Man kann die Stichhaltigkeit dieses Arguments überprüfen, indem man Karin Berger ein Stück durch den Tag begleitet. Jeden Morgen, wenn die Kinder aus dem Haus sind, geht sie los, vorbei am Narzissen- und am Asternweg, biegt links ab, und dann ist sie schon da, in ihrem Schrebergarten, und hält die Hände in die Erde.

So nennt sie das, wenn sie Gemüse sät und Äpfel erntet, Beete umgräbt und das Unkraut jätet. Sie kocht Apfelmus und Marmeladen und stellt den Kindern auch dann Karotten und Schwarzwurzeln auf den Tisch, wenn diese mal wieder nach Pommes schreien. Wenn es um die Ernährung geht, verhält sich die Unterschichtangehörige Karin Berger also ziemlich bürgerlich, obwohl ihr das gar nicht bewusst ist. Ihr geht es auch beim Gemüseernten ums Geld.

Die Preise bei Penny um die Ecke hat sie alle im Kopf. Ein Kilo Porree: 99 Cent. Eine Gurke: 33 Cent. Ein Kilo Tomaten: 1,29 Euro. Zwei Kilo Äpfel: 1,99 Euro. Dieses Geld spart sie sich durch ihren Garten. Sie hat ihn von einem Bekannten übernommen, der dafür keine Zeit mehr hatte, zahlt nur 120 Euro im Jahr. "Die habe ich längst wieder drin", sagt sie.

Ist die Raucherin und Gärtnerin Karin Berger also nun eine würdige oder eine unwürdige Arme? Abgesehen davon, dass bei der Erhöhung des Kindergeldes niemand fragt, ob nicht auch mancher Ingenieur mit Kindern raucht oder zum Alkoholismus neigt, abgesehen davon, dass es wissenschaftliche Studien gibt, wonach die große Mehrheit der Hartz-IV-Empfänger eher an sich selbst als an den Kindern spare, gibt es eine einfache Lösung, jeglichen Missbrauch zu verhindern. Sogenannte Sachleistungen: kostenlose Schulbücher, freies Schulessen, Gratisfahrkarten für Bus und Straßenbahn. Die kann niemand vertrinken.

Zweimal die Woche um 7.45 Uhr spricht Peter Goosmann mit Lea Berger über die Liebe. Oder den Ärger mit ihrer Mutter. Oder auch nur das neue Lied von Justin Bieber. Was ihr eben so durch den Kopf geht. Montags und donnerstags nämlich fährt Peter Goosmann ein bisschen früher in die Schule. Damit die Kinder jemanden zum Reden haben.

Goosmann ist Lea Bergers Klassenlehrer. Ein muskulöser, 46-jähriger Mann mit kahl rasiertem Kopf und vom Solarium gebräunter Haut. Einer, der von sich sagt, ihm mache die Arbeit Spaß. Nicht wegen der Formeln und Gleichungen, über die er, der Mathelehrer, den halben Tag spricht. Sondern wegen der Schüler. Weil er ihnen ein Stück des Weges ins Leben zeigen will.

Man ist damit beim dritten Einwand gegen die Erhöhung der Hartz-IV-Sätze. Es ist das Argument "Chancengleichheit". Es besagt, dass es nicht darum gehe, allen Kindern gleich viel Geld zur Verfügung zu stellen. Schließlich sei der Sozialismus abgeschafft. Stattdessen komme es darauf an, dass alle die gleichen Chancen hätten, etwas aus sich zu machen, und das erreiche man nicht durch höhere Hartz-IV-Sätze.

Der Weg ins Leben ist heute mitunter ziemlich steil. Der Lehrer Goosmann hat das selbst bemerkt. Vor ein paar Jahren suchte seine Tochter eine Lehrstelle. Sie hatte einen Realschulabschluss vorzuweisen, keinen besonders guten, aber doch gut genug, um einen ordentlichen Ausbildungsplatz zu bekommen, als Bürokauffrau zum Beispiel. Dachte sie. Dachte auch Goosmann. Bis er selbst die 130 Absagen zählte, die sie bekam. Am Schluss kam sie in der Firma ihrer Mutter unter.

Und Lea Berger? Dumm sei sie nicht, sagt Goosmann. Aber in Englisch ziemlich schwach. Mit etwas Nachhilfeunterricht könne sie ohne Weiteres die mittlere Reife schaffen. Sonst sei wohl nur die Hauptschule drin.

Goosmann weiß selbst, was das bedeutet. Hauptschüler nimmt heute fast niemand mehr. Also hängt es von der Nachhilfe ab, ob Lea später eine Chance auf eine Lehrstelle hat. Ob sie Arbeit findet oder auch als Erwachsene noch Hartz IV bezieht.