DIE ZEIT: Professor Sornette, Sie beschäftigen sich seit 15 Jahren mit der Erforschung von extremen Situationen auf den Finanzmärkten. Sie haben mittels mathematischer Modelle unter anderem 2004 das Ende der amerikanischen Immobilien-Blase auf Mitte 2006 berechnet. Sie hatten recht.

Didier Sornette: Und Sie können sich nicht vorstellen, was ich mir seitdem von vielen Ökonomen anhören muss! Die verweigern einfach die Einsicht, dass es auch nur die geringste Möglichkeit gibt, solche Blasen zu diagnostizieren.

ZEIT: Sie haben Feinde?

Sornette: Ich hoffe nicht. Was ich will, sind Kritiker. So entsteht wissenschaftlicher Fortschritt. Ich habe mich etwa vergangenes Jahr mit den wirtschaftlichen Beratern des französischen Premierministers François Fillon getroffen. Auch da sagte der Chefberater, die Krise sei völlig überraschend gekommen, wie ein Richtstrahl Gottes. Ich sagte, das sei ziemlicher Unsinn, man habe es kommen sehen. Aber die meisten wollen die Finanzkrise als etwas Unvorhersehbares verstanden wissen – um sich so aus der Verantwortung stehlen zu können.

ZEIT: Als Sie Professor an der University of California in Los Angeles waren, schrieben Sie 2004 dem amerikanischen Notenbankchef Alan Greenspan einen Brief. Was stand da drin?

Sornette: Ich schrieb ihm, dass wir Modelle und Werkzeuge entwickelt haben, die für politische und wirtschaftliche Entscheidungsträger nützlich sein könnten, um die Instabilität des Marktes zu diagnostizieren. Ich bot ihm eine Zusammenarbeit an. Greenspan antwortete nicht. Das hatte ich mir gedacht. Aber ich wollte es versucht haben.

ZEIT: Sie sagen, die Menschheit brauche Blasen, nur so sei Fortschritt möglich. Funktioniert die Weltwirtschaft nach dem Prinzip "Trial and Error?"

Sornette: Der Mensch funktioniert so.

ZEIT: Und wir dürfen die Folgen tragen?

Sornette: Das ist eine der unangenehmen Folgen, ja. Aber generell gilt: Die Menschheit braucht Blasen, um sich zu entwickeln. Das war auch so 1998 bei der Internet-Blase. Man erwartete eine Steigerung des investierten Kapitals um den Faktor 14. Die Erwartungen waren richtig, mit einem entscheidenden Makel: Die Menschen wollten kurzfristige Erfolge. Deshalb platzte die Blase. Heute weiß man: Es braucht immer etwa zehn Jahre, bis sich Resultate einstellen. Man muss lernen, mit dem Neuen umzugehen.

ZEIT: Eine Blase ist also nicht an sich schlecht.