Aus einem Interview in einer wenig bekannten Intellektuellenzeitschrift ist binnen dreier Wochen ein "Fall Sarrazin" geworden. Der Streit über die Äußerungen des Bundesbankvorstands in Lettre International mutiert zur Debatte über die deutsche Debattenkultur. Es wird mittlerweile genauso leidenschaftlich darüber gestritten, was man hierzulande um welchen Preis sagen darf – wie über die ursprüngliche Frage: Ob Sarrazin denn recht hat mit seinen Behauptungen über Einwanderer in Berlin.

Auch die Leser dieser Zeitung und ihrer Onlineausgabe sind seit Wochen hochengagiert in der Analyse des Vorgangs. Seit dem Streit um die dänischen Karikaturen hat es eine solche Welle der Empörung nicht mehr gegeben. In vielen Hundert Beiträgen schält sich ein Deutungsmuster heraus, das sich immer weiter vom Ursprung der Debatte löst. Es lautet etwa so: Einer sagt, was schiefläuft im Land mit den "Türken und Arabern" – und wird dafür bestraft. Man kann einem Mythos beim Entstehen zuschauen: Thilo Sarrazin, einsamer Kämpfer gegen Rede- und Denkverbote.

Zwei Männer haben maßgeblichen Anteil daran: Stephan Kramer vom Zentralrat der Juden in Deutschland, der behauptete, dass "Sarrazin mit seinem Gedankengut Göring, Goebbels und Hitler große Ehre erweist". Und Axel Weber, Vorstandschef der Bundesbank, der Sarrazin erst verschwiemelt den Rücktritt nahelegte und ihn dann hinter den Kulissen teilentmachtete – ohne je ein offenes Wort über die Aussagen seines Bankkollegen zu wagen, die den Anlass gegeben haben. Nun wird gar behauptet, die Pressestelle der Bundesbank hätte vorab Kenntnis von dem Interview gehabt und Weber hätte Sarrazin somit bewusst ins offene Messer laufen lassen. Wie dem auch sei – Kramer und Weber lieferten Beispiele dafür, wie man die Diskussionskultur auf den Hund bringen kann: Die fast schon bis zur Selbstkarikatur übertriebene Intervention des Zentralratssekretärs und das verdruckste Powerplay des Bankchefs haben mancherorts den Eindruck verfestigt, dass man in Deutschland über bestimmte Dinge nicht mehr reden kann, ohne erst in die rechte Ecke gedrängt und dann in den Senkel gestellt zu werden. Ein Beitrag auf ZEIT ONLINE, der Kramers Äußerung "einfach lachhaft" nannte und befürchtete, er mache "kleine Münze aus dem NS-Vorwurf", erhielt in kurzer Zeit 600 überwiegend zustimmende Kommentare. Und es ist immer noch kein Ende abzusehen, obwohl Kramer seine Äußerungen unterdessen zurückgenommen hat.

Da macht sich einerseits Empörung über den Umgang mit einem Unbequemen Luft. Aber es ist auch etwas anderes im Spiel, das man nicht so leicht als Beitrag zu einer freieren, konfliktfreudigeren Debattenkultur verbuchen kann. Es kommen in den Leserbriefen und den Onlinedebatten Annahmen über den Stand der Integration, über die "wahren Ursachen" der Probleme des Einwanderungslandes, über die deutsche Identität und über die Haltung der Migranten zutage, die noch weit über Sarrazins Zuspitzungen hinausgehen. Eine unterdrückte Wut macht sich Luft.

Diesmal lässt die liberal-progressive Seite der Gesellschaft Druck ab

Viele Beiträge sind von einem Gefühl der Befreiung getragen. Mit der alten völkisch-rechten Fremdenangst hat dieses Phänomen herzlich wenig zu tun. Der politisch-emotionale Druckausgleich findet diesmal eher auf der liberal-progressiven Seite der Gesellschaft statt. Nicht schon die Andersheit des anderen sei das Anstößige, sondern sein Zurückbleiben im Modernisierungsprozess, wie es sich in religiösen Symbolen, traditionsverhafteten Familiensitten und Machismo äußere. Entsprechend geriert man sich wohlig als Bannerträger der Freiheit. Eine manchmal schwer erträgliche Aura biederer Selbstgerechtigkeit gegenüber den Modernisierungsversagern prägt viele Äußerungen, die zuweilen an einen fortschrittlichen Rassismus grenzen. Einen altkonservativen Provokateur wie Peter Gauweiler verleitet dies, in die Debatte zu werfen, ihm seien "Kopftuchmädchen allemal lieber als Arschgeweihmädchen".

Das Gefühl der Befreiung wird interessanterweise dadurch befördert, dass hier nicht etwa ein Mann vom rechten Rand behauptet, dass die Mehrzahl der Türken und Araber "keine produktive Funktion" hätten und die Türken Deutschland mit ihrer Geburtenrate eroberten, "genauso wie die Kosovaren das Kosovo" (Sarrazin) – sondern ein SPD-Mann. Das macht die Sache nämlich weniger verdächtig. Mit besonderer Genugtuung wird denn auch darauf verwiesen, dass "Herr Sarrazin keineswegs am rechten Rand poltert, er poltert mitten in der Gesellschaft. (…) Er vermittelt dem viel zitierten kleinen Mann, dass es da oben doch noch welche gibt, die um seine Ängste, Sorgen und auch ganz konkreten Erfahrungen im Umgang mit Einwanderern jedwelcher Generation wissen und ihn auch ernst nehmen." Mancher Leser hält schon den Begriff Integration selbst für "reichlich naiv" und meint, die Mühe "erübrigt sich nicht nur aufgrund der zu unterschiedlichen Kulturen. Die wollen es einfach nicht, nehmt das endlich zur Kenntnis." Wieder andere zitieren genüsslich die Zustimmung zu Sarrazins Aussagen von so prominenten Köpfen wie Hans-Olaf Henkel und Ralph Giordano. Die beiden ließen sich nicht dem "rechten Lager" zuordnen und hätten festgestellt, dass Sarrazin "einfach recht" habe – anders als die "professionellen Gutmenschen", die uns die Verhältnisse erst eingebrockt hätten. Viele Leser geben sich vollkommen sicher, dass die Integration scheitern müsse, weil "die" (Einwanderer) einfach nicht wollten. Woraus folge, dass es infrage stehe, wie einer triumphierend schreibt, dass wir "überhaupt eine Einwander ungspolitik" brauchten. Und es dauert nicht lange, da kommt derselbe Leser mit seiner Erklärung dafür, dass "Menschen eines völlig anderen Kulturkreises" nicht integriert werden könnten. Es folgen aus dem Internet kopierte saftige Koranzitate über die "Ungläubigen". Wieder ein anderer Leser ist zwar nicht per se gegen Einwanderung, aber wenn schon, dann "nur aus katholischen Ländern". (Vom schlechten Schulerfolg der italienischen Einwandererkinder hat er offenbar noch nicht gehört.)

Das ist nicht abzutun als das übliche Maß an Ressentiment am Rand der Gesellschaft. Die paar handfesten Neonazis in den Debattenforen und Leserbriefspalten sind kaum der Rede wert. Sarrazin selber scheint sich erschrocken zu haben: Ob seine Entschuldigung, offenbar sei "nicht jede Formulierung gelungen" gewesen, darauf hindeutet, dass ihm die Enthemmung mancher seiner Unterstützer selber unheimlich geworden ist?