"Es zerfällt auf charmante Weise, finden Sie nicht auch?", fragt mich Veronica augenzwinkernd, als wir wieder draußen sind. Mir kommt es vor, als werde diese Welt eigens für die Gäste arrangiert, so sehr entspricht sie meiner Idee vom englischen Landleben: die Teakholzpfosten des Rasentennisplatzes von Glemham Hall, die säuberlich gestutzten Buchsbaumbüsche, die roten Geranien.

Ähnlich ergeht es mir am nächsten Tag, als wir zu einer Fuchsjagd aufbrechen. Szenen wie aus einem Buch von James Herriot tun sich vor mir auf. Damen und Herren in braunen und schwarzen Reitsakkos schwingen sich in die Sättel ihrer Pferde. Über die Stoppelfelder preschen sie davon, vorbei an dunkelgrünen Wäldern, bleigrau der Himmel über ihnen. Ich, der Nichtreiter, laufe über Feldwege, durchquere Rübenäcker, dem Klang der Jagdtrompete folgend, Ausschau haltend nach den roten Jacketts und schwarzen Kappen der Jäger, die die Gesellschaft anführen. Unterwegs begegnen mir Dorfbewohner in Gummistiefeln und Barbourjacken, die das Geschehen fachkundig verfolgen. Schauspiel oder Wirklichkeit? Das ist hier die Frage.

Samstagabend, Black-Tie-Dinner mit Freunden im Haus der Lotbinières. Veronicas Mann Giles schenkt Rosé-Champagner an die Gäste aus, unter dem Flügel liegt ein ausgestopfter Tiger, den der Großvater geschossen hat. Im Wintergarten gibt es später von Giles Geschossenes: Ente, am hauseigenen See erlegt, leicht zäh. Dazu light conversation, perlend und fein, wie sie wohl nur die britische Oberschicht beherrscht. Alle bemühen sich, mich ins Gespräch einzubeziehen, niemand gibt mir das Gefühl, ein Fremder zu sein.

Henry Beddingfield, den ich schon nachmittags beim Tee kennengelernt habe, fragt mich, ob es bei uns auch üblich sei, sich in Abendgarderobe zum Essen zu treffen. Ich (Leihsmoking, drei Tage für 125 Euro) gestehe ihm, dass so etwas in meinen Kreisen eher selten vorkommt. Never mind. Henry plaudert über seinen Smoking, den er von seinem Vater übernommen hat. Der Vater ist übrigens 94, der Anzug wurde vermutlich in den späten 1930ern geschneidert und sieht am Spiegelrevers leicht abgewetzt aus. Kein Wunder, denn Henry, königlicher Herold, Bewohner von Oxburgh Hall, 600 Jahre Familiengeschichte, hat nach eigenen Angaben ungefähr 165-mal in diesem Smoking gesteckt. Ich dagegen habe erst dreimal einen getragen. So verschieden sind unsere Welten.

Beim Dessert berichtet mir meine Nachbarin zur Rechten, dass es einmal im Jahr einen Ball gebe, bei dem man ein Diadem aufsetzen dürfe. Dann müsse sie sich entscheiden. Denn sie habe die Wahl zwischen dem Diadem ihrer Mutter und dem ihrer Schwiegermutter. Sie erzählt das beiläufig und kein bisschen snobby – so, als handele es sich lediglich darum, zwischen zwei Sommerkleidern auszusuchen.

Als ich um Mitternacht im Bett liege, grüne Samtkissen mich umringen und die Matratzenheizung gegen den aufziehenden englischen Herbst anwärmt, muss ich an meinen alten Englischlehrer denken. Im Gegensatz zu ihm habe ich einen unverkennbar deutschen Akzent – und eine große Schwäche für diese bloodsuckers, die über tausend Jahre Geschichte plaudern, als sei sie eben erst vergangen. Die das Kunststück vollbringen, sich dem Heute anzupassen und das Gestern zu bewahren. Sorry, Mister Knaup.

Information England

Anreise: Zum Beispiel von Köln/Bonn mit GermanWings oder von Hamburg mit Ryanair oder Airberlin nach London- Stansted, dann weiter mit dem Mietwagen bis Oxborough/King’s Lynn. Die genaue Adresse erfährt man über Veronica Joly de Lotbinière

More Than Good Manners: Preise für Unterkunft und Verpflegung hängen von der Unterbringung ab. Einen Aufenthalt in einem Cottage gibt es ab circa 218 Euro, ein Tag in einem Herrenhaus oder Schloss dagegen kostet etwa 1090 Euro. Hinzu kommen die Aktivitäten: Die Teilnahme an einer Fuchsjagd kostet circa 272 Euro, ein halber Tag Forellenfischen circa 109 Euro, ein Stunde Ausreiten circa 54 Euro

Auskunft: Veronica Joly de Lotbinière, Tel. 0044-7769/687599, www.morethangoodmanners.com

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