Ein Leben wie im Roman: der Arbeitersohn aus ärmsten Verhältnissen im Kohlenpott, der als Schwarzmarkthändler in der Notzeit nach dem Zweiten Weltkrieg ein Millionenvermögen (Reichsmark) macht. Student der Ökonomie nach Sondereignungsprüfung, mit den Lehren von Marx geschulter linker Gewerkschafter und SPD-Politiker, tatkräftiger Helfer spanischer Sozialisten im Kampf gegen die Franco-Diktatur. Dann der Aufstieg in die politische Beletage: parlamentarischer Staatssekretär im Entwicklungshilfeministerium, Forschungsminister und von 1978 bis 1982 Bundesfinanzminister unter Helmut Schmidt. Danach noch SPD-Schatzmeister und schließlich Chef des von Skandalen geschüttelten Gewerkschaftskonzerns BGAG, der ihn zum Einkommensmillionär machte.

Über das Leben des jetzt 83-jährigen Hans Matthöfer hat der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser jedoch keinen Roman geschrieben, sondern ein Sachbuch von fast 800 Seiten. Der Leser erfährt, wie spannungsreich – in jeder Bedeutung des Wortes – Politik ist. Viele Themen aus Matthöfers Regierungszeit – Vollbeschäftigung, Staatsverschuldung, Technologiepolitik, Entwicklungshilfe, Weltmarktorientierung – sind heute aktuell.

Gerade der Blick in die Partei zeigt die Härte, mit der sogenannte Parteifreunde ringen, er offenbart Rivalenkämpfe mit wechselseitigen Rücktrittsdrohungen und zuweilen auch Intrigen. Man sieht sehr gut, wie wenig Spielraum die politischen Akteure oft haben, und das nicht nur wegen der Sachzwänge: Immer müssen sie sich die notwendige Zustimmung erkämpfen, in der Regierung genauso wie in der eigenen Fraktion, in der Koalition oder in Interessengruppen.

All das sind Stärken des Buches. Seine Schwäche: Abelshauser erliegt einer Gefahr, die er selbst im Buch benennt – nämlich "sich von der suggestiven Macht selektiver Quellenbestände einseitig für den jeweiligen ›Helden‹ einnehmen zu lassen". Auch dieser Autor bewundert seinen Helden, er überhöht Matthöfers Rolle in der Politik und unterstellt seinen Gegenspielern zu "wenig intellektuelle Ambitionen" oder Ähnliches.

War Matthöfer "ein zentraler Protagonist der westdeutschen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft"? Wohl kaum. War er der Kronprinz, "nur einen Herzschlag vom Kanzleramt entfernt"? Ja, aber erst dann, als die SPD schon kaum noch Chancen hatte, einen neuen Kanzler zu stellen.

War Matthöfer wenigstens ein herausragender Finanzminister, wie Abelshauser meint? In Matthöfers Amtszeit fiel eine von der zweiten Ölpreisexplosion ausgelöste Wirtschaftskrise, nicht so schlimm wie heute, aber dennoch erheblich. Damals wandelte sich Matthöfer von einem Ausgabenfreund zum Sparkommissar.

Bei Amtsantritt hatte Matthöfer noch ein kreativer Reformer sein wollen, der die Investitionen steigert und staatlich lenkt, um die Wirtschaft zu modernisieren. Der Staat habe "die permanente Aufgabe, frühzeitig und vorsorglich gegenzusteuern, um schon das Entstehen wirtschaftlicher Ungleichgewichte im Keim zu verhindern", lautete Matthöfers damaliges Credo. Die Regierung hatte noch unter seinem Vorgänger Hans Apel Zukunftsinvestitionen für mehrere Jahre beschlossen, woraufhin die Wirtschaft in Matthöfers ersten beiden Jahren als Finanzminister einen Aufschwung erlebte. Zum bislang letzten Mal sank die Zahl der Arbeitslosen unter eine Million. Die Neuverschuldung des Bundes stieg aber wieder an.

 

Im Wahljahr 1980 zeichnete sich dann die nächste Rezession ab. Mit weiteren Nachfrageprogrammen, finanziert auf Kredit, komme man dieser Krise nicht bei, erklärte Matthöfer. Er meinte, dass die Staatsverschuldung "seit Langem die Grenze des politisch Vernünftigen erreicht hatte", die steigenden Zinsausgaben würden die Handlungsfähigkeit des Staates einengen. Damals war der Staat mit 30 Prozent des Bruttosozialprodukts verschuldet, heute geht es auf 80 Prozent zu.

Abelshauser führt vor, wie grob viele Sozialdemokraten Matthöfers Wende bekämpften. Der Finanzminister warnte vor einer "illusionären Flucht der SPD aus der Verantwortung". Seine Hauptwidersacher in der Regierung, der von Schmidt ins Verteidigungsministerium beorderte Apel und Sozialminister Herbert Ehrenberg, beschuldigten ihren Kabinettskollegen, er verderbe "die Arbeitnehmerbeziehungen der SPD" und ersetze die aus ihrer Sicht erfolgreiche keynesianische Wirtschaftspolitik durch eine "modische Kombination aus Angebotspolitik und Sozialstaatskritik". Und ausgerechnet die IG Metall, in der auch Matthöfer Mitglied war, rief zu einer Massendemonstration "gegen Arbeitsplatzverlust und soziale Demontage, gegen die Sparbeschlüsse der Bundesregierung" auf. Ihr Funktionär Franz Steinkühler, den Matthöfer als seinen Freund betrachtet hatte, geißelte die Haushaltskürzungen als einen "Anschlag auf den sozialen Besitzstand der Arbeitnehmer". Als sich Matthöfer dann noch gegen neue Verteidigungsausgaben wehrte, bellte der SPD-Fraktionschef Herbert Wehner ihn an: "Ein Finanzminister, der nicht in der Lage ist, eine Milliarde zusätzlich für die Bundeswehr zu beschaffen, zeigt, dass er den Anforderungen seines Amtes nicht gewachsen ist."

Hans Matthöfer hatte seine eigenen Möglichkeiten überschätzt. Sofern er am Ergebnis und nicht am Willen und an den Visionen bewertet wird, war er ein Finanzminister wie alle anderen in den vergangenen vier Jahrzehnten: Trotz aller Anstrengungen, den Haushalt zu konsolidieren, waren die Schulden am Ende seiner Amtszeit weit höher als bei Amtsantritt.