Was sind uns die Kinder wert?

Will man über das Leben der 13-jährigen Lea Berger* aus Schwerin und das ihrer beiden kleinen Brüder berichten, muss man in Bangladesch anfangen. Dort gibt es Kinder, die von zwei Schalen Reis am Tag leben, auf dem Boden schlafen und im Staub der Straßen um Almosen betteln, statt in die Schule zu gehen.

Kinder, die wirklich arm sind.

Aber ist Lea Berger deshalb reich?

3,11 Euro am Tag gewährt ihr der deutsche Staat für Essen. 25,07 Euro im Monat für Kleidung, 11,51 Euro im Monat für Straßenbahn- oder Busfahrkarten. Das muss genügen.

Lea Berger ist ein blondes, hübsches Mädchen, das morgens lange vor dem Spiegel steht. Vor allem aber ist sie eines von 1,7 Millionen Kindern in Deutschland, die in Hartz-IV-Familien leben. Kinder, denen der Staat ihr Leben finanziert, also die Steuerzahler. Wir alle.

Doch was sind uns die Kinder wert?

Mit dieser Frage wird sich am Dienstag kommender Woche das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe beschäftigen. Die Richter sollen herausfinden, ob der Staat die Hartz-IV-Sätze für Kinder korrekt ermittelt hat, ob die Methode stimmt, ob er es sich zu leicht macht.

Vordergründig geht es um eine juristische Angelegenheit. Dahinter aber steht eine politische Frage: Soll die künftige schwarz-gelbe Bundesregierung einer Familie wie den Bergers mehr Unterstützung zugestehen?

Man kann dazu Aufsätze, Thesenpapiere und Zahlenreihen heranziehen. Man kann aber auch das Leben der Familie Berger etwas genauer betrachten. Es werden dann alle gängigen Argumente für und gegen eine Erhöhung der Hartz-IV-Sätze auftauchen. Am Ende wird eine Antwort stehen.

Von der Wand lächelt ein pickelfreier Junge im grauen Kapuzenpulli. Auf dem Poster steht sein Name: Justin Bieber. Ein 15-jähriger Kanadier, der gerne singt und laut Bravo ein "süßer Shootingstar" ist. Lea Berger hat ihn sich ins Zimmer gehängt. Wahrscheinlich hat sie das mit Tausenden pubertierenden Mädchen gemein, die mehr Geld haben als sie. Genau wie die Jungennamen, die sie auf ihren Schreibtisch gemalt hat, immer andere, und immer hat sie " forever" dazugeschrieben. Genau wie die Streitereien mit ihrer Mutter, die "voll peinlich" ist und keine Ahnung hat.

Der Unterschied ist das Zimmer. Der Fußboden ist aus PVC, gewellt und aufgeplatzt. Der Unterschied ist der Schreibtisch. Klein, wackelig, vom Sperrmüll, genau wie das Bett und das Regal. Der Unterschied ist die Mutter. Karin Berger*, 33 Jahre alt, mittelgroß, kräftig, gelernte Verkäuferin, arbeitslos, alleinerziehend, drei Kinder, Hartz-IV-Empfängerin.

Der Unterschied ist immer die Mutter. Oder der Vater. In jedem Fall sind es die Eltern. Sie haben keine Arbeit oder jedenfalls keine gut bezahlte, ihnen fehlt das Geld, also haben auch die Kinder keines. Das Problem ist, dass es immer mehr solcher Eltern gibt.

In Stuttgart lebt inzwischen knapp jedes sechste Kind unter 15 Jahren von Hartz IV, in Hamburg fast jedes vierte. In Schwerin, wo die Kinderarmut so hoch ist wie nirgendwo sonst in Deutschland, sogar mehr als jedes dritte Kind. Die meisten von ihnen wohnen dort, wo auch Familie Berger wohnt: auf dem Großen Dreesch, einer Plattenbausiedlung, die vor der Wiedervereinigung den Architekturpreis der DDR gewann und nach der Wiedervereinigung die meisten ihrer Bewohner verlor. Zurück blieben vor allem diejenigen, die anderswo keine Wohnung finden. Aussiedler, Arbeitslose, Niedriglöhner.

 

Inmitten der großen Plattenbauten steht ein kleiner. Nur Erdgeschoss und erster Stock. Rosa gestrichen, gläserne Tür, darüber rote, blaue und gelbe Buchstaben: "Kinderland".

Karin Berger geht die Treppe hinauf. Ein Mädchen kreischt, ein Junge rennt vorbei, auf einer Kommode stehen Kastanienmännchen. Karin Berger holt ihren vierjährigen Sohn Marvin* aus dem Kindergarten ab. Marvin hält eine kleine Stoffkuh unter dem Arm. "Schnuffikuh", sagt er. Es ist alles wie immer.

Nur das Loch ist neu. "Das darf doch nicht wahr sein", sagt Karin Berger.

Das Loch klafft vorne in Marvins linkem Schuh. Olivgrüne Halbschuhe mit Klettverschluss sind das, 20 Euro haben sie gekostet. Karin Berger hat sie gekauft, als die alten nicht mehr zu kleben waren, vor ein paar Wochen erst. Bis zum Winter sollten sie halten, dann braucht Marvin warme Stiefel. Jetzt muss Karin Berger noch einmal Halbschuhe kaufen.

Man kann sich das Leben der Karin Berger als große Rechnerei vorstellen. 359 Euro bekommt sie selbst jeden Monat vom Staat, plus Miete. Das ist der Hartz-IV-Regelsatz für Erwachsene. Die Kinder erhalten weniger, 215 Euro der Jüngste und je 251 Euro die beiden Älteren. Dazu kommt ein Alleinerziehendenzuschlag, macht im Fall der Familie Berger insgesamt knapp 1200 Euro. So viel hat die Familie jeden Monat zum Leben.

Das Bundesarbeitsministerium hat diese Zahlen in einem aufwendigen statistischen Verfahren ermittelt. Es hat errechnet, wie viel Geld ein erwachsener Mensch in Deutschland jeden Monat benötigt, um Essen zu kaufen, Kleidung, Schuhe, Busfahrkarten. Und beschlossen, dass ein Kind weniger braucht. 60 Prozent dessen, was für den Erwachsenen berechnet wurde, wenn es noch im Kindergartenalter ist, 70 Prozent dann als Schulkind und 80 Prozent, sobald es 15 Jahre alt ist.

Aber es hat nicht daran gedacht, dass ein Mittagessen an Lea Bergers Schule 2,25 Euro kostet, und Lea damit, rein rechnerisch, ihr tägliches Essensgeld fast aufgebraucht hat. Es hat nicht daran gedacht, dass der vierjährige Marvin, als er sich die Windel abgewöhnte, öfter nachts in die Hose gepinkelt hat und jetzt dringend eine neue Matratze braucht. Es hat nicht daran gedacht, dass Karin Berger, als ihre Waschmaschine kaputtging, nicht auf einen Schlag 60, 70 Euro herbeizaubern konnte, um sich als Ersatz eine gebrauchte zu kaufen. Also hat sie eine neue gekauft, die kostete nur dreißig Euro, als erste Ratenzahlung. Aber jetzt überweist Karin Berger eben seit bald zwei Jahren jeden Monat dreißig Euro an den Elektroladen, mit Zins und Zinseszins.

Es gibt Rechnungen, wonach ein Hartz-IV-Empfänger von heute ungefähr so viel Geld zur Verfügung hat wie ein Facharbeiter in den siebziger Jahren. Womöglich stimmt das sogar.

Allerdings bekam der Facharbeiter vermutlich von den Schulen seiner Kinder keine lange Liste geschickt wie Karin Berger, mit all den Sachen, die für den Unterricht unverzichtbar seien. Zwei Paar Turnschuhe zum Beispiel, eines für drinnen, und eines für draußen, eine Turnhose, und zwar eine schwarze, ein T-Shirt, und zwar ein gelbes, zwei Füller, und zwar von einer bestimmten, teuren Marke. Allein die Bücher kosten heute pro Kind schnell mehr als siebzig Euro. Und mit Sicherheit bekamen die Kinder des Facharbeiters von ihren Lehrern nicht zu hören, sie mögen bitte diesen oder jenen Stoff im Internet nachlesen oder die zu bearbeitenden Hausaufgaben einer E-Mail entnehmen, so wie Karin Bergers Tochter Lea.

"Von welchem Geld soll ich denn auch noch einen Computer kaufen und den Internetanschluss bezahlen?", sagt Karin Berger.

Karin Berger ist nicht gierig. 20 Euro zusätzlich im Monat pro Kind, das würde ihr schon helfen, sagt sie. Aber das wären im Jahr 240 Euro pro Kind. Bei 1,7 Millionen Kindern, die von Hartz IV leben, wäre das knapp eine halbe Milliarde Euro.

 

Der Staat kann sich das nicht leisten.

Das ist der erste Einwand gegen eine Erhöhung der Hartz-IV-Sätze für Kinder. Das Argument "leere Kassen". Es ist auf den ersten Blick ein ziemlich überzeugendes Argument, und auf den zweiten Blick ein ziemlich scheinheiliges.

Tatsächlich lassen sich mit Hinweis auf die hohe Staatsverschuldung alle erdenklichen Arten von Ausgaben verweigern, einerseits. Andererseits ist in den schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen im Moment viel davon die Rede, den Familien in Deutschland zu helfen. Allein eine Erhöhung des Kindergeldes von derzeit 164 auf 190 Euro würde nicht eine halbe Milliarde, sondern fünf Milliarden Euro kosten. Nichts davon würde bei Familie Berger landen. Denn Hartz-IV-Empfänger bekommen kein Kindergeld. Das heißt, sie bekommen es schon, aber sie haben nichts davon, weil es ihnen vom Hartz-IV-Satz abgezogen wird, genau wie Karin Berger nichts davon hat, dass ihr Exmann, ein Koch, jeden Monat einen kleinen Unterhalt für die Kinder überweist. Auch das wird ihr von der staatlichen Unterstützung abgezogen. Am Ende bleiben die insgesamt 1200 Euro.

Lea sagte, sie wolle so gerne mit ihrer Mutti ins Plaza-Center. Für ein paar Stunden weg vom Großen Dreesch. Mal richtig shoppen gehen. Das Plaza-Center ist ein Einkaufszentrum am anderen Ende der Stadt. Es gibt dort einen Schuh-Discounter, eine Apotheke, einen Handyladen, einen Sexshop. Und es gibt Takko, wo man Wirklichkeit gewordene Bravo- Bilder kaufen kann. Die Hosen, die Röcke, die T-Shirts, die sonst die Stars tragen. Nur billiger. 20 Euro kostet eine Jeans. Hier war Lea schon öfter mit ihrer Mutti, mit ihren Freundinnen. Nur zum Gucken.

Sie sagte, es gebe da diesen Gürtel. Mit silbernen Glitzersteinen.

Wir haben kein Geld, antwortete Karin Berger.

Sie sagte, bitte, Mutti, nur einmal.

Geht nicht, antwortete Karin Berger.

Als Lea nichts mehr sagte, dachte Karin Berger, sie habe es eingesehen.

Tage später saß Karin Berger auf dem Balkon, verschnaufte ein wenig, die Sonne schien, da klingelte das Telefon. Die Polizei. Frau Berger solle bitte ihre Tochter von der Wache abholen.

"Sie hatte den Gürtel geklaut", sagt Karin Berger.

Während sie das erzählt, holt Karin Berger hin und wieder eine weiße Plastikschachtel hervor. Sie greift hinein, und ohne es zu ahnen, hat sie dann sozusagen den zweiten Einwand gegen eine Erhöhung der Hartz-IV-Sätze in der Hand. Eine Zigarette.

Karin Berger raucht zehn, zwölf Stück am Tag. Sie verzichtet dafür meistens aufs Mittagessen und dreht sich die Zigaretten selbst. Aber auch den Tabak gibt es nicht umsonst. Gäbe ihr der Staat mehr Geld für die Kinder, würde sie womöglich noch mehr rauchen, und Marvin hätte noch immer keine neuen Schuhe. Das ist das Argument "Schnaps und Zigaretten". Es ist sehr beliebt, spätestens seit der CDU-Politiker Philipp Mißfelder Anfang des Jahres sagte, eine Erhöhung der Hartz-IV-Sätze wäre gleichbedeutend mit einer Subvention für die Tabak- und Spirituosenindustrie.

In Wahrheit ist das ein sehr altes Argument. Schon im 12. Jahrhundert finden sich christliche Schriften, die zwischen würdigen und unwürdigen Armen unterscheiden. Den einen, Alten, Kranken, Gebrechlichen, solle man Almosen geben, den anderen, Faulen, Verwahrlosten, sei dieses zu verweigern. Heute sprechen Sozialwissenschaftler wie der Berliner Historiker Paul Nolte davon, der deutschen Unterschicht fehle es vor allem an bürgerlichen Tugenden. Am Verständnis für Tischsitten und gesunde Ernährung zum Beispiel. Erst wenn dieses erlernt sei, wäre über weitere Geldzuteilungen nachzudenken.

 

Man kann die Stichhaltigkeit dieses Arguments überprüfen, indem man Karin Berger ein Stück durch den Tag begleitet. Jeden Morgen, wenn die Kinder aus dem Haus sind, geht sie los, vorbei am Narzissen- und am Asternweg, biegt links ab, und dann ist sie schon da, in ihrem Schrebergarten, und hält die Hände in die Erde.

So nennt sie das, wenn sie Gemüse sät und Äpfel erntet, Beete umgräbt und das Unkraut jätet. Sie kocht Apfelmus und Marmeladen und stellt den Kindern auch dann Karotten und Schwarzwurzeln auf den Tisch, wenn diese mal wieder nach Pommes schreien. Wenn es um die Ernährung geht, verhält sich die Unterschichtangehörige Karin Berger also ziemlich bürgerlich, obwohl ihr das gar nicht bewusst ist. Ihr geht es auch beim Gemüseernten ums Geld.

Die Preise bei Penny um die Ecke hat sie alle im Kopf. Ein Kilo Porree: 99 Cent. Eine Gurke: 33 Cent. Ein Kilo Tomaten: 1,29 Euro. Zwei Kilo Äpfel: 1,99 Euro. Dieses Geld spart sie sich durch ihren Garten. Sie hat ihn von einem Bekannten übernommen, der dafür keine Zeit mehr hatte, zahlt nur 120 Euro im Jahr. "Die habe ich längst wieder drin", sagt sie.

Ist die Raucherin und Gärtnerin Karin Berger also nun eine würdige oder eine unwürdige Arme? Abgesehen davon, dass bei der Erhöhung des Kindergeldes niemand fragt, ob nicht auch mancher Ingenieur mit Kindern raucht oder zum Alkoholismus neigt, abgesehen davon, dass es wissenschaftliche Studien gibt, wonach die große Mehrheit der Hartz-IV-Empfänger eher an sich selbst als an den Kindern spare, gibt es eine einfache Lösung, jeglichen Missbrauch zu verhindern. Sogenannte Sachleistungen: kostenlose Schulbücher, freies Schulessen, Gratisfahrkarten für Bus und Straßenbahn. Die kann niemand vertrinken.

Zweimal die Woche um 7.45 Uhr spricht Peter Goosmann mit Lea Berger über die Liebe. Oder den Ärger mit ihrer Mutter. Oder auch nur das neue Lied von Justin Bieber. Was ihr eben so durch den Kopf geht. Montags und donnerstags nämlich fährt Peter Goosmann ein bisschen früher in die Schule. Damit die Kinder jemanden zum Reden haben.

Goosmann ist Lea Bergers Klassenlehrer. Ein muskulöser, 46-jähriger Mann mit kahl rasiertem Kopf und vom Solarium gebräunter Haut. Einer, der von sich sagt, ihm mache die Arbeit Spaß. Nicht wegen der Formeln und Gleichungen, über die er, der Mathelehrer, den halben Tag spricht. Sondern wegen der Schüler. Weil er ihnen ein Stück des Weges ins Leben zeigen will.

Man ist damit beim dritten Einwand gegen die Erhöhung der Hartz-IV-Sätze. Es ist das Argument "Chancengleichheit". Es besagt, dass es nicht darum gehe, allen Kindern gleich viel Geld zur Verfügung zu stellen. Schließlich sei der Sozialismus abgeschafft. Stattdessen komme es darauf an, dass alle die gleichen Chancen hätten, etwas aus sich zu machen, und das erreiche man nicht durch höhere Hartz-IV-Sätze.

Der Weg ins Leben ist heute mitunter ziemlich steil. Der Lehrer Goosmann hat das selbst bemerkt. Vor ein paar Jahren suchte seine Tochter eine Lehrstelle. Sie hatte einen Realschulabschluss vorzuweisen, keinen besonders guten, aber doch gut genug, um einen ordentlichen Ausbildungsplatz zu bekommen, als Bürokauffrau zum Beispiel. Dachte sie. Dachte auch Goosmann. Bis er selbst die 130 Absagen zählte, die sie bekam. Am Schluss kam sie in der Firma ihrer Mutter unter.

Und Lea Berger? Dumm sei sie nicht, sagt Goosmann. Aber in Englisch ziemlich schwach. Mit etwas Nachhilfeunterricht könne sie ohne Weiteres die mittlere Reife schaffen. Sonst sei wohl nur die Hauptschule drin.

Goosmann weiß selbst, was das bedeutet. Hauptschüler nimmt heute fast niemand mehr. Also hängt es von der Nachhilfe ab, ob Lea später eine Chance auf eine Lehrstelle hat. Ob sie Arbeit findet oder auch als Erwachsene noch Hartz IV bezieht.

 

Inzwischen bekommt in Deutschland fast jedes dritte Kind irgendwann Nachhilfe. Lea Berger wird kaum dazugehören. Auch Nachhilfeunterricht hat das Bundesarbeitsministerium bei der Berechnung des Hartz-IV-Satzes nicht vorgesehen.

Wenn Karin Berger durch Schwerin läuft, ist jeder Laden, an dem sie vorbeikommt, ein potenzieller Arbeitsplatz, sie hat ja Verkäuferin gelernt. Sie hat sich auch beworben, immer wieder, und immer wieder die gleiche Antwort bekommen: Alleinerziehend mit drei Kindern? Nein, danke.

Vor ein paar Monaten hat sie dann doch Arbeit gefunden. Bei einem Gemüsehändler, der ein halbes Dutzend Läden hat, über die Stadt verteilt. Sie hat mal am Bahnhof gearbeitet, mal in der Innenstadt, hat Karotten geschleppt, Kisten gepackt und darauf geachtet, dass die frischen Tomaten stets oben lagen. Sie hat sich mit den Kunden übers Wetter unterhalten und mit den Kollegen über die Kinder. Sie war endlich wieder unter Leuten. Bis auf einmal der Lohn ausblieb. Obwohl sie ohnehin nur 3,30 Euro die Stunde verdiente.

Ihr Chef habe einfach aufgehört zu zahlen, sagt sie. Einen Monat lang. Vielleicht weil das Geschäft so schlecht lief, vielleicht weil er sie betrügen wollte, Karin Berger weiß es nicht. Sie hat dann gekündigt.

Angenommen, es wäre anders gekommen. Angenommen, sie hätte einen seriöseren Arbeitgeber gefunden, einen, der ihr nicht 3,30 Euro pro Stunde gezahlt hätte, sondern vielleicht sechs, sieben oder acht Euro. Mehr bekommt fast keine Verkäuferin in Schwerin. Selbst dann wäre sie zuzüglich Kindergeld und abzüglich Miete bestenfalls auf 1400 Euro gekommen, nur 200 Euro mehr, als sie jetzt schon erhält. Und doch wäre sie für diese 200 Euro jeden Tag arbeiten gegangen.

Das ist der gewichtigste Einwand gegen eine Erhöhung der Hartz-IV-Sätze. Das Argument "Lohnabstand". Es besagt, dass es einen deutlichen Unterschied geben sollte zwischen dem Arbeitslosengeld und dem Arbeitseinkommen. Sonst gehe der ökonomische Anreiz zum Arbeiten verloren. Das ist eine Frage der volkswirtschaftlichen Vernunft.

Das Problem ist nur, dass in Deutschland die unteren Arbeitseinkommen seit Jahren immer weiter sinken. Wachleute, Friseurinnen, Callcenteragenten, sie alle verdienen kaum mehr als Hartz-IV-Empfänger und oft weniger, sodass sie noch zusätzlich staatliche Unterstützung erhalten. Folgte man allein der Vernunft ökonomischer Anreize, dürften die Hartz-IV-Sätze nicht steigen, sie müssten sinken. Aber wie weit? Wo wäre das Ende erreicht? Und worauf müssten die Kinder dann noch verzichten?

Man ist damit beim letzten Argument angekommen. Es ist kein Argument gegen, sondern für eine Erhöhung der Hartz-IV-Sätze. Oder zumindest ein Argument für freies Schulessen, kostenlose Busfahrkarten und Gratis-Gutscheine für Nachhilfeunterricht und Musikstunden. Es besagt, dass es Dinge gibt, die wichtiger sind als Anreize: zum Beispiel, dass der Staat die Pflicht hat, dafür zu sorgen, dass alle Kinder eine Zukunft haben.

(*Name geändert)