Ein Feuerlöscher war schuld. Als Cem Özdemir in der neunten Klasse war, machte die Kunstlehrerin mit den Schülern einen Ausflug in die Staatsgalerie Stuttgart . Jeder Schüler sollte sich ein Bild aussuchen und es abmalen. Mariabilder, Schwäbischer Klassizismus, Romantik. Doch der 15-Jährige wollte sich keinen der Alten Meister als Vorbild nehmen. So stellte er sich vor einen Feuerlöscher, der an der Wand hing, und zeichnete diesen ab. Die Lehrerin wurde böse.

Die Erwartungen seiner Umwelt hat er also schon immer gern unterlaufen. Seit Cem Özdemir als Mensch und Politiker in der Öffentlichkeit steht, wird er auf zwei unterschiedliche Arten wahrgenommen. »Über meine Identität haben meist andere diskutiert, ich selbst weniger«, sagt er heute. Das ist natürlich Koketterie. Kaum ein Einwandererkind hat es bisher in der deutschen Politik so weit gebracht wie der Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen . Und kaum ein anderer hat so frühzeitig und erfolgreich verstanden, seine Identität zu vermarkten. Auf diese Weise wurde er für die deutsche Seite zum Symbol gelungener Integration: der erste türkischstämmige Abgeordnete im Bundestag, der als Hauptschüler belächelt wurde, weil er aufs Gymnasium wollte, später sein Fachabitur nachholte und Sozialpädagogik studierte. Für die Gutmenschen war er die Erfüllung ihrer multikulturellen Träume. Heute müsste man sagen: im Sarrazinschen Sinne unmöglich.

Ihr erster Landsmann im Bundestag war nicht so wie sie

Für die türkische Seite war der 43-Jährige das in gewisser Weise auch – nur mit anderen Erwartungen. Viele aus der Generation seiner Eltern waren stolz auf ihn. Stolz darauf, dass es »einer von ihnen« geschafft hatte. Er war ihr Erlöser, ihr Aushängeschild, der lebende Beweis dafür, dass es richtig war, nach Deutschland gekommen zu sein. All die Demütigungen, die harte, dreckige Arbeit in den Fabriken, das Zusammengepferchtsein in Wohnheimen: Wenn wir solche Kinder hervorbringen wie »unseren Cem«, glaubten viele, dann hat sich die Mühe gelohnt.

Doch sie mussten bald feststellen: Ihr erster »Landsmann« im Bundestag war nicht so wie sie. Gökay Sofuoğlu kann sich noch gut daran erinnern, er kennt Özdemir seit Beginn seiner Karriere. Der ehemalige Journalist und heutige Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Baden-Württemberg arbeitete für die Milliyet, als Özdemir 1989 in den Landesvorstand der Grünen gewählt wurde. Sofuoğlu war einer der Ersten, die ihn für eine türkische Zeitung interviewten. Mit einer Sache hatte er nicht gerechnet: »Ich fragte ihn, ob wir das Gespräch auf Deutsch oder auf Türkisch führen wollen. Cem wollte Türkisch sprechen.« Der Ehrgeiz. Doch schnell wurde dem Reporter klar, dass sich der Jungpolitiker bei den Antworten schwertat, lange nach türkischen Wörtern suchte, sich verhaspelte. Im Bad Urach der frühen siebziger Jahre, wo Özdemir aufgewachsen ist, war seine Familie eine von ganz wenigen zugezogenen am Ort. Man schwätzte Schwäbisch. Türke sein, das musste der spätere Muster-Inländer erst lernen.

Auch politisch tat sich Özdemir auf türkischem Terrain schwerer als auf deutschem. Zunächst einmal war er ein deutscher Politiker mit einer deutschen Sozialisation und Loyalität, der kritisierte, was er für kritikwürdig hielt: die türkische Kurdenpolitik, das Militär, den übertriebenen Nationalismus ebenso wie PKK-Anhänger, Intellektuelle wie Ungebildete und die Lebensart vieler Türken in Deutschland. In deren Wahrnehmung selten diplomatisch. Dennoch suchte er ihre Nähe. 1995 lud er deutsch-türkische Freunde und Kollegen ein, um mit ihnen gemeinsam ein Resümee seiner ersten zwölf Monate als Bundestagsabgeordneter zu ziehen. »Die Erwartungen an ihn waren extrem hoch. Einerseits waren alle sehr stolz auf ihn, andererseits fanden sie seine Kritik nicht gerechtfertigt«, erinnert sich sein damaliger Referent Ali Ertan Toprak. »Sie sahen sich irgendwie von ihm verraten, weil sie etwas anderes erwartet hatten. Die konnten nicht verstehen, dass er ein Abgeordneter des deutschen Bundestages war – kein türkischer Schutzpatron.« Das aber war erst der Anfang der Zerrüttung. Ende der neunziger Jahre, zur Zeit der Verhaftung des PKK-Chefs Abdullah Öcalan , bekam Özdemir Personenschutz. Die Hürriyet nannte ihn »Vaterlandsverräter«, »Terroristenfreund« oder »Dolch in unserem Rücken«. Viel schlimmer als für ihn, glaubt Toprak, war es für seine Eltern, die ständig auf ihren »Verräter-Sohn« angesprochen wurden. »Unser Cem« war doch keiner von ihnen.

Stuttgart, Schlossplatz, Sonnabendnachmittag, einen Tag vor den Bundestagswahlen. Es ist einer der letzten heißen Spätsommertage, die den Wahlkampfendspurt so anstrengend machen. Özdemir ist bereits seit neun Uhr mit seiner Frau Pia Castro, einer aus Argentinien stammenden Journalistin, unterwegs. Ein kleiner Mann im schwarzen Anzug, Rollkoffer im Anhang, nähert sich schüchtern, fast so, als wolle er den großen Politiker nicht stören. Er passt nicht so recht ins Bild, wartet, bis Özdemir ihn entdeckt. Die beiden Männer begrüßen einander mit Wangenkuss, wechseln ein paar Worte auf Türkisch. »Er ist extra aus Frankfurt angereist«, sagt Özdemir. »Ein Tscherkesse, wie mein Vater.« Der Mann lässt sich einen Stapel türkischsprachiger Flyer geben, die Özdemir aus der Innentasche seines Jacketts holt. Die wolle er am Abend auf einer türkischen Hochzeit verteilen. »Cem hat viel für uns erreicht. Ich möchte ihn einfach unterstützen«, sagt er und: »Unser Cem« stehe für ein friedliches Miteinander.

Wie auf dem Schlossplatz, so geht es inzwischen oft zu, wenn Özdemir und die türkische Community aufeinandertreffen: Eine nachgeholte Anerkennung trifft auf einen verspäteten Respekt. Beide Seiten hatten lange darauf gewartet.