Träume sind mir als wiederkehrende Angstträume vertraut. In verschiedenen Phasen meines Lebens plagte mich der Prüfungstraum. Ich sitze in einem Klassenzimmer, öffne den Umschlag mit dem Fragebogen, und alle Fragen sind in Chinesisch geschrieben. Dann kenne ich den Redetraum. Ich stehe auf einem Podium, soll eine Rede halten, habe aber alle meine Unterlagen vergessen.

Ach ja, den Garderobentraum gibt es auch noch: Ich stehe vor dem Schrank, gehe ein Kleid nach dem anderen durch, ich weiß, sie alle gehören mir – aber keines passt mehr. Das ist wahrscheinlich ein sehr weiblicher Traum. Und vergessen wir nicht den Verteilungstraum. Ich muss zu Hause eine Schar von Gästen bewirten. Ich stehe in der Küche und stelle fest: Das Essen reicht nie im Leben für alle. Was tue ich? Ich teile alles so gerecht wie möglich auf, am Ende liegen auf jedem Teller nur winzige Happen. Ich denke, dieser Traum steht für die Interviews, die ich gebe – jedem Journalisten gebe ich ein Häppchen, und es ist nie genug.

 Schließlich noch der Haustraum: Ich betrete ein Gebäude, ich weiß, ich war bereits einmal hier, weiß nur nicht mehr, unter welchen Umständen – oder ob das vielleicht sogar mein Haus ist. Das ist ein beunruhigender Traum, weil ich nicht verstehe, warum ich gerade an diesem Ort bin.

Inzwischen habe ich all diese Träume so oft gehabt, dass ich am Morgen beim Aufwachen nur noch denke: Oh Gott, schon wieder. Sie jagen mir längst keinen Schrecken mehr ein. Ich vergleiche das mit der Erfahrung von Eingeborenen, wenn ein wildes Tier sie angreift, ein Tiger zum Beispiel. Beim ersten Mal schrecken sie noch zusammen, beim zweiten Mal erinnern sie sich, wie sie das erste Mal mit dem Tiger fertig geworden sind, und beim dritten Mal ist das Abwehren oder das Töten bereits Routine. Je öfter so etwas geschieht, umso weniger furchterregend ist so ein Erlebnis. Das ist bei den Träumen nicht anders.

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Manche Schriftsteller benutzen Albträume als Vorhersagen. Eine Figur träumt von einem Monster, das erst im späteren Verlauf der Handlung auftaucht. In einem Thriller stört mich so ein Element nicht, in eine Geschichte wie Dracula passt sie sogar gut hinein, aber in meinen Romanen gibt es solche Träume nicht. Und ehrlich, nicht in jedem Buch muss ein Traum vorkommen. Sherlock Holmes zum Beispiel hat nie einen. Wenn ich es richtig sehe, schläft er nicht mal in den Geschichten. Er hat eine Rolle, die des Detektivs, löst Fälle, spielt Geige und spritzt sich Heroin. Das war’s.



Mittlerweile mache ich die Erfahrung, in den Träumen fremder Menschen aufzutauchen. Kürzlich schrieb mir eine Leserin, sie habe in der vorigen Nacht eine Astralreise unternommen und mich dabei getroffen. Ich schwöre, ich kann mich an keine außerkörperliche Reise erinnern. Ich trete einfach zu oft im Fernsehen auf, sonst hätte diese Frau nicht von mir geträumt.

Aufgezeichnet von Ulf Lippitz

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