Wüstenbildung ist eines der drängenden Umweltprobleme Chinas, die auf den Klimawandel zurückgeführt werden © China Photos/Getty Images

Die Regierung

China hat die USA als weltgrößter Produzent von Kohlendioxid überholt, zusammen sind die beiden Staaten für mehr als 40 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich. Ohne sie wird es im Dezember bei der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen keine wirksame Einigung geben.

Diese Pattsituation hatte Ivo de Boer sicher im Hinterkopf, als er Ende September reichlich Vorschusslorbeeren an die Pekinger Regierung verteilte. Schon bevor Präsident Hu Jintao in New York ans Rednerpult der Vereinten Nationen trat, verkündete der UN-Klimasekretär, Hu werde weitreichende Maßnahmen versprechen.

Hu kündigte denn auch an, die CO₂-Emissionen je Einheit des Bruttoinlandsprodukts bis 2020 "beträchtlich" zu senken. Wie viel "beträchtlich" sein wird, sagte er nicht. Dafür nannte er andere Zahlen: Bis 2020 werde China 15 Prozent seines Energiebedarfs aus nichtfossilen Quellen gewinnen, also aus erneuerbaren Energien und Kernkraft. Heute sind es zehn Prozent. Zudem würden bis dahin 40 Millionen Hektar Wald gepflanzt. Und alles in allem strebe China eine grüne, CO₂-arme Wirtschaft an.

Konkreter soll der Plan für den Ausbau grüner Energien werden, den der chinesische Staatsrat in Kürze vorstellen will. Die vagen Zahlen, die vorab durchsickerten, klingen gigantisch: Im nächsten Jahrzehnt sollen demnach 140 bis 440 Milliarden Euro in erneuerbare Energien fließen. Selbst wenn die Summe an der unteren Grenze bliebe, wäre das mehr, als die gesamte restliche Welt im vergangenen Jahr in erneuerbare Energien gesteckt hat.

Natürlich erhofft sich die Regierung davon auch einen wirtschaftlichen Aufschwung. Der Klimaschutz könnte damit ein verhältnismäßig einfacher Weg für China sein, internationales Ansehen zu gewinnen, ohne nationale Interessen zu sehr beschränken zu müssen – einfacher jedenfalls als bei den oft verfahrenen Themen Menschenrechte, Demokratie oder Tibet.

Der WWF-Funktionär 

Der WWF-Funktionär

Daran, dass China im Klimaschutz einen Schritt vorangeht, ist Yang Fuqiang nicht unbeteiligt. Yang ist ein kleiner, feiner Mann, der zugleich nachdenklich und verschmitzt wirkt. Das liegt daran, dass er dauernd das rechte Auge zukneift. Er hat einen schwierigen Job: Als Chef des Programms Global Climate Change Solutions der Umweltschutzorganisation WWF kämpft er in China für mehr Klimaschutz. Yang kämpft auf sehr chinesische Weise: Er berät die Regierung.

"Ich sage der Regierung, sie soll die Führung übernehmen. Das wollen die nicht, die sagen immer: Soll doch jemand anders vorgehen", sagt Yang. "Wir müssen aber ein Vorbild sein für andere Entwicklungsländer; die sollen unseren Weg gehen, nicht den der USA oder Europas."

Yang ist einer der profiliertesten Energieexperten Chinas. Der Physiker wollte eigentlich im Labor arbeiten, Experimente machen, landete dann aber 1977 im Pekinger Energy Research Institute. Seit mehr als dreißig Jahren beobachtet er den rasant wachsenden chinesischen Energiesektor. "1990 hatte China gerade mal 140 Gigawatt Produktionskapazität, natürlich vor allem Kohlekraftwerke. Heute sind es 800 Gigawatt!"

Die Rede von Präsident Hu in New York habe ihn "beeindruckt", sagt Yang: "Zum ersten Mal hat ein chinesischer Führer von der Senkung der Kohlendioxidintensität gesprochen, vorher ging es immer nur um die Steigerung der Energieeffizienz. Und dass er gesagt hat, China werde eine CO₂-arme Wirtschaft aufbauen, ist doch ein starkes Wort für ein Entwicklungsland."

Überrascht wird Yang allerdings nicht gewesen sein. "Ich will meinen Einfluss nicht überbewerten, aber das mit der CO₂-Intensität war mein Vorschlag", behauptet er und grinst. "Das verstehen die Leute besser." Außerdem werde so deutlicher, dass China andere Energiequellen brauche und nicht nur effizientere Technik.

Yang sagt voraus: Auch beim Kopenhagener Gipfel werde China nicht eine Zahl nennen, sondern viele. Bei den nichtfossilen Energien würden noch ein, zwei Prozentpunkte draufgelegt, Salamitaktik.

Trotzdem ist der Klimaschützer nicht unzufrieden. "Wenn man ein Experte ist wie ich, kann man das leicht umrechnen", sagt er listig. Er habe das schon mal geschätzt: Alle Maßnahmen zusammen ergäben 17 bis 22 Prozent weniger CO₂-Ausstoß im Jahr 2020 im Vergleich zu 2005. Obamas Gesetzentwurf für die USA sehe für den gleichen Zeitraum 17 Prozent vor. "Das kann die Regierung nicht sagen. Aber ich schon."

Der Umweltjournalist

Der Umweltjournalist

Gong Yidong sitzt in einem schattigen Straßencafé im Pekinger Botschaftsviertel, ein wenig abseits des Verkehrslärms der dritten Ringstraße. Mit seinem Sweatshirt, dem Strubbelschnitt und den golddurchwirkten Schnürsenkeln in den Sneakern könnte man ihn für einen amerikanischen Studenten halten. Doch Yidong ist in China geblieben, er arbeitet als Wissenschaftsjournalist für den Dienst China Features der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua. Sein Bruder war es, der in den Vereinigten Staaten sein Glück gesucht hat.

"Als er zurückkam, hatten wir einen großen Streit", erinnert sich Gong. Er sei sicher kein Nationalist, aber die Ansichten seines Bruders hätten ihn schon aufgeregt: "Der meinte, Peking sei einfach zu verschmutzt. Er war nicht zufrieden mit China. Er hat nicht das ganze Bild gesehen."

Das ganze Bild sieht für Gong so aus: China müsse seine Wirtschaft entwickeln, gleichzeitig solle es das Klima schützen. "Aber wie soll man ein Pferd zum Wachsen bringen, wenn man ihm kein Gras gibt?" Außerdem produziere China viele Waren für den Westen, dabei entstehe schließlich CO₂, das sich die Industrienationen sparten. Gong spricht aus, was viele Chinesen denken.

Die bedrohlichen Folgen des Klimawandels leugnet er aber nicht, er hat sie selbst gesehen, bei Recherchen in der Inneren Mongolei und in Tibet – und in seiner Heimat Xinjiang im äußersten Nordwesten Chinas. Erst vor Kurzem war er dort zu Besuch. "Die Leute erzählen, es gibt im Winter kaum noch Schnee. Als ich klein war, gab es jede Menge." Und in Peking habe die Zahl der "Saunatage" zugenommen.

Chinas Medien berichteten aber nicht mehr nur über die Auswirkungen des Klimawandels, sagt der Journalist: "Wir schreiben jetzt auch häufiger darüber, was man tun muss." Gerade erst hat die einflussreichste chinesische Wochenzeitung, Southern Weekly, eine vierseitige Beilage zu Umweltthemen gestartet. "Grün führt das Volk" war das Motto der ersten Ausgabe, der Titel zeigte eine grün gefärbte Version des berühmten französischen Revolutionsgemäldes mit der fahnenschwenkenden Liberté.

Mittlerweile redeten Forscher auch mehr mit Journalisten über Themen wie den Klimawandel, sagt der Wissenschaftsjournalist Gong, ein Problem aber bleibe: "Es ist schwierig, von ihnen Meinungen zu bekommen."

Der Wissenschaftler

Der Wissenschaftler

Dass es im Institut von Andreas Oberheitmann um Umwelt geht, sieht man schon von Weitem. Wie eine grüne Oase wirkt der Glasbau mit den üppig bepflanzten Terrassen zwischen den Hochhäusern auf dem Campus der Tsinghua-Universität, selbst an diesem grauen Tag. "Typisches Peking-Wetter", sagt der Direktor des Forschungszentrums für internationale Umweltpolitik. Smog blendet den Rest der Welt aus.

In ihrem eigenen Haus haben Oberheitmann und seine Kollegen schon mal Klimaschutz geübt: doppelwandige Glasfassade, Solarzellen, selbstregulierendes Lüftungssystem. Drinnen arbeitet der Wissenschaftler an Lösungen für den Rest der Welt, besonders für China.

"Ich kann gut verstehen, dass die chinesische Regierung nicht in Vorleistung gehen will. Deshalb setze ich mich für ein neues, faireres System ein."

Oberheitmann beschäftigt sich seit seinem Wirtschaftsstudium in den achtziger Jahren mit China, nebenbei hat er auch Sinologie studiert. Seit drei Jahren forscht er an der Tsinghua-Universität, Arbeitssprache in seiner Abteilung ist Chinesisch.

Sein System, das den Klimaschutz gerechter machen soll, geht von zwei Fragen aus. Wie viel Kohlendioxid ist seit Beginn der industriellen Revolution bereits ausgestoßen worden? Und wie viel mehr darf es noch werden, damit die Menschheit ihr ehrgeiziges Ziel einhält: nämlich bis zum Jahr 2100 die globale Mitteltemperatur um nicht mehr als zwei Grad Celsius zu erhöhen?

In diese Kalkulation fügt Oberheitmann zwei "Fairnessfaktoren" ein, erstens dass die Industrienationen historisch für einen Großteil der Emissionen verantwortlich sind. Und zweitens dass Schwellen- und Entwicklungsländer meist sehr zahlreiche Bevölkerungen haben.

So kommt er auf ein historisches Gesamt-CO₂-Budget pro Einwohner als Grundlage für einen neuen Emissionshandel. Großemittenten wie die USA müssten dann etwa bei den Chinesen, die pro Kopf wenig ausstoßen, Verschmutzungsrechte kaufen. "Das wird viel Geld kosten – für die Industrienationen."

Oberheitmann hofft trotzdem, dass beim UN-Klimagipfel zumindest über ein solches System geredet wird. Vielleicht hilft es ja, dass sein Kollege und Kodirektor des Forschungszentrums, Wang Can, in Kopenhagen für China verhandeln wird.

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