Als neulich Fotos von einem neuen deutschen Soldatenfriedhof auf russischem Boden durch die Zeitungen gingen, da habe ich mich für jene deutschen Frauen gefreut, die nun endlich wissen, wo ihr Ehemann oder ihr Bruder oder ihr Vater begraben liegt. Mich durchfuhr der plötzliche Gedanke, dass viele andere Frauen es immer noch nicht wissen können. Und der nächste Gedanke, dass auch ich irgendwo liegen könnte, wenn der Krieg nur ganz unwesentlich anders verlaufen wäre. Meine Eltern würden ihr Leben lang bisweilen an mich gedacht haben, und meiner Mutter wären deshalb manchmal die Tränen gekommen. Aber sie würden nicht an einen Helden gedacht haben, der für das Vaterland gefallen ist, sondern einfach an ihren Jungen – und was aus ihm wohl geworden wäre, wenn er nur zurückgekommen wäre.

Soldatenfriedhöfe sind eine mitmenschliche Notwendigkeit. Aber warum müssen die Toten fein säuberlich getrennt nach ihrer nationalen Zugehörigkeit beerdigt werden? Sind sie nicht gleicherweise Opfer jenes imperialistischen Wahns, der in dem fürchterlichen Zweiten Weltkrieg sein Ende noch nicht gefunden hat? Sind sie nicht alle gleich tot?

Ich wünsche mir einen Soldatenfriedhof, auf dem Russen, Polen und Deutsche gemeinsam liegen, Juden und Christen und andere gemeinsam. Er brauchte nur Stelen, auf denen die Namen der Toten eingraviert sind: russische Namen, polnische, deutsche, litauische oder estnische oder ungarische Namen. Keine Symbole nationalen Heldentums, wohl aber auf einer Stele in der Mitte die Worte "Ruhet in Frieden" – in allen Sprachen.

Kriegsdenkmäler und Heldenverehrung gibt es in jedem Land. Aber bislang gibt es nur einen einzigen Friedhof auf der Welt, auf dem aller der Opfer des Krieges gemeinsam gedacht wird, die in jener Gegend zu Tode gekommen sind. Tote Soldaten und tote zivile Opfer gleicherweise, ehemalige Feinde und ehemalige Freunde gleicherweise. Und immer nur die Namen: japanische, amerikanische, russische, koreanische, chinesische und auch deutsche Namen. Dieser Peace Memorial Park auf der südlichen Spitze der Insel Okinawa gibt der Welt ein Beispiel.

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