Er spielt im englischen Arbeitermilieu, in Klinkerbauten, in einem Pub. Traurigkeit und Hoffnung liefern sich einen melodramatischen Schlagabtausch, wie so oft bei Ken Loach. Und doch ist sein jüngster Film untypisch. Looking for Eric lebt von einer so schrägen Konstellation, wie sie selten ein Regisseur dem Publikum zugemutet hat.

Der Exfußballer Eric Cantona spielt Eric Cantona. Noch unerwarteter ist allerdings, was er mit der Figur Cantona macht. Ken Loach braucht den Superstar von Manchester United, den die Fans noch zwölf Jahre nach seinem Rücktritt mit Gesängen feiern, als eine Art heiligen Klugscheißer. Cantona, der oft so Rüpelhafte, ist im Film als Cantona mit Lebensweisheit zu bewundern, stets zur Stelle, wenn die Hauptfigur des Films, Eric Bishop (Steve Evets), nicht weiterweiß.

Eric geht es so dreckig, dass es kaum auszuhalten ist. Die Sortierarbeit auf der Post überfordert ihn; er versteckt ganze Briefberge. Sein Auto fährt er zu Schrott. Die Stiefsöhne werden kriminell. Das Schlimmste aber: Vor einem Vierteljahrhundert hat Eric seine erste Frau Lily (Stephanie Bishop) und das werdende Kind in ihrem Bauch verlassen – obwohl er sie bis heute liebt.

Doch Eric ist kein schlechter Mensch. Also erfinden Loach und sein Drehbuchautor Paul Laverty eine Gruppe von Arbeitskollegen, die alles unternehmen, um dem Kumpel aus der Schieflage zu helfen. Sie sortieren die versteckten Briefe, versuchen ihn mit Witzen aufzuheitern. Ein Hohelied auf den Zusammenhalt in einer Zeit, in der die meisten nur an sich selbst denken.

Dass der Film trotzdem nicht zu rührselig gerät, liegt an den Spaßvögeln Loach und Cantona und an der permanenten Ironie: Weder nimmt der Regisseur sein Werk zu ernst noch der Fußballheld (und Co-Produzent) sich selbst. Cantona gerät überhaupt erst in die Handlung hinein, weil Eric Bishops Kumpel Meatballs leidenschaftlich gerne Ratgeber liest und die Arbeitskollegen zum Selbsthilfeseminar einlädt. Jeder soll sich einen Helden aussuchen, dem er nacheifern möchte. Fidel Castro, Gandhi und Frank Sinatra werden genannt. Eric wählt Cantona. Und als er zu Hause an die Drogen des Sohnes geht, erscheint ihm sein Idol tatsächlich. Für die erste Begegnung bedarf es noch des Joints als Katalysator. Danach reicht die nüchterne Imagination, um Cantona herbeizudenken, der penetrant kluge Sprüche absondert: "Es gibt immer mehr Antworten, als wir denken." Oder: "Ohne Gefahr kommt man nicht aus der Gefahr heraus."

Die Idee zum Film hatte Cantona. Er erzählte Loach von einem realen Fan, der ihm von Leeds nach Manchester gefolgt war – und Job, Freunde und Familie verlor. Das Drehbuch erzählt eine andere Geschichte. Aber Cantona und seine Tore werden zu einem Kernstück im Film.

Gemeinsam schauen sich Star und Fan Kostbarkeiten aus Erics Videosammlung an. Allein um jenen Treffer gegen Sunderland einmal höher aufgelöst als bei YouTube zu sehen, lohnt sich der Kinobesuch: Dribbling, Pass zu Brian McClair, der Ball kommt zurück, Schuss mit Drall ins hohe Eck. Die Aufnahme von damals belegt: Cantona war sofort bewusst, für einen der magischen Momente der Fußballgeschichte gesorgt zu haben. Er streckte die Brust raus, richtete den Blick ins Publikum, drehte sich im Kreis. Dabei schien er zu sagen: "Mein Geschenk an euch."

Umso überraschender, dass er im Film nicht dieses Tor, sondern ein Zuspiel auf einen Kollegen zu seiner genialsten Tat erklärt. Eric fragt ihn, was gewesen wäre, hätte der Stürmer diesen Wunderpass nicht versenkt. Auch diese Antwort wird zur Rasenweisheit fürs Leben: "Du musst deinen Mitspielern vertrauen. Immer."