Geht man in eine der letzten Enklaven des alten St. Pauli, wo der Geräuschpegel vom Klappern geklauter Einkaufswagen bestimmt wird, findet man zwischen Discount, Kneipe und Wettbüro Hamburgs zweitjüngsten Plattenladen. Freiheit und Roosen heißt er, was einerseits viel verspricht, andererseits durch das doppelte O geheimnisvoll klingt, dabei ist das bloß der Name der Straßenkreuzung. Das aufstrebende Unternehmen, gegründet vor anderthalb Jahren, nimmt teil an der ersten deutschen Plattenladenwoche, die an diesem Freitag beginnt. 115 zumeist kleine Läden aus 70 Städten erinnern daran, dass sie kein literaturgewordener Mythos sind, sondern nach wie vor existieren oder sogar eben erst eröffnet haben, und dass sie Alternativen zum heimischen Download am Computer bieten, nämlich das Gespräch von Mensch zu Mensch zwischen Platten und CDs, mit Stöbern und Probehören. Schauen wir also mal rein.

"Was sind denn ›Deutschtümmler‹?", fragt gerade ein Kunde, ratsuchend vor einer Plattenkiste. – "Na, die wo deutsch singen", sagt der Mann hinterm Tresen und wischt die Tabakkrümel zur Seite. So wird gleich beim Eintreten klar: Dies ist ein Laden, der mit routiniertem Abverkauf nichts zu tun hat. Vollgestopft ist es hier bis unter die Decke, durcheinander, entspannt. Die Kisten tragen gemütvolle Titel wie "Band der Woche", "Tolle Bands", "Tipps und Favoriten". Und im Eingang stehen Kisten mit "Neuware, noch nicht einsortiert". Das ist so jenseits üblichen Marketings, das macht gleich Spaß.

Bei der Suche nach Musik stößt man hier auf alte Lampen, instandgesetzte Verstärker und Super-8-Filmprojektoren. Denn in diesem Laden gibt es einen zweiten Laden, dessen Betreiber gern lötet: "Dephekt –Technik zum Liebhaben". Dephekt hat keinen eigenen Raum, Dephekt ist zwischen, über und unter den Platten.

Wie funktioniert so ein Gemischtwarenladen? Die beiden Plattenhändler stehen in dicken Jacken Frage und Antwort, denn heizen tun sie nicht so recht. Dafür darf geraucht werden!

"Musik ist einfach auch schwer zu sortieren", sagt Ralph Haiber. "Wenn man bei uns guckt, dann findet man Sachen, die man nicht erwartet hätte. Außerdem lieben wir die Kommunikation. Wir wissen ja, wo die Sachen stehen."

Der 38-Jährige war aus Schwaben nach Hamburg gekommen, um sein Jurastudium abzuschließen. Noch während er sich dem Aufbaustudiengang Kriminologie widmete, fing er an, seine Plattensammlung übers Internet zu verkaufen. Mit großem Erfolg. Jemand überzeugte ihn, auch mal Neuware in seinen Katalog aufzunehmen. So wurde er vom Kriminologen zum Plattenhändler.

Muss man bereit sein, sich von seinen Platten zu trennen, wenn man ordentlich verkaufen will? "Man kann nicht Händler sein und gleichzeitig Liebhaber. Das ist, wie wenn du eine Kneipe hast und Alkoholiker bist", sagt Haiber.