Inmitten der großen Plattenbauten steht ein kleiner. Nur Erdgeschoss und erster Stock. Rosa gestrichen, gläserne Tür, darüber rote, blaue und gelbe Buchstaben: "Kinderland".

Karin Berger geht die Treppe hinauf. Ein Mädchen kreischt, ein Junge rennt vorbei, auf einer Kommode stehen Kastanienmännchen. Karin Berger holt ihren vierjährigen Sohn Marvin* aus dem Kindergarten ab. Marvin hält eine kleine Stoffkuh unter dem Arm. "Schnuffikuh", sagt er. Es ist alles wie immer.

Nur das Loch ist neu. "Das darf doch nicht wahr sein", sagt Karin Berger.

Das Loch klafft vorne in Marvins linkem Schuh. Olivgrüne Halbschuhe mit Klettverschluss sind das, 20 Euro haben sie gekostet. Karin Berger hat sie gekauft, als die alten nicht mehr zu kleben waren, vor ein paar Wochen erst. Bis zum Winter sollten sie halten, dann braucht Marvin warme Stiefel. Jetzt muss Karin Berger noch einmal Halbschuhe kaufen.

Man kann sich das Leben der Karin Berger als große Rechnerei vorstellen. 359 Euro bekommt sie selbst jeden Monat vom Staat, plus Miete. Das ist der Hartz-IV-Regelsatz für Erwachsene. Die Kinder erhalten weniger, 215 Euro der Jüngste und je 251 Euro die beiden Älteren. Dazu kommt ein Alleinerziehendenzuschlag, macht im Fall der Familie Berger insgesamt knapp 1200 Euro. So viel hat die Familie jeden Monat zum Leben.

Das Bundesarbeitsministerium hat diese Zahlen in einem aufwendigen statistischen Verfahren ermittelt. Es hat errechnet, wie viel Geld ein erwachsener Mensch in Deutschland jeden Monat benötigt, um Essen zu kaufen, Kleidung, Schuhe, Busfahrkarten. Und beschlossen, dass ein Kind weniger braucht. 60 Prozent dessen, was für den Erwachsenen berechnet wurde, wenn es noch im Kindergartenalter ist, 70 Prozent dann als Schulkind und 80 Prozent, sobald es 15 Jahre alt ist.

Aber es hat nicht daran gedacht, dass ein Mittagessen an Lea Bergers Schule 2,25 Euro kostet, und Lea damit, rein rechnerisch, ihr tägliches Essensgeld fast aufgebraucht hat. Es hat nicht daran gedacht, dass der vierjährige Marvin, als er sich die Windel abgewöhnte, öfter nachts in die Hose gepinkelt hat und jetzt dringend eine neue Matratze braucht. Es hat nicht daran gedacht, dass Karin Berger, als ihre Waschmaschine kaputtging, nicht auf einen Schlag 60, 70 Euro herbeizaubern konnte, um sich als Ersatz eine gebrauchte zu kaufen. Also hat sie eine neue gekauft, die kostete nur dreißig Euro, als erste Ratenzahlung. Aber jetzt überweist Karin Berger eben seit bald zwei Jahren jeden Monat dreißig Euro an den Elektroladen, mit Zins und Zinseszins.

Es gibt Rechnungen, wonach ein Hartz-IV-Empfänger von heute ungefähr so viel Geld zur Verfügung hat wie ein Facharbeiter in den siebziger Jahren. Womöglich stimmt das sogar.

Allerdings bekam der Facharbeiter vermutlich von den Schulen seiner Kinder keine lange Liste geschickt wie Karin Berger, mit all den Sachen, die für den Unterricht unverzichtbar seien. Zwei Paar Turnschuhe zum Beispiel, eines für drinnen, und eines für draußen, eine Turnhose, und zwar eine schwarze, ein T-Shirt, und zwar ein gelbes, zwei Füller, und zwar von einer bestimmten, teuren Marke. Allein die Bücher kosten heute pro Kind schnell mehr als siebzig Euro. Und mit Sicherheit bekamen die Kinder des Facharbeiters von ihren Lehrern nicht zu hören, sie mögen bitte diesen oder jenen Stoff im Internet nachlesen oder die zu bearbeitenden Hausaufgaben einer E-Mail entnehmen, so wie Karin Bergers Tochter Lea.

"Von welchem Geld soll ich denn auch noch einen Computer kaufen und den Internetanschluss bezahlen?", sagt Karin Berger.

Karin Berger ist nicht gierig. 20 Euro zusätzlich im Monat pro Kind, das würde ihr schon helfen, sagt sie. Aber das wären im Jahr 240 Euro pro Kind. Bei 1,7 Millionen Kindern, die von Hartz IV leben, wäre das knapp eine halbe Milliarde Euro.