Schmetterlinge, Schnecken und Spitzweg, Saurierknochen, kreidezeitliche Stachelhäuter, ausgestopftes Wild in Dioramen, exotische Trophäen aus der Kolonialzeit, eine Moorleiche, ein paar Dutzend Altäre und Gemälde aus fünf Jahrhunderten – im Niedersächsischen Landesmuseum in Hannover findet man buchstäblich alles unter einem Dach. Und als ob das nicht genügte, gibt es auch noch ein Vivarium mit Seeigeln, Piranhas und Pythons. Wer dorthin möchte, braucht nur dem Kinderjohlen zu folgen. Diesen Sommer sind neun grasgrüne Chamäleons geschlüpft.

Diese kuriose Sammlung befindet sich im ältesten und heterogensten Museum Hannovers, entstanden 1852, im selben Jahr wie das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg. Zunächst waren es romantisch und vaterländisch gesinnte Vereine und Gesellschaften, die öffentliche Sammlungen aufbauten und schließlich zusammenführten, seit 1902 in einem pompösen Bau im Neorenaissancestil am Rande des Maschteichs.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Mit Ausnahme der Altäre, die nach einem Beschluss von König Georg V. zusammengetragen wurden, handelt es sich um eine bürgerliche Sammlung. Ein Schwerpunkt des Hauses mit Abteilungen für Archäologie, Naturkunde, Völkerkunde und Kunst liegt bei den Gemälden.

Es ist viel zu wenig bekannt, welche Schätze die Landesgalerie in Hannover birgt: eine großformatige Venus nebst sieben weiteren Bildern von Lucas Cranach d. Ä.; das womöglich letzte Werk des Florentiners Sandro Botticelli (Verkündigung von 1495/99); den einzigen vollständigen Tageszeitenzyklus des Romantikers Caspar David Friedrich; 24 Gemälde von Max Slevogt, darunter der Papageienmann, den der hannoversche Bürger Konrad Wrede direkt im Atelier des Künstlers erworben hat; 33 Gemälde von Paula Modersohn-Becker und von Claude Monet das radikalste, weil formal am weitesten aufgelöste Werk aus dessen berühmten Ansichten des Bahnhofs von Saint-Lazare.

Ihre italienischen Meisterwerke verdankt die Landesgalerie zum großen Teil dem Kunstliebhaber August Kestner, dem Sohn der Goethefreundin Charlotte Buff. Dieser lebte als Diplomat des Königreichs Hannover und des Vereinigten Königreichs Großbritannien in Rom. Eine wundervolle Madonna mit dem stehenden Christuskind von Peter Paul Rubens war im Besitz des russischen Zaren und kam im Zuge der umstrittenen Kunstverkäufe unter Stalin in den Handel, wo sie die Firma Pelikan erwarb. Die strahlende Kolorierung sollte den Pelikan-Chemikern Anregung für die Entwicklung noch besserer Farben sein.

Mit dem Niederländer Jaap Brakke ist seit Kurzem ein Pragmatiker mit Fantasie Direktor des Hauses. Vieles spricht dafür, das Gemischtwarensortiment beizubehalten, vielleicht sogar das Wunderkammerprinzip zu erwägen. Im Geiste ist man sowieso versucht, die Dinge aus den bislang noch rigiden Einteilungen zu befreien. Das 15-fach vergrößerte Modell eines Hirschkäfers aus der Naturkundeabteilung könnte man in eine Ecke des Saales »Ideale Welten« räumen, wo ein Faun von Arnold Böcklin einer Amsel zupfeift. Der eiszeitliche Riesenhirsch (Schaufelgeweihspannweite 2,40 Meter) könnte auf Tour in die Säle mit Salonmalerei geschickt werden. Und der »Rote Franz«, eine spätantike Moorleiche, deren rotblonde Locken aussehen wie gestern erst frisiert, geistert wahrscheinlich sowieso durch die Hallen.

Wandelt man durch das Museum, kommt einem die aberwitzige, vorgeblich altchinesische Klassifikation von Tieren in den Sinn, die Jorge Luis Borges in Das Eine und die Vielen erwähnt: a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, k) mit feinstem Kamelhaarpinsel gezeichnete, n) die von Weitem wie Fliegen aussehen. Michel Foucault diente diese Taxonomie als Beispiel für eine ganz andere als die abendländisch-rationale Ordnung der Dinge.