Es ist nicht weit von Villingili nach Gan; wahrscheinlich könnte man schwimmen. An der Strandbar noch eine Kokosnuss austrinken und dann in das türkisblaue Wasser, das unter den Füßen milchig wird, so fein und weiß ist der Sand. Das erste Stück im Schatten der Wasservillen waten; dann kraulen durch die stille, warme Lagune im Zentrum des Addu-Atolls. Irgendwann wäre man dann auf der Insel, die man von seiner Ferieninsel aus jeden Tag sieht. Auf den Malediven, wie sie noch keiner kennenlernen durfte. Auf der Rückseite der Fototapete.

Von den Malediven hat jeder ein Bild, und zwar genau das gleiche: Traumstrände, Korallenbänke, abgeschiedene Luxusresorts für Hochzeitspaare und Taucher. Allmählich spricht sich auch herum, dass der Inselstaat durch die globale Erwärmung bedroht ist. Aber nicht einmal jemand, der öfter hier war, könnte sagen, wie die Menschen leben. Das liegt nicht an der Ignoranz, die man Strandurlaubern so gern unterstellt. Dahinter steckte System. Auf den Malediven herrschte jahrzehntelang touristische Apartheid. Besucher wurden zwar freundlich empfangen, aber von den Einheimischen so weit wie nur möglich getrennt. Offiziell wollte die Regierung so ihr streng muslimisches kleines Volk vor dem Sittenverfall bewahren. Es kam ihr aber sicher gelegen, dass auf diese Art auch niemand erfuhr, welche politischen Zustände im Ferienparadies herrschten.

Man muss nur auf die Karte schauen, um zu verstehen, wie so etwas funktionieren konnte: Ein Sandklecks an der Südspitze Indiens, das sind die Malediven. Die Landmasse von Usedom, auf 1200 Inseln verteilt. Viele davon sind winzig und wurden jeweils nur für einen einzigen Zweck erschlossen: Es gibt Flughafeninseln, Müllinseln, Gefängnisinseln. Die größeren sind teils bewohnt, teils an Hotelunternehmen verpachtet, aber niemals beides zugleich.

Über die Straßen der Hauptstadtinsel knattern zigtausend Mopeds

Um Menschen zu trennen, braucht es hier keine Zäune oder Wächter, nicht einmal ausdrückliche Verbote. Es genügt, mit behördlichen Schikanen den Fährverkehr zu erschweren. Vor ein, zwei Jahren noch hätte man als Tourist auf mancher Resortinsel wirklich schwimmen müssen, um zur benachbarten Einheimischeninsel zu kommen. Dort wäre man dann in seiner Badehose umhergeirrt auf der vergeblichen Suche nach einem Hotel, mit der Landessprache Divehi und der Währung Rufiyaa nicht einmal dem Namen nach vertraut. Am Ende wohl dankbar für den Inselpolizisten, der einen zurückbefördert. Aber das soll sich nun alles ändern.

"Wir wollen Brücken bauen", sagt Ahmed Ali Sawad. "Reisende sollen die Chance kriegen, unsere Kultur kennenzulernen. Dabei können unsere Bürger lernen, dass westlicher Lebensstil nicht das ist, was sie auf MTV sehen." Sawad ist seit einem Jahr Tourismusminister in der ersten frei gewählten Regierung der Malediven. In den 32 Jahren zuvor wurde das Land von einem Diktator beherrscht, der erst nach anhaltenden Protesten ein Mehrparteiensystem zuließ. Nun ist er in der Opposition, abgelöst von einem früheren Journalisten, den er über Jahre einsperren und misshandeln ließ.

Wie es dazu kam? "Die Elite in unserem Land hat sich zu sehr vom Volk entfremdet", meint der Tourismusminister. "Unser alter Präsident hatte eine goldene Toilette." Er selbst arbeitet in einem schlichten Büro auf der Hauptstadtinsel Male. Durch sein Fenster hört man das Dauerknattern der zigtausend Mopeds, mit denen die Maler ihre Straßen verstopfen. Über seinen Schreibtisch krabbelt eine Spinne.

Wie der neue Präsident ist auch Sawad das Gegenteil eines Funktionärs. Vor Kurzem noch lebte er im australischen Exil und schrieb seine Doktorarbeit über Menschenrechte. Seinen Idealismus wird er im neuen Amt brauchen. Denn was immer man dem abgewählten Diktator vorwerfen mag, seine Tourismuspolitik hat aus einem der ärmsten Länder der Welt ein exklusives Ferienziel gemacht. Nicht wenige Malediver verdanken ihr ihren Wohlstand.