Der Staat kann sich das nicht leisten.

Das ist der erste Einwand gegen eine Erhöhung der Hartz-IV-Sätze für Kinder. Das Argument "leere Kassen". Es ist auf den ersten Blick ein ziemlich überzeugendes Argument, und auf den zweiten Blick ein ziemlich scheinheiliges.

Tatsächlich lassen sich mit Hinweis auf die hohe Staatsverschuldung alle erdenklichen Arten von Ausgaben verweigern, einerseits. Andererseits ist in den schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen im Moment viel davon die Rede, den Familien in Deutschland zu helfen. Allein eine Erhöhung des Kindergeldes von derzeit 164 auf 190 Euro würde nicht eine halbe Milliarde, sondern fünf Milliarden Euro kosten. Nichts davon würde bei Familie Berger landen. Denn Hartz-IV-Empfänger bekommen kein Kindergeld. Das heißt, sie bekommen es schon, aber sie haben nichts davon, weil es ihnen vom Hartz-IV-Satz abgezogen wird, genau wie Karin Berger nichts davon hat, dass ihr Exmann, ein Koch, jeden Monat einen kleinen Unterhalt für die Kinder überweist. Auch das wird ihr von der staatlichen Unterstützung abgezogen. Am Ende bleiben die insgesamt 1200 Euro.

Lea sagte, sie wolle so gerne mit ihrer Mutti ins Plaza-Center. Für ein paar Stunden weg vom Großen Dreesch. Mal richtig shoppen gehen. Das Plaza-Center ist ein Einkaufszentrum am anderen Ende der Stadt. Es gibt dort einen Schuh-Discounter, eine Apotheke, einen Handyladen, einen Sexshop. Und es gibt Takko, wo man Wirklichkeit gewordene Bravo- Bilder kaufen kann. Die Hosen, die Röcke, die T-Shirts, die sonst die Stars tragen. Nur billiger. 20 Euro kostet eine Jeans. Hier war Lea schon öfter mit ihrer Mutti, mit ihren Freundinnen. Nur zum Gucken.

Sie sagte, es gebe da diesen Gürtel. Mit silbernen Glitzersteinen.

Wir haben kein Geld, antwortete Karin Berger.

Sie sagte, bitte, Mutti, nur einmal.

Geht nicht, antwortete Karin Berger.

Als Lea nichts mehr sagte, dachte Karin Berger, sie habe es eingesehen.

Tage später saß Karin Berger auf dem Balkon, verschnaufte ein wenig, die Sonne schien, da klingelte das Telefon. Die Polizei. Frau Berger solle bitte ihre Tochter von der Wache abholen.

"Sie hatte den Gürtel geklaut", sagt Karin Berger.

Während sie das erzählt, holt Karin Berger hin und wieder eine weiße Plastikschachtel hervor. Sie greift hinein, und ohne es zu ahnen, hat sie dann sozusagen den zweiten Einwand gegen eine Erhöhung der Hartz-IV-Sätze in der Hand. Eine Zigarette.

Karin Berger raucht zehn, zwölf Stück am Tag. Sie verzichtet dafür meistens aufs Mittagessen und dreht sich die Zigaretten selbst. Aber auch den Tabak gibt es nicht umsonst. Gäbe ihr der Staat mehr Geld für die Kinder, würde sie womöglich noch mehr rauchen, und Marvin hätte noch immer keine neuen Schuhe. Das ist das Argument "Schnaps und Zigaretten". Es ist sehr beliebt, spätestens seit der CDU-Politiker Philipp Mißfelder Anfang des Jahres sagte, eine Erhöhung der Hartz-IV-Sätze wäre gleichbedeutend mit einer Subvention für die Tabak- und Spirituosenindustrie.

In Wahrheit ist das ein sehr altes Argument. Schon im 12. Jahrhundert finden sich christliche Schriften, die zwischen würdigen und unwürdigen Armen unterscheiden. Den einen, Alten, Kranken, Gebrechlichen, solle man Almosen geben, den anderen, Faulen, Verwahrlosten, sei dieses zu verweigern. Heute sprechen Sozialwissenschaftler wie der Berliner Historiker Paul Nolte davon, der deutschen Unterschicht fehle es vor allem an bürgerlichen Tugenden. Am Verständnis für Tischsitten und gesunde Ernährung zum Beispiel. Erst wenn dieses erlernt sei, wäre über weitere Geldzuteilungen nachzudenken.