Auf dem kleinen Marktplatz in Wasserliesch stehen sich zwei Metallfiguren gegenüber: der Fährmann und der Ausrufer. Der Fährmann war jahrzehntelang die einzige Verbindung über die Mosel, der Ausrufer die wichtigste Informationsquelle in dem schlummernden Dorf: Er verkündete die Nachrichten. "Wir liegen immer noch etwas abseits vom Schuss", sagt Peter Giwer vom Weingut Giwer-Greif. In dieser Abgeschiedenheit tüftelt Giwer leise an der Qualität seiner Weine. Am frischen Elbling, am saftigen Grauburgunder und am würzigen roten St. Laurent. Weine, die man hier nicht erwarten würde.

Wasserliesch liegt wenige Kilometer hinter Trier. Fährt man in Richtung Lothringen, befindet sich am rechten Ufer der Mosel das Großherzogtum Luxemburg. Fünf Brücken verbinden es mit der deutschen Uferseite, wo sich auf rund 40 Kilometern zwischen Wasserliesch und Palzem der Distrikt der "anderen" Moselwinzer erstreckt.

Es ist ein Landstrich ohne straffe Wirtschaftsstrukturen, man findet kaum Industrie, etwas Landwirtschaft und einen Tourismus, der sich zögerlich entwickelt. Viele Moselaner arbeiten in den Banken und an den Tankstellen Luxemburgs. Das obere Moseltal ist ein Zipfel Deutschlands, der lange nicht wusste, wohin er gehört. Mal wurde es von Preußen eingenommen, mal von Frankreich und Luxemburg beansprucht. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es isoliert, die Nachbarländer legten nach den Erfahrungen mit Nazi-Deutschland keinen Wert auf freundschaftliche Kontakte.

In dieser erzwungenen Starre hat sich das Tal seine natürlichen Reize erhalten: Hier weitet es sich, die Hügel schmiegen sich aneinander zu einer großzügigen und heiteren Landschaft. Die tragende Rolle darin fällt der Mosel zu: Die Luxemburger nennen sie kumpelhaft Musel, die Franzosen zärtlich Moselle. In Schleifen zieht sie sich durch das Tal. Direkt neben ihr verläuft ein gut ausgebauter Radweg über beinahe 100 Kilometer bis ins französische Metz. Fährt man am frühen Morgen hier entlang, tanzen manchmal Dunstschleier geheimnisvoll über dem Wasser.

Wenige Kilometer hinter Wasserliesch fließt die Mosel an dem Dorf Oberbillig vorbei. Gegenüber, in Luxemburg, liegt Wasserbillig. Eine gemächliche kleine Fähre verbindet die beiden Ufer. Da, wo in Wasserbillig die Sauer in die Mosel mündet, sitzen Angler, vor allem alte Männer mit Strohhüten. Egal, wie der Fang ausfällt, morgen sind sie wieder da.

Weiter geht es, bis zu der Biegung, in der das Dorf Nittel liegt. Nittel ist der Dynamo des Weinbaus an der oberen Mosel und ein guter Ort für eine Rast. Die meisten Weingüter betreiben Straußwirtschaften oder bieten Fremdenzimmer an. Im Restaurant Culinarium werden Schaumsüppchen vom Elbling, Zander oder Kalbsbäckchen aufgetragen. Die älteren Dorfbewohner blicken misstrauisch auf die Karte. Sie halten sich lieber an die Klassiker: Sülze, Winzersteak und frittierten Moselfisch, die kleinen Rotaugen.

Einer der Nitteler Winzer ist Harald Apel, ein unaufgeregter Mann, der seinen Bauchansatz unter dem Polohemd auch als Ausdruck seiner Lebenseinstellung trägt. Aber er wird ärgerlich, wenn er davon erzählt, dass das obere Moseltal auf mancher Karte der deutschen Weinanbaugebiete gar nicht eingezeichnet ist. Bei Moselwein denken nun einmal die meisten an Orte wie Bernkastel oder Winningen am mittleren und unteren Lauf – und an die famosen Rieslinge, die auf den Schieferböden dort wachsen. Dass auch an der oberen Mosel gute, eigenständige Weine gemacht werden, wird kaum wahrgenommen. Dabei ist die Gegend für den Weinbau bestens geeignet. Die Reben stehen auf Muschelkalk wie in der Champagne und im Burgund. "Darauf wächst die Burgunderfamilie am besten", sagt Apel. "Der Kalkstein gibt den Weinen eine besondere Mineralität, sie sind nicht so schwer wie in Baden oder im Elsass." Dieser frische Stil könnte noch sehr gefragt werden, wenn die immer wärmeren Sommer die Weine anderer Regionen zu üppig werden lassen.