Glückliche SPD. Dreiundzwanzig Prozent, immerhin drei Punkte mehr als bei der Europawahl in Juli, hat sie bei der Bundestagswahl erreicht. Es hätte auch noch viel schlimmer kommen können. In Frankreich schafften die Sozialisten für das EU-Parlament gerade noch 16,5 Prozent. Gordon Browns britische Labour Party fiel auf 13,3 Prozent, in Polen sind die Sozialdemokraten mit 12,3 nahezu von der politischen Bühne verschwunden, und selbst in der schwedischen Hochburg schafft die Arbeiterpartei nicht mehr als 24,4 Prozent. Kurz, die Sozialdemokratie ist europaweit in der Krise.

Es gibt viele kluge Analysen über "das Ende des sozialdemokratischen Jahrhunderts" (Dahrendorf): Inkompetentes Personal, Auflösung der Arbeiterklasse, Abkoppelung der Armut aus gesellschaftlichen Zusammenhängen, neue Kommunikationsstrukturen, das Ende der ideologischen Vielfalt. Jede dieser Erklärungen beleuchtet einen wichtigen Einzelaspekt. Aber im Hintergrund wirken die ökonomischen Kräfte der Globalisierung und Europäisierung, die das Modell der europäischen Sozialdemokratie zunehmend infrage stellen.

Die Sozialdemokratie lieferte eine Antwort auf die gesellschaftlichen Transformationen im Gefolge der Industrialisierung im späten 19. und im 20. Jahrhundert: Emanzipation und individuelle Freiheit nicht nur im formalen Sinne des Liberalismus, sondern als materielle Realität, garantiert durch einen Sozialstaat, der dem Einzelnen dient, Chancengleichheit gewährleistet, Vielfalt fördert und Bürgern aus benachteiligten Schichten ein würdevolles Leben ermöglicht. Der Schlüssel zu diesem Projekt waren der demokratische Staat, Keynesianismus die zugehörige Wirtschaftstheorie.

Heute scheint dieses Projekt gescheitert. Warum? Es lag nicht an der Überforderung der Wirtschaft durch zu hohe Steuern und unmäßige Umverteilung. Das sozialdemokratische Projekt ist nicht an sich selbst gescheitert, sondern an den Bedingungen einer Weltwirtschaft, in die es eingebettet war. Niemand hat diese Gefahr klarer erkannt als Helmut Schmidt, der alles tat, um das deutsche Modell einer sozialen (und sozialdemokratischen) Marktwirtschaft in einer sich rasch verändernden globalen Wirtschaft zu stabilisieren.

Die neue Herausforderung heißt Globalisierung. Technologischer Fortschritt hat die Kosten für Kommunikation und Transport dramatisch gesenkt und für viele Bereiche einen globalen Markt geschaffen. Hinzu kommt ein Finanzsystem, dessen hohe Krisenanfälligkeit sozialdemokratische Wirtschaftspolitik systematisch unterminierte. Parallel dazu stieg der Neoliberalismus zur ideologischen Alternative auf. Umverteilung wurde zum Tabu, der Begriff "Freiheit" auf seine ökonomische Dimension verkürzt, Forderungen nach Gleichheit wurden ignoriert.

Kein Zweifel, Deregulierung, Freihandel und neue Märkte in den Schwellenländern boten neue Chancen für Wirtschaftswachstum, mehr Wohlstand und neuen Reichtum. Zwischen 1981 und 2001 ist der Anteil der Menschen in der Welt, die in Armut leben, von 1,5 auf 1,1 Milliarden, das heißt von 40 auf 21 Prozent der Weltbevölkerung gesunken. Zugleich jedoch verzerrte die Verteilung des neu gewonnenen Wohlstands die Einkommensrelationen in der Welt und nahm die Zerstörung der Umwelt zu.