Die Wiener Sozialdemokraten haben ein Problem. Wahlen stehen vor der Tür, und sie erreichen mit ihren Botschaften nicht mehr die jungen Leute in der Stadt. Die Parteijugend hat sich in den Propagandaschlachten der vergangenen Jahre zunehmend radikalisiert. Der bedächtige Ton der Parteiführung langweilt sie; ihre Welt ist der Aktionismus, bei ihren öffentlichen Auftritten benutzen sie die neuen Formen der Massenkommunikation. In dieser Situation rät der Reklamefachmann Hans Faludi, Werbeleiter des städtischen Ankündigungsunternehmens Gewista, den Genossen, ihre Agitation einer "Frischzellenkur" zu unterziehen. Alle neuen Werbemethoden, die mit der modernen Warenwelt über die Metropole hereingebrochen sind, müssten Verwendung finden. "Psychotechnik" anstatt tiefschürfender Debatten.

Insbesondere empfiehlt der Experte, die jungen Sozialisten bei der Gestaltung der Propagandamittel einzubeziehen. Sie sollen selbst mit "Schere, Hirn und Kleistertopf" wöchentliche Wandzeitungen gestalten und dazu die Methode der Fotocollage benutzen, die gerade die visuelle Kommunikation zu verändern beginnt. Die Idee besticht. Die Parteizentrale verteilt regelrechte Bastelanleitungen an ihre Jugendstafetten, in denen erklärt wird, wie sich aus den Abbildungen in der sozialdemokratischen Illustrierten Kuckuck schlagkräftige Plakate zusammenschneidern lassen. Das kommt bei der jungen roten Basis weniger gut an. Bald schlägt sie die Vorgaben der Schnittmuster in den Wind und fertigt lieber kämpferische Collagen an, die der eigenen Vorstellungswelt entsprechen.

Noch einmal können in diesen Jahren die Sozialdemokraten in ihrer Mustermetropole ihre Vormachtstellung bekräftigen. Bei der Gemeinderatswahl im April 1932 verteidigen sie ihre absolute Mehrheit von 59 Prozent ohne jeden Verlust. Allerdings stürmt nach einer langen Phase von eher bescheidener Bedeutung eine neue Bewegung auf die politische Bühne. Die NSDAP steigert ihren Stimmanteil um das Siebenfache auf 17,4 Prozent und rückt den Christlichsozialen auf die Fersen. Zu diesem Zeitpunkt haben die patriarchalischen Genossen bereits den Zenit ihrer Macht überschritten. Sie werden von allen Seiten bedrängt. Die gewaltsame Auseinandersetzung mit den Nazis verlagert sich zunehmend auf die Straße. Im Rahmen der Weltwirtschaftskrise, die vollen Schwung gewinnt, schnürt die konservative Regierungsmehrheit den finanziellen Spielraum der roten Stadtverwaltung in Wien empfindlich ein. Innerhalb von vier Jahren sinken die kommunalen Einnahmen von 490 Millionen auf 370 Millionen Schilling.

Erst kam die Wirtschaft in Schwung, dann brach die große Krise herein

Der rote Erzfeind soll ausgehungert werden. Unmissverständlich rät der italienische Faschistenführer Benito Mussolini in einem persönlichen Brief, der österreichische Bundeskanzler Engelbert Dollfuß, der soeben in einem Regierungsputsch das Parlament ausgeschaltet hat, solle "der soz.dem. Partei in ihrer Felsenfestung, Wien, einen Schlag versetzen". Er fordert, in einem Handstreich den Bürgermeister durch einen Regierungskommissär zu ersetzen. Wien, das sei der Stachel im Fleisch des christlichen Abendlandes, ein moderner Sündenpfuhl, in dem Bolschewisten und Juden die Herrschaft an sich gerissen hätten.

In den letzten demokratischen Jahren der Ersten Republik entbrennt in dieser Bastion roter Zukunftshoffnung ein erbitterter Kampf um die Vorherrschaft in der Stadt. Es findet ein latenter Bürgerkrieg statt, der schließlich zu einer offenen Konfrontation der verfeindeten Kampfverbände eskaliert. Es ist ein Kampf, der ebenso um politische Dominanz geführt wird wie um kulturelle Hegemonie. Es ist ein Kampf der paramilitärischen Formationen und der theoretischen Vordenker, ein Kampf zwischen urbanen und provinziellen Vorstellungen, ein Kampf der unterschiedlichen Lebensmodelle und Rollenbilder, der Zug um Zug in alle Bereiche des Alltags eindringt. Es ist ein Kampf um die Zukunft, es geht um nicht weniger als um die Identität der Metropole.