Mit peinlichen Momenten hatte man ja gerechnet, aber aus einer ganz anderen Richtung. Wenn sich ein Sänger in einem Alter auf die Bühne begibt, in dem normalerweise der Atem knapp wird und das Timbre rissig, in dem auch Geiger schon einen zittrigen Ton kriegen und nur Dirigenten noch späte Blüten entfalten – wenn so ein Sänger mit 68 Jahren auch noch eine ganze Titelpartie auf sich nimmt, wie soll das gut gehen? Plácido Domingo hat dem Absturz vorgebeugt, indem er abgestiegen ist, nach 50 Bühnenjahren, vom Tenor zum Bariton. Als Doge in Verdis Oper Simon Boccanegra steht er jetzt sozusagen seiner eigenen Vergangenheit gegenüber, dem tenoralen Liebhaber, den er auch schon gesungen hat. Domingo, ein patiniertes Denkmal seiner selbst?

Von wegen. Der reife Debütant ist die einzige lebende Bühnengestalt in einer grotesken Veranstaltung. In der rappelvollen Staatsoper Berlin wird Boccanegra als konzertante Aufführung in Kulissen und Kostümen gegeben, nach der erstaunlicherweise auch ein Regisseur ins Rampenlicht tritt. Zugegeben, leicht zu inszenieren ist Verdis erstes Spätwerk nicht. 1881 wurde es in zweiter Fassung in Mailand uraufgeführt; Eduard Hanslick geißelte das Libretto als "sehr unklar". Mit guten Gründen. Allein der Prolog des Dreiakters enthält die Nacherzählung einer Vorgeschichte, die steile Karriere eines Piraten zum Politiker, eine Familienfehde sowie den Tod der Mutter einer 25 Jahre später auftretenden Hauptperson.

Derlei Umständlichkeiten haben dem Boccanegra lange ein Schattendasein beschert, in den letzten 20 Jahren aber immer mehr Regisseure herausgefordert. Mittlerweile ist das Stück geradezu in Mode, zuletzt haben Claus Guth und Christof Loy erforscht, was es mit den Interessenkonflikten zwischen vier Männern und einer Frau, verheimlichten Blutsbanden, politischen Visionen und der Naturgewalt des Meeres auf sich hat. Das alles interessiert Federico Tiezzi nicht die Bohne. Der 57-Jährige meditiert im Programmbuch 16 Seiten lang wolkig über eine Oper, von der auf der Bühne gotische Arkaden, schimmernde Waffenröcke und stereotype Posen bleiben, als hätte Verdi Musik zu einer Schaufensterdekoration geschrieben.

Tatsächlich ist das aber eine seiner abgründigsten und sogkräftigsten Partituren, durchkomponiert in Richtung Musikdrama. Daniel Barenboim arbeitet mit der Staatskapelle vor allem die Plastizität und Prägnanz heraus. Das radikale Decrescendo auf herabspringenden Achteln nach dem Ruf "Inferno" hat räumliche Wirkung, das schwere Blech im Finale des ersten Akts verurteilt mit brucknerscher Wucht nicht nur einen Verräter, sondern selbst die, die ihn verfluchen. Dagegen sind die feinen, flirrenden bis fahlen Farben fast zu konkret. Das Spiel der Wellen klingt wie ein Holzbläsermaschinchen, und dem düsteren Orchesterzwischenspiel im Prolog fehlt die ins Weite drängende Vielschichtigkeit, die diese Musik zur shakespearehaftesten des Komponisten macht.