Ein Feuerlöscher war schuld. Als Cem Özdemir in der neunten Klasse war, machte die Kunstlehrerin mit den Schülern einen Ausflug in die Staatsgalerie Stuttgart . Jeder Schüler sollte sich ein Bild aussuchen und es abmalen. Mariabilder, Schwäbischer Klassizismus, Romantik. Doch der 15-Jährige wollte sich keinen der Alten Meister als Vorbild nehmen. So stellte er sich vor einen Feuerlöscher, der an der Wand hing, und zeichnete diesen ab. Die Lehrerin wurde böse.
Die Erwartungen seiner Umwelt hat er also schon immer gern unterlaufen. Seit Cem Özdemir als Mensch und Politiker in der Öffentlichkeit steht, wird er auf zwei unterschiedliche Arten wahrgenommen. "Über meine Identität haben meist andere diskutiert, ich selbst weniger", sagt er heute. Das ist natürlich Koketterie. Kaum ein Einwandererkind hat es bisher in der deutschen Politik so weit gebracht wie der Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen . Und kaum ein anderer hat so frühzeitig und erfolgreich verstanden, seine Identität zu vermarkten. Auf diese Weise wurde er für die deutsche Seite zum Symbol gelungener Integration: der erste türkischstämmige Abgeordnete im Bundestag, der als Hauptschüler belächelt wurde, weil er aufs Gymnasium wollte, später sein Fachabitur nachholte und Sozialpädagogik studierte. Für die Gutmenschen war er die Erfüllung ihrer multikulturellen Träume. Heute müsste man sagen: im Sarrazinschen Sinne unmöglich.