Heizungen praktisch überflüssig werden. Wenn Autos nicht mehr mit Diesel oder Benzin fahren, sondern vor allem elektrisch angetrieben werden. Und wenn Strom überwiegend so erzeugt wird, dass dabei kein klimaschädliches Kohlendioxid (CO₂) entsteht, also aus erneuerbaren Energien. Wenn dann obendrein noch die Landwirtschaft grüner wird und unvermeidliche Emissionen aus Industrieprozessen unterirdisch gebunkert werden, kann es gelingen, Deutschlands Ausstoß von Treibhausgasen um 95 Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken. "Radikal realistisch" nennt Felix Matthes, einer der Gutachter, die Erkenntnisse.

"Es gab bisher zu viele Visionäre", so Eberhard Brandes, Geschäftsführer des WWF Deutschland, Auftraggeber des fulminanten Werkes. Jetzt, sagt er, wissen wir, "was wirklich machbar ist". Aber auch: welche Probleme zu lösen sind. Tatsächlich wird das erst klar, wenn Ökonomen tief in die Niederungen der Statistik steigen und das Klein-Klein analysieren: was ist – und was geschehen muss, damit dies oder jenes daraus wird. Indem sie "vom Ziel her denken", wie der Titel der Studie heißt. Das erinnert an ein oft zitiertes Merkel-Wort. Die Bundeskanzlerin sagt von sich gern, "vom Ende her" zu denken.

Fest steht: Das ambitionierte Klimaschutzziel setzt neben dem Ausstieg aus der Kernenergie praktisch das Ende der Kohle- und Ölnutzung voraus; weil jetzt gebaute Kohlemeiler noch in vier Jahrzehnten am Netz wären, fordern die Gutachter ein "Moratorium für Kohlekraftwerke" – zumindest so lange, bis Technik und Infrastruktur zur unterirdischen Bunkerung von Kohlendioxid verfügbar sind.

Der Ausstieg aus Kohle und Öl reicht noch nicht: Obendrein müsste auch der Gasverbrauch gehörig schrumpfen. Warum Tausende Kilometer Gasleitungen aus Russland und dem kaspischen Raum geplant werden, ist vor diesem Hintergrund eine der Fragen, die sich Politiker und Manager stellen müssen – wollen auch sie vom Ziel her denken.