DIE ZEIT: Das rätselhafte Lächeln der Mona Lisa fasziniert seit Jahrhunderten – warum sind Kunsthistoriker so versessen darauf, dies schöne Rätsel aufzulösen?

Horst Bredekamp: Die Mona Lisa gilt als das berühmteste Gemälde der Welt. Einer der Gründe ist, dass es ein Geheimnis zu bergen scheint. In der Mona Lisa verdichtet sich der Rätselcharakter jedweden Bildes auf unüberbietbare Weise. Das Rätsel will gelöst sein, obwohl wir ahnen, dass jede Antwort nur eine neue Frage aufwirft.

ZEIT: Und nun erbebt die Kunstwelt über der Frage: Wer war sie, die Leonardo da Vinci malte? Und malte Leonardo auch dieses unbekannte Mädchen vor goldenem Hintergrund? Ist das ein Hype? Oder eine Sensation?

Bredekamp: Der Fund des Kunsthistorikers Roberto Zapperi zur Mona Lisa ist mehr als ein Hype. Von Zapperi stammen große Forschungen zu den Brüdern Carracci, sein Buch über Goethe hat unbekannte Seiten des Dichters hervorgebracht. Und jetzt die Identifizierung der Mona Lisa als Pacifica Brandani, eine Unbekannte aus Urbino, das hat hohe Plausibilität.

ZEIT: Zapperi behauptet, Mona Lisa sei nicht, wie wir dachten, die züchtige Gattin eines Kaufmanns, sondern die Geliebte des Frauenhelden Giuliano de’ Medici. Sie habe ihm 1511 einen Sohn geboren, der ausgesetzt worden sei. Wie wahrscheinlich ist das?

Bredekamp: Die Geschichte mit dem unehelichen Sohn ist über das Eintragsbuch des Findelhauses in Urbino belegt.

ZEIT: In den Findelhäusern Europas strandeten damals Abertausende von Kindern. Aber warum sollte Pacifica Brandani das Kind aussetzen? Ein berühmter Vater kann doch ein Glücksfall sein.

Bredekamp: Pacifica Brandani war verheiratet, im Herzen der Geschichte liegt ein Skandal…

ZEIT: …weshalb man sie heute als die Ehebrecherin bezeichnet…

Bredekamp: …Giuliano stand in einer ehebrecherischen Beziehung zur Mutter dieses Kindes, er selber war noch unverheiratet. Pacifica Brandani starb bei der Geburt des Jungen, aber sie hatte vor dem Tod den Namen des Vaters bekannt. Giuliano de’ Medici hatte damals ein schwieriges Dasein. Er war Exilant aus Florenz, zu Gast am Hof von Urbino. Aber als sein Bruder 1513 zum Papst gewählt wurde, wandelte sich sein Schicksal. Er ging nach Rom, war jetzt begünstigt und reich und heiratete. Isabella d’Este, die Giuliano de’ Medici einst an den Hof von Urbino geholt hatte, rief ihn aus Rom zurück, damit er seinen Sohn identifiziere. Und Giuliano hat ihn angenommen und ihm den Namen Ippolito gegeben. All diese Indizien, die Zapperi in seinem Buch ausbreiten wird, passen zum Gemälde.

ZEIT: Roberto Zapperi behauptet, Giuliano habe die Mona Lisa als Mutterersatz für den kleinen Ippolito bei Leonardo in Auftrag gegeben. Sehr sentimental, die Geschichte, oder?

Bredekamp: Aber die Bezeichnung des Gemäldes, La Gioconda – die Liebenswerte, die Tröstende –, könnte in einer ganz unromantischen Weise auf diese Situation zutreffen