Schon als Kind fragte ich mich, warum Erwachsene aufhören, fröhlich zu sein. Erwachsen zu sein erschien mir als Mysterium. Warum nur kamen sie von der Arbeit nach Hause, setzten sich hin, tranken Bier und schalteten den Fernseher ein, tranken noch ein Bier, sahen weiter fern, rauchten? Ich wollte niemals ein solcher Mensch werden. Ich wollte weiter spielen. Ich träumte davon, nicht erwachsen zu werden. Diesen Traum verfolge ich bis heute.

Als ich 14 war, fingen meine Freunde an zu trinken. Ich sagte: "Hey, letztes Jahr haben wir alle gesagt, wir würden niemals damit anfangen." Mir waren Drogen, Rauchen und Trinken immer verdächtig. Manche Leute scheinen die ganze Zeit etwas zu verstecken, das sie erst dann herauslassen können, wenn sie getrunken haben. Der Alkohol erlaubt ihnen, sich wie Kinder zu benehmen, den Rest der Zeit muss man erwachsen sein. So dachte ich damals.

Jetzt bin ich 33, das Kind ist immer weiter entfernt. Oft wünsche ich mir, ich könnte seine Stimme noch klar und deutlich hören. Ich versuche mich daran zu erinnern, was ich als Kind wollte. Was würde ich sagen, wenn ich ein Kind wäre und mich heute treffen würde? Leider ist es so: Man muss aufhören, Kind zu sein, wenn man mit anderen Menschen etwas auf die Beine stellen will. Man muss Vereinbarungen treffen. Von diesem Moment an ist man nicht mehr frei. Im Musikerleben sagt dir ständig jemand, was du in vier Monaten tun und welche Platte du in einem Jahr veröffentlichen wirst. Du sagst Ja, und bevor du dort angekommen bist, hast du schon wieder zu etwas anderem Ja gesagt. Dauernd stapelt man neue Projekte aufeinander.

Vor etwa drei Jahren bemerkte ich, dass es für mich zur Hauptsache geworden war, meine Verpflichtungen zu erfüllen. Ich musste den Leuten, mit denen ich arbeitete, sagen: Ich weiß nicht, ob ich so weitermachen werde. Ich wollte mich nicht verpflichtet fühlen, weiter in derselben Band zu spielen, weiter dort zu leben, wo ich lebte, oder mit meiner Freundin zusammenzubleiben. Ich wollte wissen: Tue ich das alles nur, weil ich mich dazu zwinge? Oder weil ich es wirklich will? Danach verbrachte ich ein paar Monate in Südamerika, allein. Am Ende stellte ich fest, dass ich ernsthaft musikalisch arbeiten und mit der Band vor Leuten spielen wollte.

Ich liebe meine Heimatstadt Bergen, aber es ist dort sehr kalt, und deshalb reise ich viel. Ich mag es, wenn es warm genug ist, dass die Leute draußen sitzen und ich mit der Gitarre herumlaufen kann. Ich kann auf unbekannte Leute zugehen und einen Song für sie spielen, überall auf der Welt. Man muss nicht einmal die Sprache des Landes sprechen. Allein die Tatsache, dass man spielt und singt, ist eine klare Aussage. Ich bin dann wie ein Kind, das die Gitarre in die Hand nimmt und auf die Straße rausgeht.

Aufgezeichnet von Ralph Geisenhanslüke.

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