Mauertropfen, dreimal täglich

Bei körperlichen Blockaden lassen sich Menschen massieren oder einrenken, bei seelischen Blockaden gehen sie zum Heilfasten und oder zur Psychotherapie. Aber was macht eine blockierte Stadt? Dem geteilten Berlin half seinerzeit nur der Abriss der Mauer. Danach ging es ihm deutlich besser, es blühte geradezu auf.

Das brachte englische Homöopathen auf eine Idee. Getreu dem Grundsatz ihres Faches, Gleiches mit Gleichem zu behandeln, haben sie Reste der Berliner Mauer pulverisiert, verdünnt, geschüttelt und abgefüllt. Herausgekommen sind braune Fläschchen mit dem Aufdruck: "Berlin Wall. Keep away from children".

Kaufen kann man das Mittel in der Nähe des Londoner Covent Garden, in der Helios Homœopathic Pharmacy. Auch auf der Website des Helios-Konzerns (der nichts mit den Helios-Kliniken zu tun hat) lässt sich Murus Berlinensis bestellen – als Pille, als Granulat oder, "new!", als "oral liquid spray": 15 Milliliter für 6,80 Pfund.

"Letztes Jahr haben wir weltweit 507 Einheiten verkauft, davon gingen nur 23 nach Deutschland", sagt John Morgan, Apotheker und geschäftsführender Direktor von Helios. Wie sich die 23 Einheiten auf Ost- und Westdeutschland verteilen und wie viele nach Berlin gingen, kann er nicht sagen. 1994, sagt er, habe er das Mittel zum ersten Mal hergestellt, auf Bitte des englischen Homöopathen Colin Griffith.

Griffith hat seine homöopathische Praxis in der kleinen Stadt Wittersham in der Grafschaft Kent. Zudem ist er Lehrbeauftragter am Londoner Centre for Homeopathic Education. Anrufe beantwortet er nicht. Sein Vorgehen im Jahr 1994 hat er dargelegt, in einer homöopathischen Zeitschrift mit dem klingenden Namen Prometheus Unbound, Frühjahrsausgabe 1995. Herausgegeben wird das Blatt von der Guild of Homeopaths, einer Organisation, deren Mitgründer Griffith ist. Sie betreibt Experimente mit neuen Mitteln, die selbst für den Helios-Direktor Morgan "auf Messers Schneide" stehen. Also an der Grenze zur Esoterik.

Colin Griffith berichtet in dem Journal, wie er 1994 ein Stück Mauer, ursprünglich ein Souvenir, einer befreundeten Homöopathin zeigte. Janice Micallef heißt sie, und sie gilt unter ihren Kollegen als eine besonders empfindsame Person, was das Aufspüren "verborgener Kräfte" in Substanzen anbelangt. Micallef, in Unkenntnis über die Herkunft des Betons, überfiel in dessen Gegenwart ein unbestimmtes Gefühl von Furcht, Panik und Asthma. In der deutsch-amerikanischen Fernsehdokumentation After the Fall aus dem Jahr 1999 erzählt sie davon.

Dass der Beton aus der Berliner Mauer, dessen Anmischen politisch motiviert gewesen war, über andere Kräfte verfügen musste als der Beton aus irgendeiner Garagenwand, das war den beiden Homöopathen daraufhin klar. Sie sandten Helios das Mauerbröckchen; dessen Reste, sagt Morgan, lägen noch heute bei ihm im Keller.

 

Die Firma Helios stellte nach dem klassischen Verfahren "Verschütteln und Verreiben" ein Präparat in der Potenzierung C30 her. Das ist eine extreme Verdünnung, bei der sich rein rechnerisch nur noch einzelne Ionen und Moleküle des Ausgangsmaterials in der Lösung finden – wenn überhaupt. Salopp gesagt: Bei C30 ist von der Mauer nichts mehr drin.

Der Karlsruher Homöopath, Heilpraktiker, Fachautor und Arzneimittelexperte Carl Classen hält diese Tatsache aus homöopathischer Sicht weder für ungewöhnlich noch für problematisch. Viel schlimmer sei hingegen: "Für eine ordentliche Arzneimittelprüfung müsste man wissen, woher genau das Stück stammt und welche Substanzen darin enthalten sind. Nichts davon weiß man. Solche Mittel wie Berlin Wall bringen unser Fach in Verruf."

Seit der Publikation von Colin Griffiths Artikel vor 14 Jahren haben einige Homöopathen Versuche mit Murus Berlinensis an Testpersonen durchgeführt. In Homöopathen-Foren und Onlinejournalen finden sich fünf ausführlich geschilderte Versuche mit mehreren Probanden. Dabei kann von wissenschaftlichen Studien die Rede nicht sein. Der konservative Homöopath Carl Classen hält sie für das Werk von Exzentrikern.

Eine Versuchsreihe hat der Amsterdamer Homöopath Kees Dam 2006 in einem Beitrag für das International Homeopathic Internet Journal zusammengefasst. Er glaubt herausgefunden zu haben, dass Murus Berlinensis zwei Patiententypen helfe: erstens dem sogenannten Wall-Type, der sich von der Außenwelt abschotte, und zweitens dem "Borderless-Type", der keine Grenzen kenne.

An seinen Probanden will Kees Dam Erstaunliches beobachtet haben: Sie hätten unter der Einnahme an Heimweh nach Deutschland gelitten, obwohl sie dort nicht geboren worden seien, hätten "some feeling of Weltschmerz" gezeigt oder hätten sich gefühlt, als stünde eine Mauer zwischen ihnen und ihrer Umgebung. Frei nach dem Grundsatz: Es muss erst schlimmer werden, damit es besser werden kann, waren am Ende der Behandlung alle Symptome verschwunden.

Wie Murus Berlinensis auf ein deutsches Gemüt wirkt, ist bisher nicht erforscht.