Dieser Film ist ein bisschen wie "Essen wie im Mittelalter". Tatsächlich wirkt Sönke Wortmanns Die Päpstin wie die filmische Verlängerung jener Erlebnisgastronomie, bei der man an klobigen Holztischen zusammenkommt, mit Messern, Löffeln und bloßen Fingern Sauerteigfladen, Dinkelbrei und Lamm vom Spieß isst und hin und wieder ein gepflegtes Rülpserchen von sich gibt. Als Touristikevent gibt’s die zaghafte Verwahrlosung für zwanzig Euro, auf der Leinwand hat sie rund fünfundzwanzig Millionen gekostet.

Die Päpstin ist die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Donna Woolfolk Cross. Erzählt wird von einem Mädchen namens Johanna, das 814 in Sachsen als Tochter eines Dorfpriesters zur Welt kommt, durch ungewöhnliche geistige Wachheit auffällt, heimlich lesen und schreiben lernt und zur Gelehrten wird. Es ist die Geschichte eines Aufbegehrens gegen einen brutalen Vater, gegen missgünstige Mitschüler und verschlagene Kleriker, gegen ein finsteres Frauenbild, das weibliche Bildung mit Teufelswerk gleichsetzt. Und die Vorgeschichte einer feministischen Legende: Verkleidet als Mann, landet Johanna unter dem Namen Bruder Johannes Angelicus im Kloster Fulda und schließlich in Rom, wo sie zum Leibarzt des Papstes aufsteigt – und dessen Nachfolger wird.

Für die Existenz eines weiblichen Papstes gibt es keine stichhaltigen Belege, was nicht untypisch ist für den seit Langem beliebten antiklerikalen Verschwörungsroman, der dem Leser wenig und der Kirche so ziemlich alles zutraut. Als solcher hat die Päpstin, was das Herz begehrt: eine autoritäre Organisation, die von einem Außenseiter unterwandert wird, und einen Verschwörungskern, der sich gegen alle Einwände immunisiert, da die Päpstin angeblich aus allen offiziellen Chroniken getilgt wurde.

Sönke Wortmann hat diese Geschichte nun mit der Dienstfertigkeit eines Messdieners verfilmt. Die Päpstin ist eine romangetreue und daher recht gedankenarme Illustration des Buches, der nicht anzumerken ist, was den Regisseur überhaupt daran interessiert hat: der Erkenntnisdurst der Heldin oder das Wissen als Weg zur frühfeministischen Befreiung? Religiöse Frauenfeindlichkeit damals wie heute? Ein Weltbestseller als Absprungrampe für deftigen Kintopp? Oder Johannas Liebesgeschichte mit einem Ritter, die sie in Konflikt mit ihrer religiösen Mission bringt?

Wenn man dem Stoff schon keine theologischen Diskurse entringen will, dann doch wenigstens ordentliches Entertainment: die dampfende Kräuterstube der Heilerin! Verstandeshelles Mädchen gegen finster grinsende Kleriker! Ein zartes Wesen in der einschüchternden Architektur der Macht! Sex unter Soutanen! Roms Dekadenz in Fleisch und Würden! Stattdessen wird das Mittelalter auf der Leinwand so angerichtet, wie Klein Fritzchen es sich vorstellt: mit sorgfältig verdreckten Kindergesichtern, liebevoll modellierten Pestbeulen, meditativ lächelnden Mönchen und dem einen oder anderen abgeschlagenen Kopf. Dabei steht die bombastische Tonspur mit ihren schnalzenden Peitschenhieben, dem dröhnenden Pferdegetrappel und einem in jedem bedeutungsvollen Moment – also ständig – aufbrausenden Orchester in keinem Verhältnis zur bescheidenen Bildsprache. Aber offenbar hat die Verfilmung gar nicht den Anspruch, auch nur eine einzige Einstellung im Gedächtnis des Zuschauers zu hinterlassen. Was bleibt, ist eine Art filmischer Dinkelbrei, über zweieinhalb Stunden zerkocht.

Vielleicht sollte man daran erinnern: Ursprünglich sollte Volker Schlöndorff Regie bei dem von ihm selbst initiierten Päpstin-Projekt führen. Während der Dreharbeiten ließ er öffentlich verlauten, die Arbeit an einem solchen Amphibienfilm, der zugleich als TV-Mehrteiler und als Kinofilm gedreht wird, zwinge den Regisseur zum Schludern. Der Zeitdruck des zweigleisigen Arbeitens gehe immer auf Kosten der Kinofassung. Daraufhin kündigte ihm die Produktionsfirma Constantin die Zusammenarbeit. Statt der von Schlöndorff eigentlich gewünschten Hauptdarstellerin Franka Potente kam Johanna Wokalek ins Spiel, als Regisseur sprang Sönke Wortmann ein.

Man kann nur spekulieren, was Schlöndorff, der sich über sieben Jahre mit dem Stoff beschäftigte, daraus gemacht hätte. Sicherlich hätte das alte Rom bei ihm nicht ganz so naheliegend altrömisch ausgesehen wie in einem Asterix-und-Obelix-Heftchen. Womöglich hätte er aus der wackeren Johanna Wokalek mehr gemacht als einen Kleiderständer für Mönchskutten. Und vielleicht hätte dieser international erfahrene Regisseur das deutsche, amerikanische und italienische Ensemble dieser Großproduktion besser zusammengeführt als Wortmann, der seine Darsteller manchmal so beziehungslos und unbeteiligt durchs Bild laufen lässt, als befänden sie sich im Endstadium eines Karnevalsballes.