Die Frau aus Russland, die sich für den Nachmittag angemeldet hatte, ist nicht aufgetaucht. Gieri Cathomas hat längst aufgehört, sich über so etwas aufzuregen. So sind sie halt, seine Kunden: "Sehr fordernd." Und erst die Zahlungsmoral: "Unhelvetisch!" Sogar bei Regierungsmitgliedern aus den Golfstaaten. Zuerst heißt es monatelang, die Rechnung sei nicht angekommen, dann wollen sie nachverhandeln. Fragt man Cathomas, was die Schweiz brauche, um zur führenden Gesundheitsdestination zu werden, lehnt er sich seufzend in seinem Ledersessel zurück und sagt: "Engelsgeduld."

Gieri Cathomas ist Geschäftsleiter der Double Check AG in Zürich, die sich auf medizinische Vorsorgeuntersuchungen und Zweitmeinungen für reiche ausländische Patienten spezialisiert hat. 5000 bis 6000 Franken kostet hier ein Gesundheitscheck. Die meisten Kunden kommen aus Russland, der Ukraine, Kasachstan, dem Nahen Osten. Es sind Wirtschaftsführer, Minister, Neureiche, Mitglieder von Königsfamilien; Menschen, die ihren Arztbesuch wie eine geheime Mission behandeln, um im Heimatland ja keine Spekulationen entstehen zu lassen. Sie fliegen mit dem Privatjet ein und lassen sich in einer abgedunkelten Limousine vom Flughafen direkt in die Tiefgarage des Double-Check-Centers chauffieren.

Die Firma von Cathomas hat zwar einen festangestellten Arzt, arbeitet ansonsten aber mit Chefärzten der Universitätsklinik Zürich zusammen. Wer zu Double Check kommt, hat Zugang zu international renommierten Spezialisten – so lautet das Versprechen, das Cathomas seinen Kunden macht. Und wenn der Emir eines reichen Öllands es wünscht, dann kommt der Geschäftsleiter auch mal höchstpersönlich vorbei. "Hand schütteln, ein paar Worte wechseln. Diese Patienten wollen den Direktor persönlich sehen, die schätzen Titel, das große Kino."

Der Unternehmer aus Bukarest, ein treuer Kunde von Cathomas, sagt es so: "Mein Vater muss operiert werden. Ich werde ihn zu Double Check bringen. Die können ihn, wenn nötig, ohne Wartezeit ins Spital überweisen. Den Schweizer Ärzten vertraue ich. Denen in Rumänien nicht."

Dies ist "das Grundvertrauen in das Gesundheitsland Schweiz", wie es die Denkfabrik GDI letztes Jahr in einer Studie aufzeigte. Gestützt darauf, hätte die Schweiz die besten Voraussetzungen, eine Hochburg des Medizintourismus zu werden. Aber, so das Fazit: Topärzte, führende Pharma- und Medizintechnikfirmen, Hygiene, Sicherheit, Weltklassehotels, eine schöne Landschaft – all das "reicht nicht, um in Zukunft mit an der Spitze zu sein. Dafür braucht es eine Vision und eine branchenübergreifende Strategie."

Die Schweiz muss sich sputen. Denn gute medizinische Behandlung, hervorragende Ausrüstung plus Luxus gibt es inzwischen auch in Thailand, Singapur oder Malaysia. Zu Discountpreisen. Auch andere, teure Destinationen wie Deutschland und Israel sind erfolgreiche Player im globalen Patienten-Freihandel. Längst haben die Kranken dank Internet und billiger Flugtickets begonnen, dorthin zu reisen, wo ihnen das beste Preis-Leistungs-Verhältnis geboten wird. In Thailand lassen sich jährlich 1,5 Millionen Ausländer verarzten. Eine neue Hüfte kostet im Bangkok Hospital Medical Center rund 8000 Dollar, in den USA 45.000 Dollar, in der Schweiz 40.000 Franken.

Und während auf den Gesundheitsmessen in Moskau und Dubai andere Länder geschlossen Präsenz markieren, mit riesigen Ständen, geht die Schweiz daneben unter, weil immer noch jede Klinik für sich allein wirbt. In Bayern zum Beispiel fördert das Gesundheitsministerium die Vernetzung und Vermarktung von Medizin, Technologie und Tourismus seit über vier Jahren unter dem Brand "Bavaria – Better State of Health". Das ist einprägsam wie ein Pop-Refrain.

Der König geht zum Arzt, das Gefolge zum Shoppen

Jährlich lassen sich 30.000 Patienten aus dem Ausland für insgesamt eine Milliarde Franken in Schweizer Spitälern behandeln. Hinzu kommen 500.000 Hotelübernachtungen, weil die Kranken selten ohne Familie reisen – sowie die Shopping-Ausgaben. Der inzwischen verstorbene saudische König Fahd, der sich 2002 in Genf die Augen operieren ließ, reiste mit mehreren Hundert Personen an, die in Luxushotels logierten und, so das Gerücht, im Laufe von drei Monaten 520 Millionen Franken verprassten. Eher unter Risiken und Nebenwirkungen des Medizintourismus abzubuchen wäre dann der Fall von Hannibal Gadhafi, der letztes Jahr mit seiner hochschwangeren Frau Aline für die Geburt seines Kindes nach Genf reiste – mit den bekannten Folgen.