Dennoch genießt nach wie vor die Mehrheit der Erwerbstätigen in den USA den Schutz durch den Arbeitgeber. Sie sorgt sich jetzt allerdings, dass sie für die Kosten der Reform zur Kasse gebeten wird, entweder über höhere Steuern oder über neue Abgaben. Viele Versicherte fürchten auch, dass die Unternehmen die Reform nutzen könnten, um sich ihrer Verpflichtung zu entledigen. Diese zahlen die Prämien und müssen den Versicherer wählen, somit auch die Mitarbeiter an- und abmelden. Eine public option könnte ihnen ermöglichen, so die Angst vieler Arbeitnehmer, sie in ein öffentliches Programm abzuschieben, das nur einen Basisschutz verspricht.

Diese Sorge teilen Experten nicht. "Die großen Unternehmen haben sich an ihre Rolle im Gesundheitssystem gewöhnt und nutzen es, um gute Arbeitskräfte an sich zu binden", sagt Sara Collins vom Gesundheitsforschungsinstitut Commonwealth Funds. Im Staat Massachusetts, der in einer eigenen Reform viele Elemente der nationalen Pläne bereits umgesetzt hat, sei die Deckung durch den Arbeitgeber sogar wieder gestiegen. Wer zufrieden mit seiner derzeitigen Absicherung sei, so hat Präsident Obama in einer Grundsatzrede versichert, müsse keine Veränderung zum Nachteil erwarten, höchstens eine Verbesserung.

Rebecca Kennedy sorgt sich dennoch. "Ich traue den Politikern einfach nicht", sagt sie. "Versprochen wird viel, und am Ende fließt das Geld doch woanders hin." Mit ihrem Mann Bob lebt sie in einem Vorort von Pittsburgh. Seine Stelle bei einem großen Stromversorger hat Bob in der letzten großen Wirtschaftskrise der Region verloren. Heute ist er Hausmeister einer Schule. Eine seiner Aufgaben: die Instandhaltung und Reparatur der Heiz- und Belüftungsanlage – Schwerstarbeit für den 63-Jährigen. Schon zweimal ist er an den Schultergelenken operiert worden. "Wir wären froh, wenn er aufhören könnte", sagt seine Frau. Doch das kommt nicht infrage. Bobs Arbeitgeber zahlt den größten Teil der Krankenversicherung für beide. "Wir zahlen derzeit 100 Dollar im Monat, sonst wären es 1200 Dollar – wenn eine Versicherung uns überhaupt nehmen würde."

Die Kennedys fürchten nicht nur um ihre aktuelle Versorgung, sondern auch um ihre Absicherung im Alter. Wenn Bob 65 Jahre alt wird, sind er und Rebecca wieder rundum versorgt – über die staatliche Gesundheitsversicherung Medicare. Finanziert wird sie über Steuern und Beiträge. Arbeitnehmer und Arbeitgeber zahlen je zur Hälfte einen Beitrag von rund drei Prozent des Lohns oder Gehalts. Wer nachweisen kann, dass er zehn Jahre einbezahlt hat, darf – gegebenenfalls mit Ehepartner – die öffentliche Kasse nutzen.

Derzeit sind mehr als 43 Millionen Amerikaner über Medicare versichert. Die Kosten beliefen sich 2008 auf rund 450 Milliarden Dollar – das sind 3,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Ändert sich nichts, wird der Anteil Prognosen zufolge 2080 über elf Prozent betragen. Seit der Einführung von Medicare 1965 haben sich die Kosten alle vier Jahre nahezu verdoppelt. Die Reformer wittern viel Sparpotenzial: Peter Orszag, Obamas wichtigster Kostenkontrolleur, hält Einschnitte von bis zu 30 Prozent für möglich, ohne die Qualität der Versorgung zu beeinträchtigen.

Viele Rentner und ältere Arbeitnehmer bezweifeln das. Sie fürchten, dass die Unversicherten – oder gar illegale Einwanderer – auf ihre Kosten ins System geholt und medizinisch versorgt werden sollen. In Umfragen sind 60 Prozent der 18- bis 34-Jährigen für die Reform, aber nur 38 Prozent der über 65-Jährigen. Dabei wissen selbst Reformgegner wie der Firmenvertreter Michael Elmendorf, dass "die immer weiter eskalierenden Kosten für die medizinische Versorgung in diesem Land das eigentliche Problem sind". Mehr als 7000 Dollar pro Einwohner geben US-Bürger für das Gesundheitssystem aus. Damit sind sie international Spitzenreiter – in Deutschland ist es im Pro-Kopf-Vergleich rund die Hälfte. Zudem sind die Ausgaben in den USA in den vergangenen sieben Jahren doppelt so schnell gestiegen wie in Deutschland.

Die Gesetzesentwürfe, bemängelt Lobbyist Elmendorf, böten für dieses Problem kaum Lösungen. Feinkosthändler Drauch hat da eigene Überlegungen. Eine Bekannte sei Oberschwester einer bekannten New Yorker Klinik: "Was glauben Sie, wie die reagiert, wenn ich ihr vorschlage, künftig statt 60 Dollar pro Stunde nur noch 20 Dollar zu verdienen?"

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