Eine Macht für 50 Jahre – Seite 1

Seit September liegt wieder Schnee in der Tundra. Neun Monate lang wird die Erdoberfläche nicht zu sehen sein, diese schwarzbraune Kruste, in der sich in den Sommerwochen tiefe Sumpflöcher bilden. Irgendwann in den kommenden Wochen sinkt die Temperatur wieder auf 60 Grad unter Null, und kein Gebirge hält den eisigen Wind auf. Die verkrüppelten Bäume stehen schief.

Mitten in der Kältesteppe erhebt sich eine Stadt, 2500 Kilometer nordöstlich von Moskau und nahe am Polarkreis, und sie heißt Nowyj Urengoj. 120.000 Menschen leben hier, haben Zuflucht gefunden in einer Art Wagenburg aus Plattenbauten, die gegen alle Winterdepression in bunten Farben angestrichen wurde. Nowyj Urengoj ist Russlands inoffizielle Gashauptstadt. Das umliegende Gebiet, ungefähr doppelt so groß wie Luxemburg, liefert mehr als 80 Prozent des russischen Gases. Schnurgerade Straßendämme führen ringsherum zu den Bohrfeldern, ihre Fackeltürme sind Leuchtpunkte in der Nacht.

Sprachforscher wollen herausgefunden haben, dass Nowyj Urengoj ein altes Nomadenwort für "verfaulte tödliche Gegend" ist. Diese trostlose Wildnis wäre wohl die perfekte Kulisse für einen James-Bond-Regisseur. Er könnte hier ein Hauptquartier des Bösen einrichten – den Stammsitz eines russischen Dr. No, der den Rest der Welt mit Gaslieferungsstopps drangsaliert. Wenn man manchen Kritikern aus dem Westen folgt, läge das ohnehin recht nahe an der Wahrheit.

Denn das Unternehmen, das in Nowyj Urengoj die Geschäfte führt, ist Gasprom. Ein mächtiger, ein gefürchteter Konzern (siehe Grafik). Gasproms Manager gelten als skrupellos, als größenwahnsinnig, und vor allem gelten sie als enge Freunde Wladimir Putins. Der russische Premierminister, das ist bekannt, macht mit Rohstoffen Politik. Er droht ehemaligen Sowjetrepubliken und dem ganzen Westen mehr oder weniger unverhohlen mit Lieferstopps.

Frisch in Erinnerung ist noch die Gaskrise des vergangenen Jahres, ausgelöst durch einen Stopp der russischen Lieferungen an die Ukraine. Hunderttausende Haushalte in Osteuropa saßen mitten im Winter in eisiger Kälte, und weil Gas durch die Ukraine nach Europa kommt, wurde der Lieferstopp auch hierzulande ein Problem. Woran das damals lag? Zahlungsverzug aufseiten der Ukraine, lautete die Begründung Gasproms.

Doch andere sahen dahinter auch eine Machtdemonstration Moskaus. Gasprom und der andere große Rohstoffkonzern Russlands, der Erdölriese Rosneft, gelten diesen Kritikern als verlängerte Arme des Kreml. Und hatte der spätere Premierminister Wladimir Putin nicht schon in seiner Doktorarbeit geschrieben, dass Russland seine Energieindustrie strategisch zum Wohl des Staates einsetzen solle?

Das ist die eine Sicht – doch in Russland selbst haben sie ein ganz anderes Bild von Gasprom: Der Konzern gilt dort als Retter der Nation und Wohltäter. Schließlich heizte das Unternehmen, das nach 1989 aus dem sowjetischen Gasministerium erwuchs, das winterkalte Land auch in Zeiten größter Krisen. Seinen Mitarbeitern wiederum gilt Gasprom als ein Garant für Stabilität und ein würdiges Auskommen, es vermittelt ihnen in Zeiten des kapitalistischen Umbruchs und des Vakuums an Staatsidentität das Gefühl einer Heimat, die sie brauchen. Jeder dritte Russe gibt in Meinungsumfragen an, er wolle am liebsten für Gasprom arbeiten. Bei so viel Beliebtheit kann bloß noch die Präsidialverwaltung in Moskau mithalten.

Da ist Ildar Gilmutdinow, der Chef der Gasbohranlage GKP-2 in Nowyj Urengoj. Gilmutdinow ist mit seinen Eltern aus Orenburg an der kasachischen Grenze dorthin gezogen, als er elf Jahre alt war. Gemälde der Tundra in Herbstgelb hängen an der Wand, das ist klassischer Büroschmuck in dieser Stadt, und vor dieser Kulisse strahlt Gilmutdinow eine Art selbstsichere Zufriedenheit aus. Eigentlich so wie alle, mit denen man hier bei Gasprom spricht. Transitkonflikte mit der Ukraine? Politische Erpressung durch Lieferstopps? Kritik an dem mächtigen, undurchsichtigen Staatskoloss, der sein Arbeitgeber ist? Das klingt in der Tundra wie Meldungen aus einer anderen Welt. "Wir tun hier jedenfalls unsere Arbeit", sagen die Leute trotzig.

 Die große Ära des Ortes begann durch Zufall

Dem 35-jährigen Gilmutdinow bietet das Leben mit Gasprom eine Karriere mit sozialer Sicherheit. "Meine Eltern bekommen eine würdige Rente: die staatliche Summe und noch einmal fast denselben Betrag von Gasprom", erklärt er die Vorzüge seines Arbeitgebers. "Ich habe fast zwei Monate Urlaub. Und es gibt Urlaubsreisen wie zu Sowjetzeiten dank der Gewerkschaften." Alle paar Jahre belohnt Gasprom seine Angestellten mit einer zweiwöchigen Reise in die Türkei oder die Arabischen Emirate, nach Tunesien oder Spanien.

Zudem bietet das Unternehmen Mitarbeitern mit zehnjähriger Betriebszugehörigkeit zinslose Kredite für den Wohnungskauf an. Werkskindergärten mit Schwimmbecken, Massagekammer und Wintergarten stehen bereit. 2006 und 2007 schmückte sich Gasprom in Nowyj Urengoj mit der Auszeichnung "Bester Arbeitgeber Russlands". Gilmutdinow rät auch seinem Sohn zu einer Zukunft bei Gasprom. Zumal ein solch großes Unternehmen doch einfach nicht kaputtgehen kann.

1964 war ein Geologentrupp zufällig an diesem Ort gelandet. Die Schuten kamen im seichten Flusswasser nicht weiter, also legten die Geologen an Ort und Stelle los: Sie bohrten und stießen auf Gas. Die "Ära Sibirien" begann. 1973 wurde die "Stadt der Gasarbeiter und Bauarbeiter" als Standort für Spezialistenbrigaden gegründet. Dann kamen Frauen und Kinder, und Häuser ersetzten die Metallhütten der Pioniertage. 1984 erreichten die ersten Gaslieferungen aus Urengoj Westeuropa.

Das Hauptgebäude von Gasprom Urengoj, der Sitz der Gasprombank, der firmeneigene Sportpalast und das Gasprom-Kulturzentrum sind die Marksteine des Stadtzentrums. Gut 40 Prozent der Arbeitnehmer verdienen im Gassektor ihr Geld. Die Sportvereine heißen "Fackel". In den Postkartensets aus dem Andenkenladen dürfen winterliche Sonnenuntergänge hinter silbernen Gasröhren nicht fehlen. Zu Feiertagen wünscht der Bürgermeister Gesundheit, Glück, Erfolg und Optimismus.

Denn das Leben ist trotz aller Zivilisation, trotz des Espressos mit Lavazzo-Keks im Café und all der Schönheitssalons, noch immer hart: Der kürzeste Tag bringt gerade mal eine Stunde und sieben Minuten dämmerige Helligkeit. Spielplätze liegen im Dauerflutlicht. Die Kinderwagen fahren auf Kufen, und die Kindergärtner gehen noch bei minus 20 Grad mit den Kleinen zum Spielen raus. Die Durchschnittstemperatur im Januar beträgt minus 27 Grad. Manchmal erfrieren Arbeiter auf dem Weg zur Bohrstelle.

Da ist Gasprom, der Arbeitgeber der fleißigen Leute, die den Entbehrungen im fernen Sibirien trotzen. Doch da ist auch noch Gasprom, das Machtzentrum – der Energiegigant, der Beobachter in aller Welt allein durch seine Größe erschrickt. Inzwischen hält dieser Staatskonzern ein Fünftel aller Weltreserven, er bestreitet mehr als 17 Prozent der Weltgasförderung, 376.000 Menschen arbeiten für ihn. Die Öltochter Gaspromneft ist zu Russlands fünftgrößtem Ölproduzenten aufgestiegen. Gasprom mischt in der Strom- und Atombranche mit und überhaupt noch in einer Reihe anderer, ganz unerwarteter Branchen: Er unterhält eine Mediengruppe, baut ein Skiressort.

Was auch immer der Vorstand tut – er stimmt es eng mit dem Kreml ab. Es ist ein offenes, wenn auch regelmäßig bestrittenes Geheimnis. Was Gasprom tut, ist auch für die Machthaber in Moskau äußerst wichtig. Gasprom bringt viel Geld ins Land: Es erwirtschaftet zehn Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts. Und Gasprom ist eben kein normaler Energiekonzern, es ist auch ein politisches Werkzeug. Der Kreml hat Gasprom mit einem Pipeline- und Exportmonopol ausgestattet und gewährt umfangreiche Steuerrabatte.

Der Kreml braucht Gasprom – und Gasprom den Kreml. Denn bei aller Größe und Macht stünde der Konzern ohne die staatliche Protektion längst nicht so gut da, und im Augenblick schon gar nicht. In der Weltwirtschaftskrise gingen die Exporte um 50 Prozent zurück. Gasprom ist zurzeit auch der größte Schuldner Russlands mit geschätzt mehr als 40 Milliarden Dollar Verbindlichkeiten; der Reingewinn ist allein im ersten Jahresquartal um 61 Prozent gesunken, das schlechteste Förderergebnis der Firmengeschichte steht an. Schon gehen Marktanteile in Europa an Lieferanten aus Norwegen und Qatar verloren. Sogar im Inland beuten private Konkurrenten wie Novatek, die etwa 16 Prozent des russischen Gases fördern, manch kleineres Gasfeld effektiver aus.

 In manchen Bereichen ist Gasprom hochmodern

Allerdings lauert hier ein Missverständnis, dem im Westen viele unterliegen. Gasprom mag ein staatlich bevorzugter Koloss sein, gelegentlich gar ein verlängerter Arm des Kreml, und manche Betriebsstätte kommt wie ein Museum daher – aber er hat auch eine ganz andere Seite. In manchen Unternehmensteilen hat sich Gasprom zu einem hochmodernen Energieunternehmen entwickelt. Dort geben nicht Worte aus dem Kreml den Ausschlag, sondern die Gesetze des Kapitalismus. Da wird erfolgsorientiertert gewirtschaftet.

Gasproms Forschungszentrum Wniigas etwa mit seinen 1500 Mitarbeitern gilt in der weltweiten Rohstoffbranche als einzigartig. Es liegt in Sartow, im Süden Moskaus, und das kleine Wissenschaftsstädtchen hat sich heute auf fast zehn Hektar ausgebreitet. Unter einem Firmendach werden hier Grundlagenforschung und angewandte Wissenschaft betrieben, und die Ergebnisse gelten unter Fachleuten als exzellent. "Dort findet man", sagt ein deutscher Gasmanager, "aalglatte junge Manager neben liebenswürdigen Akademie-Mitgliedern mit Gehbehinderung, die für ihre Projekte leben und Geld nicht so bedeutend finden."

Geologen und Gasarbeiter können nicht ohne Inspiration und Patriotismus arbeiten
Roman Samsonow, Direktor des Gasprom-Forschungsinstituts Wniigas

Im Institut wird zum Beispiel mit der Hilfe von Computermodellen errechnet, wie Gas aus Förderstellen mit sinkendem Gasdruck wirtschaftlich effizient herausgeholt werden kann. Die Wissenschaftler sammeln Messergebnisse, untersuchen Bohrproben, konsultieren ihre gewaltige Datenbank voller Wissen über Russlands Gesteinsschichten. Bohrkerne können hier mit einem Computertomografen wie im Krankenhaus durchleuchtet werden; in einer nahe liegenden Lagerhalle werden sie dann archiviert. So entsteht ein Gedächtnis der Bohrstellen, das bei künftigen Operationen von Nutzen ist. Im Sommer bereitete das Institut die Ausbeutung bisher unangetasteter Gesteinsschichten des Jenjachinskoje-Feldes in Urengoj vor. In den Gängen des Hauptgebäudes hängen vor den Türen Warnlampen. Wenn sie aufleuchten, steht zu lesen: "Gas. Nicht eintreten." Ein kleiner Kinosaal zeigt Gasbohrstellen dreidimensional in verschiedenen Querschnitten. Die 3-D-Projektion hat den Gasprom-Managern im Hauptquartier der Wintershall AG in Kassel vor Jahren so gut gefallen, dass sie selbst ein solches Studio einrichteten. Die Projektionen dienen dazu, unterirdische Gasspeicher zu erkunden oder falsch platzierte Bohrlöcher und damit unsinnige Ausgaben in Höhe von Millionen Dollar zu vermeiden.

Bei aller Hightech gewinnt Institutsdirektor Roman Samsonow der Arbeit noch heute "Elemente von Romantik" ab. "Geologen und Gasarbeiter können nicht ohne Inspiration und Patriotismus arbeiten", sagt er. Die Wirklichkeit sieht allerdings profaner aus, denn Samsonow muss ständig engen Kontakt mit russischen Universitäten halten, damit die Nachwuchswissenschaftler nicht ins Ausland abwandern. Denen reichen das Gasprom-Prestige und die finanziellen Anreize häufig nicht. In den neunziger Jahren, als es ums Überleben ging, ist dem Institut bereits eine Forschergeneration der heute 40-Jährigen verloren gegangen.

Das Lieblingsprojekt des Instituts ist die bevorstehende Ausbeutung des Gasfeldes Stokman im Eismeerschelf. Besonders der geplante Transport von mehr als 300 Milliarden Kubikmeter Gas jährlich verlangt eine neue Pipelinetechnologie durch Eiswasser und Permafrost. "In der Perspektive stellt das Eismeerschelf mehr als 60 Prozent der Ressourcen Russlands", resümiert Samsonow.

Aber bis zur Förderung werden noch Jahre vergehen. Im Augenblick, da die Gaspreise wegen der Krise gesunken sind, gelten die dortigen Quellen wegen der nötigen Investitionen als unrentabel – das ist eins dieser Zugeständnisse an die neue, kapitalistische Zeit. Laut dem Moskauer Ministerium für Naturressourcen sind allein für die Nordmeerschelfe bis 2020 Investitionen von 85 Milliarden Dollar fällig, aber das Geld dafür fehlt. Das Investitionsprogramm soll sogar um mehr als 20 Prozent gekürzt werden. Premierminister Putin umgarnt inzwischen sogar ausländische Energiekonzerne mit Steuernachlässen, wenn sie auf der Halbinsel Jamal investieren wollen. Vor Jahresfrist wurde dieses Feld noch stolz als weitgehend russisches Projekt angepriesen.

 Das Gas reicht noch für Jahrzehnte

Bei so viel Wandel kann man verstehen, dass Gasprom-Insider eine Reise nach Nowyj Urengoj fast wie einen Trip in die "gute alte Zeit" empfinden. Hier hat sich viel Sowjetisches konserviert, so gut wie ein Mammutbein im ewigen Eis. Eine Nostalgie, gespeist von der abenteuerlichen Jugendzeit vor gut 20 Jahren, durchzieht viele Gespräche; sie handeln von einer Stadt, in der niemand die Tür abschloss und es keine Taxis gab, da jeder jeden mitnahm. "Vorwärts Urengoj! Du bist, dich braucht die russische Macht!", heißt es in einem Gedicht, das man hier noch gerne zitiert.

Die Gasbohrstelle GKP-2 schmückt das Transparent: "Das Gas von Urengoj für die Heimat!" Kaum eine Versammlung vergeht ohne die Verleihung von Urkunden oder Diplomen für die "Ehrenarbeiter der Gasindustrie". Wenn man aber genauer hinschaut, ist es auch hier mit dem Sowjetidyll nicht weit her. Einen Großteil des Erbes aus Sowjetzeiten, viele Wohnungen, Kindergärten, Wasserwerke und Straßenbaubrigaden, hat Gasprom mittlerweile an die Stadtverwaltung abgetreten.

Ein Neuntel der Wohnungen ist im "Havariezustand" und müsste abgerissen werden. Doch der Stadt als neuem Eigentümer fehlen die Mittel. Das Kulturzentrum mit neun Sälen und einem "Zentrum für ästhetische Entwicklung", in dem Kinder mit Blick auf einen Plattenbau ihre Idyllen aus Rehwild und Bohrturm malen, möchte Gasprom abschütteln. In Nowyj Urengoj steigt die Zahl der Arbeiter, die nach ihrer Pensionierung bleiben. Das zieht den Altersdurchschnitt von noch 33 Jahren und die Sozialausgaben nach oben. In Wahrheit ruhen auch in Nowyj Urengoj die Hoffnungen nicht mehr auf dem "Weiter so" – sondern darauf, dass den Ingenieuren bei Gasprom und seinen vielen Partnerunternehmen aus dem kapitalistischen Westen etwas Neues einfällt.

Die mittelfristige Antwort auf die Probleme des Gaskonzerns sind die effizientere Ausbeutung der bestehenden Gasfelder und neue Bohrungen in Erdschichten von drei bis fünf Kilometer Tiefe. Das bringt technische Probleme und einen finanziellen Aufwand mit, die kaum noch ein Konzern ganz alleine bewältigt, auch Gasprom nicht. Atschimgas, ein Unternehmen, das Gasprom gemeinschaftlich mit seinem Partner Wintershall betreibt, ist daher ein weiterer Schritt in die Zukunft. Die erste Bohrstelle liegt 30 Kilometer nördlich von Nowyj Urengoj. Der holprige Straßendamm aus Sand und Lehm und Betonplatten, darüber ein wenig Asphalt, führt aus der Stadt hinaus. Die Straßen sacken oft nachträglich ein. Erst nach fünf Jahren gelten sie als fertig gebaut. Links und rechts gehen Stichstraßen durch die fast baumlose Einöde zu Bohrstellen oder technischen Stationen ab.

Atschimgas ist eine Industrieanlage mit gelb-blauen Werkshallen und einem Gewirr silberner Leitungen. Wenn Bohrstellenleiter Artjom Akopjan den sterilen Schaltraum mit Monitoren und Messanzeigen präsentiert, scheint es, als sei die Gasförderung ein Joystick-Kinderspiel. Aber auch das moderne Gasbusiness braucht Muskelkraft und Ausdauer. Im Winter tragen die Arbeiter mehrere Hosen übereinander, Gesichtsmasken und zentimeterstarke Gummisohlen unter den Schuhen. Manchmal haben die Wintershall-Techniker in ihren Bauwagen fünf Grad minus unterm Bett gemessen.

"Bei Nowyj Urengoj wurde Gas aus 1200 Meter Tiefe bei einem Druck von 120 Atmosphären gewonnen", sagt Akopjan im Ingenieurslatein, und übersetzt bedeutet das ungefähr: Bisher war es einfach. "Atschimgas dagegen liegt in einer Bohrtiefe von mehr als 3000 Metern mit einem sehr hohen Druck von 600 Atmosphären." Sprich: Das wird sehr schwierig. Vor zehn Jahren noch galt das Fördern bei solchem Druck als technisch kaum möglich.

Heute könnte sogar aus der nächsttieferen Schicht von 5000 Metern Gas gefördert werden, obwohl der Druck dort bis auf 1000 Atmosphären ansteigt. In dieser Tiefe ist im Permafrost die Zukunft Nowyj Urengojs eingeschlossen. "Das reicht alles noch", sagt Akopjan gelassen, "für 40 bis 50 Jahre."