Die Evangelische Kirche in Deutschland ist jüngst durch ein Papier über ihr Verhältnis zur katholischen Kirche ins Gerede gekommen. Die Schein-Dramatik dieser Aufregung hat fast das eigentliche Drama verdeckt, dass nämlich der Protestantismus unmittelbar vor dem Amtsende des EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber steht, der seine Kirche durch ganz andere Aktionen wirklich aufgerüttelt hat.

In Wolfgang Huber hatten die evangelischen Kirchen sich einen Repräsentanten gewählt, wie er allenfalls alle paar Jahrzehnte einmal zur Verfügung steht. Es ist durchaus möglich, dass die EKD-Synode Anfang der kommenden Woche in Ulm die hannoversche Bischöfin Margot Käßmann in seine Nachfolge wählen wird; das größte Risiko dabei ist – angesichts der Unberechenbarkeit der Synode – ihre eindeutige Favoritenrolle in der Poleposition . Margot Käßmann könnte gewiss zur spontan wirksamen Sympathieträgerin werden; das vielleicht sogar etwas einfacher als der scharf-sinnige Huber. Aber wer immer ihm nachfolgen wird – niemand unter den denkbaren Anwärtern wird es mit seiner präzis und schnell zupackenden Intelligenz, mit seiner systematischen Durchdringung des Stoffes selbst auf entlegenen Gebieten, seinem nahezu rastlosen Fleiß, seiner Führungskraft und seiner reaktionssicheren Medienpräsenz aufnehmen können. (Hätte er sich nur seine fehlgeleitete Ackermann-Schelte verkniffen…)

Gewiss, eine solche große Überlegenheit schafft gelegentlich auch schmerzliche Distanz. Nicht wenige hätten gern von alledem etwas weniger und das Ganze lieber etwas gemütlicher und "geschwisterlicher" gehabt. Doch wer sich ein wenig von seinen Wehwehchen freimachen kann und zugleich die Größe der Herausforderungen ermisst, vor denen die Kirchen in der immer weiter säkularisierten Gesellschaft stehen, muss doch neidlos – oder, sei’s drum: neidvoll – eingestehen: Einen solchen Ratsvorsitzenden wird die EKD so schnell nicht wieder bekommen. Und bald wird man überdies erkennen: Der Protestantismus wird künftig erst einmal kleinere Brötchen backen müssen.

Landesbischöfin Margot Käßmann

Zwei Themen haben die Amtszeit Hubers hauptsächlich bestimmt. Da ist zum einen der innerkirchliche Reformprozess unter der Parole "Kirche der Freiheit". Man kann nicht sagen, dass Hubers Impuls dazu enthusiastisch aufgenommen worden wäre: Die lokale Geistlichkeit murrte weithin, weil nun auf einmal auch nach ihrer persönlichen Leistung gefragt werden sollte. Die Synode maulte, weil sie nicht vor dem Startschuss um Erlaubnis gefragt worden war, als ob sie jemals selbst zu solch einer Initiative in der Lage gewesen wäre. Und viele Professoren hätten lieber erst ein Dogmatik-Seminar vorgeschaltet, bevor über ordinäre praktische Probleme geredet wird. Inzwischen steht ohne Zweifel fest: Ohne Hubers Identifikation, bisweilen Überidentifikation mit diesem Projekt hätte der Protestantismus seinen defensiv-depressiven Kirchenschlaf weiter fortgesetzt.

Das zweite Thema betraf das Verhältnis zur katholischen Kirche. Erkennend, dass sich auf der obersten Ebene auf lange Zeit nichts mehr bewegen würde, griff Huber für die mittelfristige Zukunft erst einmal zu der Formel "Ökumene der Profile", was wie Abgrenzung und Wettbewerb gegeneinander klingen konnte; deshalb folgte bald der Slogan "Ökumene des Respekts". Des "gegenseitigen Respekts" wäre vielleicht noch besser gewesen, wie man denn angesichts der realen, kirchendogmatisch blockierten Lage auch von einer "ökumenischen Parallelbewegung" sprechen könnte – Parallelen weisen ja in dieselbe Richtung, vereinen werden sie sich aber erst im Unendlichen.

Wie auch immer: Da Wolfgang Huber stets für Profilierung gut war, reagierte die katholische Seite zunehmend nervös, obwohl sie dazu kein gutes Recht hatte; hatte Rom doch den Evangelischen stets den Charakter einer echten, vollgültigen Kirche Mal um Mal streitig gemacht. Als aber jenes ominöse Papier aus dem EKD-Kirchenamt – ein Ausarbeitungs-Entwurf mit geringer strategischer und sachlicher Flughöhe, doch mit abfälliger Tendenz – öffentlich wurde, obwohl es nie amtlich geworden war, las man es auf katholischer Seite, verspätet eingeschnappt, als trivialisierte Volksausgabe der Huberschen "Ökumene der Profile", auch wenn Huber sich nie trivial geäußert haben würde.

Rechtzeitig zu Hubers Amtsende wurde nun Frieden gestiftet. Zweierlei zeigte sich dabei: Hubers Ära durfte nicht mit einem blöden Eklat enden. Aber auch ein großer Bischof wie Wolfgang Huber konnte nicht alle Felsen der Kirchengeschichte zum Tanzen bringen.