Cindy Hammer stand mit einem Bein im Stasi-Knast. Stell dir Isolation vor, hat man ihr gesagt. Also stellte sich Cindy Hammer, 20 Jahre alt, Isolation vor, und sie überlegte, wie das wohl wäre, unschuldig eingesperrt zu sein, diese Qual. Dann tanzte sie.

Es war nur ein Training. Bald, am Abend des 9. November 2009, muss Cindy Hammer aus Bad Muskau wieder nach Bautzen, Weingangstraße 8a. Hier, hinter den dicken Mauern, wird sie tanzen. Es ist ein Auftritt im Gedenken an den Mauerfall, ein Geschichts-Event auf vier Quadratmetern. Und Cindy, Tanzstudentin der berühmten Palucca-Schule in Dresden, probt seit Wochen dafür. Sie hat sich vorbereitet. Mit Büchern, vor Schaubildern, mit der Hilfe von Choreografen. Zum ersten Mal macht sie sich klar, was die DDR war. Wie sie war.

Cindy Hammer ist ein Kind der Freiheit. Hineingeboren in die Nachwehen der Wende, weiß ihre Generation von der DDR nur, was ihr erzählt wurde. Die Freiheitskinder kennen nur ein Deutschland aus eigenem Erleben. Das trennt sie von ihren Eltern. Sie verbringen eine andere Jugend. In einer anderen Welt.

Mit dem Untergang der DDR ist ein Erfahrungsschatz wertlos geworden

"Ich denke manchmal, früher war es leichter, erwachsen zu werden", sagt Elisa Huth, 22, die Kommunikationspsychologie studiert. "Ich habe bis heute keine Ahnung, was ich machen soll. So viel Auswahl. So wenig Orientierung."

1989 fiel die Berliner Mauer. Hintergründe, Videos, Kommentare und eine interaktive Zeitleiste © Gerard Malie/afp/Getty Images

Elisas Mutter hatte, als sie im gleichen Alter war, schon zwei Kinder, Mann und Beruf. All das schien damals, irgendwie, geplant und gelenkt. Elisas Leben plant keiner. Und die Eltern können ihrer Tochter nicht helfen, sie haben keine Gebrauchsanweisung für das, was Elisa umtreibt. Selbst die Berufsberater aus dem Arbeitsamt, alle im Alter der Eltern, haben überwiegend die DDR erlebt, berichtet Elisa. "Sie kennen sich, teilweise, dort besser aus als im Hier und Jetzt. Helfen wollen mir alle immer nur mit dem Hinweis, ich solle tun, was mir gefällt. Na prima."

Die Geschichte der DDR ist nicht die Geschichte der Kinder der Freiheit. Jene ist allein die Heimat der Eltern. Das birgt Konflikte. Mit dem Untergang der alten Gesellschaft ist ein Schatz an Erfahrungen weitgehend wertlos geworden, auch für die Jungen. Der Leipziger Soziologe Bernd Lindner spricht von ihnen als der "Generation der Unberatenen". Die dann oft ratlos ist.

Christian Grochau aus Dresden, 25, war nach dem Abitur zunächst ein Jahr lang arbeitslos – für die Zeit nach der Schule hatte er keinen Plan. Er war wie gelähmt von den vielen Möglichkeiten, die er hatte, und der geringen Orientierung, die man ihm gab. "Ich habe in dieser Phase von meinen Eltern gar nicht erwartet, dass sie mich beraten", erzählt Grochau, "das hätten sie ohnehin nicht gekonnt. Was ich wollte, war Vertrauen." Er hatte Glück. Mit seiner Band, Polarkreis 18, landete Schlagzeuger Grochau einen nationalen Hit. Der Titel, ausgerechnet: Allein, allein.