Inzwischen bekommt in Deutschland fast jedes dritte Kind irgendwann Nachhilfe. Lea Berger wird kaum dazugehören. Auch Nachhilfeunterricht hat das Bundesarbeitsministerium bei der Berechnung des Hartz-IV-Satzes nicht vorgesehen.

Wenn Karin Berger durch Schwerin läuft, ist jeder Laden, an dem sie vorbeikommt, ein potenzieller Arbeitsplatz, sie hat ja Verkäuferin gelernt. Sie hat sich auch beworben, immer wieder, und immer wieder die gleiche Antwort bekommen: Alleinerziehend mit drei Kindern? Nein, danke.

Vor ein paar Monaten hat sie dann doch Arbeit gefunden. Bei einem Gemüsehändler, der ein halbes Dutzend Läden hat, über die Stadt verteilt. Sie hat mal am Bahnhof gearbeitet, mal in der Innenstadt, hat Karotten geschleppt, Kisten gepackt und darauf geachtet, dass die frischen Tomaten stets oben lagen. Sie hat sich mit den Kunden übers Wetter unterhalten und mit den Kollegen über die Kinder. Sie war endlich wieder unter Leuten. Bis auf einmal der Lohn ausblieb. Obwohl sie ohnehin nur 3,30 Euro die Stunde verdiente.

Ihr Chef habe einfach aufgehört zu zahlen, sagt sie. Einen Monat lang. Vielleicht weil das Geschäft so schlecht lief, vielleicht weil er sie betrügen wollte, Karin Berger weiß es nicht. Sie hat dann gekündigt.

Angenommen, es wäre anders gekommen. Angenommen, sie hätte einen seriöseren Arbeitgeber gefunden, einen, der ihr nicht 3,30 Euro pro Stunde gezahlt hätte, sondern vielleicht sechs, sieben oder acht Euro. Mehr bekommt fast keine Verkäuferin in Schwerin. Selbst dann wäre sie zuzüglich Kindergeld und abzüglich Miete bestenfalls auf 1400 Euro gekommen, nur 200 Euro mehr, als sie jetzt schon erhält. Und doch wäre sie für diese 200 Euro jeden Tag arbeiten gegangen.

Das ist der gewichtigste Einwand gegen eine Erhöhung der Hartz-IV-Sätze. Das Argument "Lohnabstand". Es besagt, dass es einen deutlichen Unterschied geben sollte zwischen dem Arbeitslosengeld und dem Arbeitseinkommen. Sonst gehe der ökonomische Anreiz zum Arbeiten verloren. Das ist eine Frage der volkswirtschaftlichen Vernunft.

Das Problem ist nur, dass in Deutschland die unteren Arbeitseinkommen seit Jahren immer weiter sinken. Wachleute, Friseurinnen, Callcenteragenten, sie alle verdienen kaum mehr als Hartz-IV-Empfänger und oft weniger, sodass sie noch zusätzlich staatliche Unterstützung erhalten. Folgte man allein der Vernunft ökonomischer Anreize, dürften die Hartz-IV-Sätze nicht steigen, sie müssten sinken. Aber wie weit? Wo wäre das Ende erreicht? Und worauf müssten die Kinder dann noch verzichten?

Man ist damit beim letzten Argument angekommen. Es ist kein Argument gegen, sondern für eine Erhöhung der Hartz-IV-Sätze. Oder zumindest ein Argument für freies Schulessen, kostenlose Busfahrkarten und Gratis-Gutscheine für Nachhilfeunterricht und Musikstunden. Es besagt, dass es Dinge gibt, die wichtiger sind als Anreize: zum Beispiel, dass der Staat die Pflicht hat, dafür zu sorgen, dass alle Kinder eine Zukunft haben.

(*Name geändert)