Hat eigentlich jemand bemerkt, dass sich an der Spitze der deutschen Wirtschaft etwas verändert hat? Die Stars von einst werden verfolgt, und während sich fast alle Aufmerksamkeit auf die staatsanwaltlichen Ermittlungen und die folgenden Prozesse richtet, übernehmen eher introvertierte Typen einen Chefposten nach dem anderen.

Gemeint sind Männer, die ihren Blick nach innen auf die Organisation richten. Sie sind stark an ihrem Produkt interessiert wie Frank Appel bei der Deutschen Post, Michael Macht bei Porsche und der kommende E.on-Chef Johannes Teyssen. Viele von ihnen führten bis zu ihrer Ernennung ein sicher arbeitsreiches, aber sonst unauffälliges Leben wie auch Elmar Degenhart von Continental. Der künftige Chef des Pharma- und Chemiekonzerns Bayer, Marijn Dekkers, ist in Deutschland ein vollkommen unbeschriebenes Blatt. Soweit sie es erkennen lassen, geht es ihnen um Innovationen, nicht um Visionen.

In die Reihe gehören auch die drei Aufräumer im Dax, Commerzbank-Chef Martin Blessing, Peter Bauer bei Infineon und Peter Löscher bei Siemens. Letzterer vollendet neben einem Kehraus (wegen des Korruptionsskandals) einen bis dahin einmaligen Strukturwandel und macht aus einem Gemischtwarenladen endgültig ein auf wenige Megatrends konzentriertes Unternehmen. Zu anderen Fragen, politischen gar, meldet sich Löscher ungern zu Wort. Er hat zu tun, ist nicht der Typ dafür. Übrigens gehört Löscher auch zu den bald sieben Ausländern an der Spitze eines Dax-Konzerns, die alle für den neuen Geist stehen. Sie sind Tatmenschen, keine Stars.

Vielleicht ist es Zufall, aber seit Längerem nimmt auch die Zahl der Ingenieure und Naturwissenschaftler zu, die es bis nach ganz oben schaffen. Das belegt eine Langzeitstudie des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung. Dementsprechend seltener sind Manager, die eine der klassischen Managementschulen durchlaufen haben. An denen wurde oft gelehrt, man könne einen Konzern am besten durch Charisma führen – wie die Star-CEOs der vergangenen 15 Jahre.

Im Vergleich dazu sind die neuen Chefs echte Langweiler. Denn mal ehrlich: Wer liest nicht gern – wie diese Woche –, dass Infineons Exchef Ulrich Schumacher seinen Kollegen den eigens angestellten Gärtner streitig gemacht haben soll? Schumacher wurde übrigens vom Vorwurf der Bestechlichkeit, um den es eigentlich ging, freigesprochen.

Schillernd war stets auch das Wirken von Wendelin Wiedeking, inklusive eigener Schuhmanufaktur; gegen den früheren Porsche-Chef wird noch wegen des Verdachts der Marktmanipulation und der Weitergabe von Insiderinformationen ermittelt. Das verspricht weitere Aufmerksamkeit. Und Thomas Middelhoff (Arcandor) erwehrt sich derweil des Verdachts der Untreue, wobei nebenbei herauskam, dass Middelhoff über eine millionenteure Jacht und eine noch viel wertvollere Villa verfügt. Solcher Glamour ist aus deutschen Chefetagen weitgehend verschwunden. Für manche Unternehmen kam der Wechsel zu spät, den anderen tat er gut.