Die Welt am Enterhaken – Seite 1

Büchertische, wie sie sich vor philosophischen Seminaren finden, sind das Grabmal des Intellektuellen und ein Gottesacker der Theorie. Hier ruhen die Denker von gestern und die großen Ideen der abgelaufenen Saison. Gleichgültig blättert darin der Wind, denn längst ist Weltgeist über sie hinweggeschritten.

Ein besonders trauriger Fall, so scheint es, ist das Prinzip Hoffnung des Philosophen Ernst Bloch , dessen dritter Band vor fünfzig Jahren im Suhrkamp Verlag erschienen ist, im selben Jahr wie Grass’ Blechtrommel, Johnsons Mutmaßungen über Jakob und Bölls Billard um halb zehn. Auf heutigen Büchertischen liegt Blochs Werk wie Blei, dabei war es in der Bundesrepublik einmal ein Bestseller, es war das Handorakel der Intellektuellen, das Brevier der Unverzagten und das fünfte Evangelium kritischer Theologen. Kaum ein Buch machte so rasch und weit über akademische Kreise hinaus Furore, kaum eines hinterließ so tiefe Spuren in der Geistesgeschichte. "Ersehnter Regen auf ausgedörrtem Land", dichtete damals ein Rezensent über das 1600-Seiten-Werk, und er meinte es ernst.

Fünfzig Jahre sind für ein berühmtes Buch nicht viel, aber für Blochs Opus magnum eine Ewigkeit. Wer es liest, ist radikal ernüchtert – und lernt: So können wir nicht mehr denken, sein Autor, der reuige Stalinist, wohnt hinterm Mond. Die Welt hat sich nicht nur von Blochs Gedanken entfernt, nein: Sie lebt längst auf einem anderen Planeten.

"Prinzip Hoffnung" – schon bei dieser Formel zuckt der Leser zusammen. Ist es nicht eine Beleidigung, wenn man das Sublime, die menschliche Hoffnung, im Handstreich zu einem Prinzip erklärt? Und hat uns das zwanzigste Jahrhundert nicht gelehrt, dass utopische "Prinzipien" Makulatur sind, Denkerstaub von Intellektuellen, die den Vogelflug einer vergänglichen Idee mit der unvergänglichen Faktizität der Geschichte verwechseln? Auch Blochs stilistischer Posaunenton klingt wie von gestern. Prätentiös, so bemerkte damals der junge Jürgen Habermas , sei dieses Denken, stellenweise aufreizend autoritär, durch und durch spätexpressionistisch, eine Art "Schmidt-Rotluff-Philosophie", "ein quellender Wildwuchs pleonastischer Wendungen", durchzogen von einem "bruststarken Atemholen dithyrambischer Klänge". Habermas fühlte sich in seiner zwar wohlmeinenden, aber frostigen Besprechung eher an "Böcklin als an Benjamin" erinnert, an einen Idealismus im linken Gewand – an einen "marxistischen Schelling".

Es ist schwer, Blochs Prinzip Hoffnung gerecht zu werden, aber nicht nur aus sentimentalen Gründen lohnt es, an die Grundidee des Werks zu erinnern, an die Idee der "Rettung". Rettung hieß für Bloch: Der Philosoph ist wie ein Fischer am Ufer der Kulturgeschichte. Unermüdlich zieht er sein Netz durch den Strom der Überlieferung, und geduldig fängt er unerfüllte Hoffnungen ein, grundlose Sehnsüchte und frei schwebende Träume. Dieser kulturelle Strom war für Bloch der "Wärmestrom", und darin hoffte er, all das zu finden, was vom "Kältestrom", von den Brutalitäten der Ereignisgeschichte fortgespült worden war.

Sammeln, einfangen, retten, aufbewahren, aneignen – das war der explorative Geist, aus dem das karge Prinzip Hoffnung lebt. Für Bloch, und darin steckt sein treibendes Motiv, waren die kulturellen Imaginationen der Menschen genauso "real" wie seine technischen Erfindungen, sie waren keine Hirngespinste, sondern Ausdruck von Sehnsüchten, die ein Recht auf geschichtliche Einlösung haben. "Die Hoffnung ist eine Weltstelle, die bewohnt ist wie das beste Kulturland und unerforscht wie die Antarktis ." Deshalb treibt der Hoffnungsforscher mit dem "Enterhaken des philosophischen Piraten" (Adorno) auf dem Meer der Kulturgeschichte und fahndet nach ungehobenen Schätzen. Bloch, der Liebhaber Karl Mays, wandert durch die Wunschlandschaften der Mythen und Märchen, er stöbert im Metaphernhaushalt der Sagen und Abenteuer, er inspiziert die "Luftschlösser" der Operngeschichte und vernimmt im Trompetensignal von Beethovens Fidelio den Aufbruch ins lichte Morgen. Wie auf eine Perlenschnur reiht Bloch die "unabgegoltenen Verheißungen" der Menschen, und dabei fehlen weder die "Bauten Arkadiens" noch die "Aura antiker Möbel", erst recht nicht die Sozialutopien "von den hellenistischen Staatsmärchen bis zu Thomas Morus ". Die Bibel ist für Bloch ebenfalls ein Wunschprojekt, und darin hat Gott als das utopisch verklärte "Ideal des unbekannten Menschen" seinen Auftritt. So ist auch die jüdisch-christliche Religion ein schlichter Traum nach vorwärts, ein Sammlerstück in der Enzyklopädie der menschlichen Hoffnungen.

Den berechtigten Vorwurf, Bloch durchbohre den unschuldigen "Körper" der Überlieferung mit einem utopischen Richtungspfeil und missbrauche ihn für sein haltloses Projekt – diesen Vorwurf ließ er nicht gelten. Bloch wollte dem linken wie rechten Historismus ein Schnippchen schlagen, das heißt: Er wollte die Werke der Kunst nicht museal, nicht als totes Zeugnis einer toten Vergangenheit lesen, sondern messianisch – ganz so, als seien die Kunstwerke von Anfang an auf einen späteren Tag datiert worden, als verberge sich in ihnen ein utopischer Überschuss, ein Vor-Schein auf eine "bessere Welt".

 

Blochs ästhetischer Messianismus nahm gleich zwei Gegner ins Visier. Zum einen die DDR-Kaderphilosophen, in deren Augen abendländische Traditionen oft nur Schaumkronen im Überbau waren. Zum anderen die "Bürgerlichen", die die Kunst als Archiv der Archetypen verhimmelten, als goldenes Schatzkästlein des ewig Menschlichen. Für Bloch, bis zu seiner Übersiedlung nach Tübingen 1961 Professor in Leipzig , war das "ästhetischer Platonismus", der blind ist für die Geheimschrift des Unverwirklichten. Schwermütig trauert der Bürger um den verlorenen Sinn seiner kapitalistisch zugerichteten Welt. Für Bloch dagegen ist der Sinn nicht Vergangenheit, er ist sozialistische Zukunft - das Beste kommt noch.

Tatsächlich stellte sich Bloch die Menschheitsgeschichte als Odyssee vor. Eines Tages, wenn die materielle Lebensnot abgeschafft sei, kehre die Zivilisation nach ihren Irrfahrten an die alten Gestade zurück und gelange zum Bewusstsein ihrer selbst. Ein neues Weltzeitalter hebt an, und darin, so schwebte es Bloch vor, erfüllen sich die Tagträume der Menschheit – die kapitalistisch abgehetzten Subjekte werden zu Menschen, die ihre Geschichte endlich aus freien Stücken und mit freiem Willen machen. Sozialismus, und der ist natürlich gemeint, ist der Sprung vom "Reich der Notwendigkeit" ins "Reich der Freiheit". Hier kann der Mensch sich endlich "sein" lassen, und dann lebt er im "erfüllten Augenblick", in wahrer Präsenz. "Der letzte Wille ist der, wahrhaft gegenwärtig zu sein. Der Mensch will endlich als er selber in das Jetzt und Hier, will ohne Aufschub und Ferne in sein volles Leben."

Für Bloch beginnt die Erschaffung der Welt erst am Ende der Geschichte, bis dahin ist alles nur Zwang, "Knechtschaft" oder ein missratenes realsozialistisches Experiment. Dennoch zielt Blochs Utopie nicht auf Erlösung, sondern auf Befreiung, denn selbst in einer verwirklichten Utopie bleibt genug Leid übrig, genug Schrecken und existenzielles Unglück. Besiegt wird nur die gesellschaftliche, die unnötige Not – besiegt wird die Ausbeutung, all das Unrecht, das die Menschen sich selbst antun. Und so lautet der fast zu Tode zitierte Schlusssatz: "Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende (…) Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Sein ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat."

Wem das zu sehr nach linkem Biedermeier klingt, der verkennt den harten materialistischen Kern dieser Utopie. Es ging Bloch nicht um die erbauliche Lektüre rührend schöner Bücher, nicht um spirituelle Erfüllung in den Armen des schlummernden Weltgeistes. Bloch träumte von einer grundstürzend anderen, nämlich marxistischen Ordnung, die nicht nur den Menschen vom industriellen Zwang befreit, sondern die ausgebeutete Natur gleich mit. "Unsere bisherige Technik steht in der Natur wie eine Besatzungsarmee im Feindesland, und vom Landesinneren weiß sie nichts."

Diese Idee von der Errettung der geschundenen Natur bezeichnet den spekulativen Kern des Prinzips Hoffnung, es ist sein zentraler, sein unaufgebbarer Gedanke. Wenn der Mensch seine Umwelt nicht mehr ausbeute, wenn das bürgerliche Profitstreben, die Raserei der Zwecke, überwunden sei, dann solle die gefallene Natur, diese stumme "verschleierte Sphinx", endlich die Augen aufschlagen. Anders gesagt: Bloch will ein anderes, ein "sympathetisches" Verhältnis zur Natur. Erst eine barmherzige Technik, so ruft dieser marxistische Romantiker, löst den "Weltknoten" und beendet das Zeitalter aus Naturbeherrschung und Wachstumszwang. Humanisierung der Natur und Naturalisierung des Menschen heißt dann auch sein Programm. "Das Herz der Erde" soll in den "Werken der Technik" mitschlagen, und aus dem Mund des wieder "natürlichen" Menschen spricht die "menschliche" Natur so, als sei sie selbst der Sprache mächtig.

Zugegeben, dieses prächtige Weltgebäude lässt sich mit dem Steinwurf eines einzigen Arguments zum Einsturz bringen. Der marxistische Bloch, so kritisierte schon Adorno, laufe in die Falle der idealistischen Philosophie. Wie Schelling vor ihm, so denke auch er die Geschichte von einem bewegenden Weltgrund her, dem das glückliche Ziel immer schon innewohnt. Nur deshalb könne Bloch von einem "Prinzip Hoffnung" reden, das die Geschicke der Menschheit in die richtige Richtung lenkt. Und nur deshalb fällt der Jüngste Tag in die Geschichte selbst – als Tag, an dem die "bürgerliche" Gesellschaft endet und die sozialistische Gemeinschaft beginnt. Ein kommunistisches Atomkraftwerk ist hier harmloser als ein bürgerliches, und das weltgeschichtlich gestaute Noch-Nicht verwandelt sich wie von Zauberhand in ein erlöstes "Hier und Jetzt".

Dass die Weltgeschichte insgeheim von einem metaphysischen Rückenwind in die Zukunft getrieben wird – das erscheint uns heute nicht als Philosophie, sondern als wuchernde Belletristik, als letzter Gruß aus einer abgelaufen Epoche in eine scheinbar nicht mehr transzendenzfähige Gegenwart. Denn wenn nicht alles täuscht, dann hat sich das utopische Noch-Nicht längst in ein Nicht-Mehr verwandelt und Blochs schwärmerischer Messianismus in ein unklares apokalyptisches Vorgefühl. Während die Geschichte im Prinzip Hoffnung viel Zeit hat, so rast sie heute davon und stellt den Gesellschaften eine Frist. Und anders als bei Bloch erscheint uns die Natur nicht mehr als das große Andere, als das schweigende Fremde. Natur ist längst von Zivilisation durchdrungen, und zwar in einem Ausmaß, das sich der weiß Gott nicht fantasiearme Bloch kaum vorstellen konnte.

 

Es stimmt, das sozialutopische Denken ist entzaubert, es hat sich vor der Wirklichkeit blamiert und wurde vom politischen und ökonomischen "Realismus" aus dem Feld geschlagen. Aber was heißt Realismus? Der real existierende Realismus zerstört die Natur und hat, ganz nebenbei, eine fantastische Finanzmarktkrise heraufbeschworen, die nur mit realen 9000 Milliarden Dollar Steuergeld besänftigt werden konnte. Es ist dieser Realismus, der Irrealitäten erzeugt, eine handgreifliche Anti-Utopie der ständigen Ungewissheit, die dazu zwingt, Blochs Grundgedanken – die Idee der "Rettung" – auf sein Buch selbst anzuwenden.

Was also ist von seiner unhaltbar utopischen Konstruktion zu retten, von dem überbordend reichen Buch eines unendlich belesenen Autors? Unvergessen bleibt gewiss die Idee der Freiheit, die "sein lassen" kann, die sich nicht erpressen lässt, erst recht nicht von einem "blinden ökonomischen Schicksal". Wunderbar ist die Vorstellung, die Klugheit einer Gesellschaft zeige sich im Umgang mit der Natur. Und visionär ist der Gedanke einer institutionellen Zähmung der Weltgesellschaft, die Hoffnung auf einen Zustand, in dem jeder Mensch das Recht hat, Rechte zu haben. Das ist es vermutlich schon, der Rest bleibt ein entschlossenes Als-ob: Wir müssen so tun, als ob wir die Klimakatastrophe abwenden könnten und als ob wir der Technik den "Katastrophencharakter" austreiben könnten. Fortschritt bestünde schon darin, Zeit zu gewinnen und die Folgen des Fortschritts abzumildern. Auch das wäre ein Prinzip Hoffnung, unser letzter Fetzen Metaphysik.