Auch auf diesem schönen Gemälde aus dem Jahre 1827 kann man sehen, warum bei Carl Gustav Carus am Ende die Romantik immer den Hut nimmt. Und, mit kurzem Gruß, das Bild verlässt. Denn so fein es Carus gelingt, das Licht auf dem athletischen Rücken des Ruderers zum Leuchten zu bringen, so suggestiv er den Blick der Dame links mit dem des Betrachters verschmelzen lässt und so traumhaft sich hinten am Horizont Dresden aus dem Dunst erhebt, als sei es Atlantis (oder wenigstens Venedig): In der Sekunde, in der man den abgelegten Hut rechts im Schatten entdeckt hat, nimmt der Gefühlssturz seinen Lauf.

Denn je genauer man hinschaut, umso deutlicher merkt man, dass hier eine irritierende Pedanterie am Werke ist, als gelte es nicht das simple Flechtwerk zu malen, sondern ein exaktes Hutporträt für einen Polizeibericht. Und als hätte der verdammte Hut einem plötzlich den Blick vom Weitwinkel auf ein Teleobjektiv verengt, sieht man plötzlich auch, dass die Stützbalken im Innern des Bootes perspektivisch deutlich knarren und mit einem streberhaften schwarzen Strich umlegt sind. Und so entweicht dem Werk die romantische Magie. Diese Kahnfahrt auf der Elbe aus dem Jahre 1827 beinhaltet die ganze Könnerschaft und die ganze Tragödie des Carl Gustav Carus.

Man könnte auch ganz anders anfangen: Es ist eine Freude, zu sehen, mit welcher Energie und Akribie die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und die Berliner Museen in jahrelanger Vorbereitungszeit einen mustergültigen Gesamtblick auf Carl Gustav Carus (1789 bis 1869) entwickelt haben, der nun in einem umfassendes zweibändigen Katalogwerk und einer große Ausstellung gezeigt wird. Die Schau wird, nach ihrem Auftakt in Dresden im Sommer, jetzt den Herbst über in der Alten Nationalgalerie in Berlin dem überraschten Publikum einen weithin unbekannten Universalgelehrten und Künstler des 19. Jahrhunderts vorstellen. Und wir alle werden Carl Gustav Carus danach nicht wieder vergessen.

Denn wir ausdifferenzierte Bewohner des Jahrhunderts der Distinktionen und Spezialgebiete schauen voller Staunen auf einen Mann, der keine Grenzen kannte: der mit zweiundzwanzig Jahren gleichzeitig über Rheuma und mit einer Abhandlung über einen Entwurf für eine allgemeine Lebenslehre promovierte, der als Leiter der Gynäkologie in Dresden viele Tausend Kinder auf die Welt brachte und mit Goethe, Humboldt, Schinkel in regem Kontakt stand, der über Landschaftsmalerei ebenso große Schriften verfasste wie über römische Münzfunde. Der einen Gebärstuhl entwickelte, Bergkristalle sammelte und menschliche Schädel und 1827, als er die abgebildete Elbfahrt malte, Leibarzt der sächsischen Königsfamilie wurde. Der tagsüber einen Kalender für den weiblichen Zyklus und eine Grundlegung der abendländischen Philosophie entwarf, abends mit Caspar David Friedrich durch die Elbauen streifte, um das romantische große Ganze zu erspüren, und danach an seiner Schrift Über den beschleunigten Blutkreislauf in den Larven netzflügeliger Insecten arbeitete.

Er prägte in seiner Schrift Psyche von 1846 das Wort vom "Unbewusstsein" und war mit seiner Tiefenpsychologie ein Anreger Freuds. Carus wirkt, als habe er die romantische Verbindung von Philosophie, empirischer Forschung, ärztlicher Praxis und künstlerischer Erfindung als frühmoderne Ich-AG zu realisieren versucht. Seine ungeheure Energie dabei war offenbar auch aus dem Trotz gespeist: Bevor er wirklich Professor wurde, erlebte er eine Kette unzähliger Ablehnungen, von seinen elf Kindern verlor er neun, und der verehrte Goethe schickte die Gemälde, die ihm Carus als Geschenk zugesandt hatte, regelmäßig zurück. Sein Lebensthema war der Kampf um Anerkennung. Und sein Lebenstrauma war, dass ihm Caspar David Friedrich diese am Ende doch versagte.

Der Katalog und die Ausstellung umkreisen deshalb zu Recht die künstlerische und persönliche Beziehung zwischen diesen beiden Dresdner Ausnahmefiguren des frühen 19. Jahrhunderts. Der fünfzehn Jahre ältere Friedrich, der Deutsche Weltmeister der Romantik, war für Carus erst verehrtes Idol, dann geliebter Freund und schließlich unsicher beäugter Feind. Der Arzt Carus war als Maler Autodidakt und sog begierig Friedrichs Wissen auf und wenig später auch dessen Symbolik und Bildsprache.

Ein bislang nicht entschlüsselter Eintrag in Friedrichs kunsttheoretischem Manuskript Äußerungen von 1829 wirft nun ein klares Licht auf die Entfremdung: "Was XX über die Kunst spricht, ist nicht ohne Wert und hört sich gut an und ist auch lehrreich, was er aber malt, sieht sich schlecht an und ist ohne allen Wert sowohl als Schöpfung des Geistes wie auch als Machwerk der Hand." Und dieser Mr. XX, das kann Helmut Börsch-Supan in seinem Katalogbeitrag belegen, ist niemand anderes als Carl Gustav Carus. Carus selbst kontert diese tiefe Kränkung, indem er Freunden schreibt, dass Friedrich leider sehr alt und paranoid geworden sei.