Alle neun Bundespräsidenten, die wir seit über einem halben Jahrhundert in der Bundesrepublik erlebt haben, habe ich persönlich gut gekannt. Mit Papa Heuss, den ich verehrte, habe ich als junger Abgeordneter mehrfach ein Glas Wein trinken dürfen. Gustav Heinemann war ein Freund und zugleich ein ernster Gesprächspartner. Johannes Rau und Horst Köhler waren mir schon persönliche Freunde, als sie gewählt wurden. Und im Laufe der Jahrzehnte ist Richard von Weizsäcker mir ein Freund geworden. Ob aber befreundet oder nicht, wir Deutschen können mit unseren Bundespräsidenten zufrieden sein. Denn alle Bundespräsidenten haben ihr Amt gleichermaßen gewissenhaft und verfassungstreu ausgeübt. Man konnte sich auf sie verlassen. Wer von uns hätte es 1949 gewagt, sich für unsere Zukunft eine derartige Erfolgsgeschichte zu erwarten? Und wie sicher fühlten wir uns damals, dass der Nazi-Spuk, der Antisemitismus, der Nationalismus und die Diktatur keine Chance haben würden? Damals waren unsere Nation und unser Staat geteilt, auf beiden Seiten standen sich feindliche fremde Armeen gegenüber, wir erlebten den Kalten Krieg.

Richard von Weizsäckers jüngstes Buch Der Weg zur Einheit umgreift den Zeitraum seit Kriegsende. Im ersten Jahrzehnt hat manch einer aus Weizsäckers Generation sich an der Erwartung festgehalten, eines ungewissen Tages würde sich das europäische Machtgefüge der Staaten wieder ändern und den Deutschen eine Chance zur Wiedervereinigung eröffnen; denn auch in der bisherigen Geschichte hatten sich doch die europäischen Verhältnisse mehrfach weitgehend verändert. Weizsäcker und manch andere, wir haben dann gehofft, mit vielen kleinen Schritten dazu beitragen zu können, dass in der vorhersehbaren langen Zwischenzeit wenigstens das Bewusstsein einer gemeinsamen Nation nicht verloren ging. Allerdings haben wir über lange Zeit nicht erwartet, dass sich eine Chance zur politischen Vereinigung noch im 20. Jahrhundert ergeben würde.

Immerhin hat es viele positive kleine Schritte gegeben, so seitens kirchlicher Kreise und in Gestalt der sozialliberalen Ostpolitik. Es gab auch Irrwege – wie zum Beispiel die Hallstein-Doktrin – und schwere Rückschläge – wie zum Beispiel 1961 der Bau der Mauer quer durch die Stadt Berlin. Aber dann kam 1985 Gorbatschow mit tief greifenden Reformen. Schon vorher kam Solidarność in Polen. Gegen Ende der achtziger Jahre ging der Kalte Krieg zu Ende. Zugleich kamen die Unruhe und das Aufbegehren in Ungarn, in der damaligen Tschechoslowakei und in der DDR. 1989 folgte der Fall der Mauer – ohne dass ein Schuss gefallen ist. Dem folgte die Implosion der kommunistischen Herrschaft im Osten Deutschlands – und ohne dass die Sowjetmacht eingriff.

Weizsäcker beschreibt den langen Weg von der Teilung unseres Vaterlandes bis zur Wiedervereinigung zum Teil aus seiner persönlichen Erfahrung, zum anderen Teil aus dem Weitwinkel-Überblick, den der zeitliche Abstand von der geschichtlichen Entwicklung heute erlaubt. Insgesamt ein lesenswertes Buch – auch wegen der vielfältigen Bewertungen einzelner Vorgänge und Personen. Dabei werden die Erfahrungen der Deutschen in der DDR und ihrer östlichen Nachbarn sorgfältig einbezogen. Dagegen vernachlässigt der Autor die 1989 und 1990 zunächst negative Rolle unserer westlichen Nachbarn und auch die positive Rolle der USA. Als Helmut Kohl im November 1989 die sich eröffnende Chance erkannte und die Initiative ergriff, hätte der Kanzler den Widerstand Englands und Frankreichs und manch anderer europäischer Regierungen nicht überwinden können ohne die entscheidende Hilfe durch den amerikanischen Präsidenten George Bush (Vater) und seinen Außenminister James Baker. So haben vielerlei äußere Faktoren zusammengewirkt, um die Vereinigung am 3. Oktober 1990 zu ermöglichen.

Richard von Weizsäcker wurde der erste Bundespräsident des vereinigten Deutschland. Aber Weizsäcker ragt auch auf andere Weise gegenüber seinen fünf Amtsvorgängern in der Teil-Republik mit ihrer Bonner Hauptstadt heraus. Ein jeder von ihnen hat an der Einheit der Nation festgehalten, und manch einer von ihnen hat an förderlichen Politiken mitgewirkt und ist schädlichen Politiken entgegengetreten. Weizsäcker hat bereits auf die deutsch-deutsche Politik publizistischen und operativen Einfluss genommen, längst ehe er selbst 1969 Politiker wurde. Vor allem muss hier seine gestaltende Mitwirkung an der "Ostdenkschrift" (1965) der Kammer für öffentliche Verantwortung der EKD hervorgehoben werden.

Später, inzwischen Abgeordneter im Bundestag, war er einer der wenigen in seiner Partei, die von der Richtigkeit von Willy Brandts und Walter Scheels Ostpolitik überzeugt waren. Dass die CDU schließlich durch Stimmenthaltung die Ratifikation der Ostverträge ermöglicht hat, ist wesentlich Weizsäckers engagierter innerparteilicher Überzeugungsarbeit zu verdanken. Und ähnlich abermals, als es 1975 gegen den Willen der CDU/CSU um die Helsinki-Konferenz aller europäischen Staaten und der beiden Weltmächte ging. Als Helmut Kohl nach 1982 sowohl die vorgefundene Ostpolitik fortsetzte als auch am vorgefundenen Nato-Doppelbeschluss festhielt, konnte Weizsäcker zufrieden sein.