Nun spielt mal schön! – Seite 1

Ein Puppenhaus im Bauhaus-Stil, stilisierte Holzpiraten, ein Regenbogenxylofon – so schön kann Spielzeug sein! So schön waren die Spielsachen meiner Kindheit jedenfalls nicht. Einige waren sogar dezidiert scheußlich, was meine kindliche Begeisterung damals nicht im Geringsten getrübt hat, im Gegenteil. Womit wir gleich bei der Frage wären: Muss Spielzeug überhaupt schön sein?

Es könnte ja sein, dass das aufregendste Spielzeug potthässlich ist. Belege für diese Vermutung finden sich zuhauf in den Spielzeugabteilungen der Kaufhäuser. Gleich neben der Rolltreppe strahlt pink ein ganzer Stadtteil voller Barbiepuppen, es türmen sich bunt bedruckte Pappkartons, aus deren Cellophanfenstern schwer bewaffnete Monster starren oder Babypuppen, die schreien, sprechen, trinken, verdauen können. Die Suche in diesen Spielwarenwelten nach "irgendwas Schönem" fürs Geburtstagskind ist oft eine zermürbende Erfahrung. Kein Zweifel: Die Massenware kommt in aller Welt gut an – sonst wäre sie keine Massenware.

"Designerspielzeug" hingegen, wie wir es in diesem Heft zeigen, setzt sich sofort dem Verdacht aus, vor allem den Eltern zu gefallen und deren Eitelkeit zu dienen, weniger dem Spielspaß. Ist das so? Stehen sich hier zwei Welten unversöhnlich gegenüber? Wie meine dreijährige Tochter zurzeit gern sagt, die Augenbrauen hochziehend, heftig achselzuckend: "Kann sein. Weiß nicht!"

Vielleicht findet sich die Antwort ja in einem der Standardwerke zum Thema, Spielen – Lernen von Andreas Flitner, einem großen alten Mann der Pädagogik in Deutschland. "Selbstverständlich fühlen sich Eltern zu Recht auch für die geschmackliche Umgebung ihrer Kinder zuständig", schreibt er. "Sie werden aber mit Konflikten rechnen müssen." Viele "geschmacklose Spielfiguren" seien "auf Kinderschwächen hin kalkuliert" und "mit großem psychologischem Raffinement ausgeklügelt". Die Entscheidung der Kinder für ein Spielzeug gehe "ganz andere Wege" als der Elterngeschmack oder pädagogische Überlegungen. "Wie so oft in der Erziehung stehen hier zwei Güter einander entgegen", so Flitner: einerseits "der Respekt vor den Wünschen und Gefühlen der Kinder", andererseits "der Wunsch, dass die Kinder auch ästhetisch etwas lernen". So weit also der Konflikt, wo liegt die Lösung?

An wissenschaftlicher Erforschung des Spielzeugs mangelt es nicht. Spielen ist eins der großen Menschheitsthemen, erkundet wird es von Psychologen, Pädagogen – und natürlich von den Strategen und Marktforschern der milliardenschweren Spielzeugindustrie. Deren Schlachten um die Aufmerksamkeit der Kinder und das Geld ihrer Eltern beschreibt der britische Journalist Eric Clark in seinem 2008 erschienenen Buch The Real Toy Story. Jederzeit stehen in dieser Branche riesige Summen auf dem Spiel, Superhit und Bankrott sind stets nur eine Idee voneinander entfernt. Laut Clark ist die Spielzeugindustrie dabei völlig auf die USA fixiert: "Obwohl US-Kinder nur 4 Prozent der Kinder auf dieser Welt ausmachen, konsumieren sie 40 Prozent der Spielsachen weltweit." Nach exzessivem Konsum sehen viele Produkte dieser Industrie auch aus: effekthascherische Geräte, die auf Knopfdruck faszinieren, ohne dass das Kind viel beisteuern muss. Sie erzeugen vor allem den Wunsch, sie zu besitzen – und alsbald durch das nächste Gadget zu ersetzen.

Schon nach kurzer Beschäftigung mit den Mechanismen der Spielzeugbranche fühlt man sich wie nach einem zu tiefen Einblick in die Nahrungsmittelindustrie: Man sehnt sich nach Selbstgemachtem. Noch nie gab es so viel Spielzeug. Je niedriger die Geburtenraten, desto üppiger werden die wenigen Kinder in den Industrienationen von Verwandten und Bekannten mit Geschenken überhäuft. Es ist offenbar höchste Zeit für eine Art slow toy- Bewegung. Motto: Lieber wenige richtig gute Spielsachen als viele schlechte.

 

Den kitschträchtigen Massenmarkt für Spielzeuge beklagte schon 1815 die britische Schriftstellerin Maria Edgeworth und ersann den "rationalen Spielzeugladen" voller abstrakter Objekte, die der Fantasie der Kinder Raum lassen sollten. Mit dieser Idee inspirierte sie immerhin den Erfinder des Begriffs "Kindergarten", den deutschen Pädagogen Friedrich Fröbel (1782 bis 1852). Als Mittel gegen die Spielzeugflut empfahl er drei einfache Holzformen: Kugel, Zylinder, Würfel – die bis heute gebräuchlichen "Fröbelgaben".

Seit Fröbels Zeiten wird darüber gestritten, wie realistisch gutes Spielzeug sein sollte. Die Befürworter stilisierter Spielobjekte beschwören sie als Förderer kindlicher Kreativität, offen für jeden Sinn und Unsinn, den Kinder in sie hineinlegen. Die Verfechter des Realismus in der Spielzeugkiste – darunter die meisten Mitarbeiter der Spielzeugindustrie – können lässig darauf verweisen, wie begeistert Kinder mit "originalgetreuen" Modelleisenbahnen, Puppen, Matchbox-Autos spielen.

Wie Kinder tatsächlich mit den beiden Spielzeugarten spielen, wurde in einer Studie im Jahr 1990 untersucht. Damals zeigte sich, dass Drei- bis Vierjährige stärker auf realistisches Spielzeug ansprangen, ihr Spiel dann aber "in den vorgegebenen Bahnen" blieb: Mit dem Feuerwehrauto wurde eben "Feuerwehr" gespielt. Bei Fünf- bis Sechsjährigen wurde beobachtet, dass sie mit abstrakterem Spielzeug "ausdauernder und vielfältiger" spielten. Auch habe es mehr "sozialen Austausch" zwischen den Kindern gegeben, weil sie sich über die "Sinnverleihung" absprechen mussten.

Seit Jahrzehnten kritisieren Pädagogen die Spielzeugindustrie dafür, dass sie vorzugsweise realistisches, auf bestimmte Funktionen begrenztes Spielzeug produziert – das sich besser vermarkten lässt. Allerdings, so Andreas Flitner, seien es oft gerade die Eltern, die von detailreichen Miniaturen entzückt seien, wie etwa der "Eisenbahnvater, der seine Kinder gar nicht mehr heranlässt".

Kaum jemand hat das kindliche Spiel gründlicher analysiert als Hans Mogel, Psychologieprofessor in Passau. Vor ein paar Jahren unterteilte er sein Labor in zwölf Bereiche mit unterschiedlichen Spielsachen, zwischen denen 25 Kinder frei wählen durften. Sie trugen dabei kleine Ultraschallsender und konnten so von drei "Hochleistungs-Schwenkkameras" geortet werden, die hinter Einwegspiegeln versteckt waren. Sechs Richtmikrofone und zusätzliche Handkameras fingen das Spielgeschehen ein. Mogel stellte dabei unter anderem fest, dass Jungen und Mädchen ähnlich gern mit Puppen spielen. Unterschiede zeigten sich darin, wie sie spielten: Mädchen bemutterten die Puppen, Jungen testeten sie auf ihre technischen Möglichkeiten hin.

Seine Erfahrungen haben Hans Mogel vorsichtig gemacht in der Beurteilung von Spielwaren. Im Prinzip, sagt er, könne jedes Spielzeug in einer bestimmten Situation "gut" sein – denn Kinder entschieden selbst, welche "Funktion" sie einer Spielsache verleihen.

Mogel warnt vor "Spielzeugpropheten" und ihren "oft pseudowissenschaftlichen Ratschlägen". Den Boom des sogenannten Lernspielzeugs etwa hält er für ein schlimmes Missverständnis. Natürlich lernen Kinder beim Spiel jede Menge – allerdings Dinge, die noch viel wichtiger sind als das Alphabet, Kopfrechnen oder englische Vokabeln.

 

Beim Spiel geht es darum, eigene Erfahrungen zu verarbeiten, neue zu erfinden; "gelernt" wird alles von Feinmotorik bis Kreativität. Für Mogel geht es beim kindlichen Spiel um nichts Geringeres als den "Bezug zur Wirklichkeit". Deswegen sagt er: "Gutes Spielzeug ist für das Kind lebensnotwendig. Es ist genauso wichtig wie die Befriedigung der Grundbedürfnisse, wie ein ausgewogener Schlaf-wach-Rhythmus, wie sozialer Kontakt und ein Gefühl der Geborgenheit."

Auch Mogel hält die Offenheit des Spielzeugs für entscheidend: "Schlechtes Spielzeug" könne man daran erkennen, "dass das Kind mit ihm nur stupide Wiederholungen von Ereignissen ausführt, zum Beispiel die Aggressionsmuster eines Actionfilms". Gutes Spielzeug hingegen belasse dem Kind "echten Handlungsspielraum", es ermögliche dem Kind, "seine eigene Wirklichkeit und seine kreative, von ihm selbst ausgehende Fantasie im Spiel zu vereinen". Auch ein "total reduziertes Gebilde" könne von Kindern beim Spiel als "absolut real" erlebt werden.

Das trifft sich gut. Was viele Pädagogen und Psychologen als fantasiefördernd ansehen, entspricht auch den Eigenschaften, die in der Moderne allgemein als Merkmale "guten Designs" angesehen werden: Reduktion aufs Wesentliche, Verzicht auf Schnörkel, auf Kitsch und Sentimentalität.

Lauter Eigenschaften, die auch die ansonsten sehr unterschiedlichen Entwürfe in diesem Heft auszeichnen. Dem Purismus der Fröbelgaben fügen sie einen farbenfrohen Humor hinzu. Der Digitalisierung der Spielwelten – in vielen Haushalten ist die Spielkonsole inzwischen so selbstverständlich wie Kaffeemaschine und Kühlschrank – stellen sie greifbare Erlebnisse entgegen. Zwischen den Designvorstellungen der Erwachsenen und "gutem Spielzeug" gibt es offenbar doch eine größere Schnittmenge.

So ist es", sagt Karin Schmidt-Ruhland, sie ist seit zwei Jahren Professorin für Spielzeugdesign. "Und deswegen macht das Designen von Spielzeug auch so einen Spaß." Sie leitet die bundesweit einzigartige Studienrichtung "Spielen und Lernen" in der Burg Giebichenstein an der Hochschule für Kunst und Design in Halle. Vier bis acht Studienanfänger werden hier jedes Jahr angenommen, Kreativität und handwerkliche Fähigkeiten sind unbedingt mitzubringen. "Daran scheitern viele", sagt Karin Schmidt-Ruhland. "Es reicht nicht aus, zu sagen: Ich spiele gern mit Kindern."

Gelungenes Spielzeugdesign sei nicht häufiger oder seltener zu finden als gelungenes Design überhaupt, sagt die Professorin: "Es stimmt schon, es gibt viel hässliches Spielzeug. Wenn ich zum Beispiel über die Spielwarenmesse in Nürnberg gehe – boah!" Manchmal frage sie sich da: "Was habe ich nur für einen Beruf gewählt?" Das sei aber auf der Möbelmesse in Mailand nicht anders, "da gibt’s auch nur wenige Hallen, die wirklich interessant sind".

Das Hässliche verkaufe sich ja vielleicht auch deswegen so blendend, weil Erwachsene es oft in einer Art vorauseilendem Gehorsam auswählten – in der Annahme, dass es bei den Kindern bestimmt toll ankommen wird, "mir ging das auch schon manchmal so".

 

Hans Mogel bekennt sich ebenfalls zu solchen Fehlkäufen: "Das gibt’s. Hab ich auch schon gemacht. Auch ein Wissenschaftler, der es besser wissen müsste, kauft manchmal den größten Blödsinn." Er kann allerdings noch eine beruhigende Erfahrung beisteuern, eine Entwarnung: "Ein Kind, das mal ein falsches Spielzeug bekommen hat, irgend so einen Quatsch – davon wird ein Kind noch nicht neurotisch."

In meiner Kindheit habe ich auch mit so manchem Schrott gespielt. "Ich auch", sagt Professor Mogel. "Und ich lebe immer noch und fühle mich gar nicht so schlecht." Bei der Auswahl von Spielzeug, sagt er, "macht man keinen Fehler, wenn man einfach nach dem eigenen Gefühl geht. Nach dem eigenen Gefühl für Ästhetik und dafür, wie Kinder das Design empfinden könnten."

Designerspielzeug, das auch den Eltern gefällt, habe sogar einen ganz besonderen pädagogischen Wert. "Es ist sehr wichtig, dass Kinder gemeinsam mit ihren Eltern spielen", sagt Mogel. Deswegen seien die Vorlieben der Eltern nicht nur wichtig, sondern "gleichberechtigt": "Sonst kommt es so weit, dass wir Erwachsenen nicht mehr die Kinder erziehen, sondern sie uns."

Insgesamt sind es drei gute Nachrichten, an die man beim nächsten Gang ins Spielwarengeschäft denken sollte: Spielzeug muss keineswegs potthässlich sein. Es muss auch nicht unbedingt hinreißend schön sein. Darf es aber ruhig!