Mitte September 1939, wenige Tage nach dem deutschen Überfall auf Polen, erscheint in den Verordnungsblättern von Heer, Luftwaffe und Marine ein auf den 4. des Monats datierter Erlass des Chefs des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW), Wilhelm Keitel, mit dem er bei der Rechtsabteilung des OKW eine "Wehrmacht-Untersuchungsstelle für Verletzungen des Völkerrechts" einrichtet. Ihr Auftrag lautet, "die von den gegnerischen Militär- und Zivilpersonen gegen deutsche Wehrmachtangehörige begangenen Verstöße gegen das Völkerrecht festzustellen und zugleich die vom Auslande gegen die deutsche Wehrmacht in dieser Hinsicht erhobenen Anschuldigungen aufzuklären".

Eine paradoxe Situation: Ausgerechnet in jener Kommandobehörde, die wenig später den Truppen mit mörderischen Anordnungen wie dem Kriegsgerichtsbarkeitserlass und dem Kommissarbefehl den Weg in den Vernichtungskrieg weisen wird, entsteht so eine Stelle, die sich hauptamtlich mit Kriegsverbrechen auseinandersetzen soll. Hatte sich damit etwa – wie von konservativen Historikern behauptet – mitten in Hitlers militärischer Schaltzentrale eine Zelle redlicher, aber ohnmächtiger Juristen etabliert?

Kaum. Ein Blick in die erhaltenen Akten der Untersuchungsstelle lässt sie schnell als eine Dienerin der NS-Propaganda erkennen. Denn tatsächlich wurden hier alle Befunde über tatsächliche oder mutmaßliche Kriegsrechtsverletzungen der Gegner des "Dritten Reiches" nur aufgenommen, um eigenes Handeln zu rechtfertigen und die Alliierten moralisch zu diskreditieren.

Bis unmittelbar vor dem Überfall auf Polen hatte die NS-Führung die Diskriminierung der deutschen Minderheit in Polen in krasser Überzeichnung zu Gräueltaten umgedeutet, um die Kriegsstimmung im Reich zu befeuern und zugleich den bevorstehenden Angriff international zu rechtfertigen. Nach Kriegsbeginn galt es, diese Vorwürfe zu belegen und Belastungsmaterial zu sammeln.

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Eine Basis hierfür boten Berichte über die polnischen Gewalttaten gegen deutsche Mitbürger, die sich nun, gleich nach dem Einmarsch, tatsächlich ereignet hatten, wie am 3. September in Bydgoszcz (Bromberg). Die Untersuchungsstelle begann damit, Aussagen und Berichte von Zeugen zusammenzutragen. Das Material wurde an das Propagandaministerium und das Auswärtige Amt weitergeleitet. Im Mai 1940 veröffentlichten die beiden Ministerien dann ihre Dokumente polnischer Grausamkeiten. Freilich genügte ihnen die von den Wehrmachtermittlern festgestellte Zahl von 5437 zivilen deutschen Opfern polnischer Übergriffe nicht. Anfang Februar 1940 erging eine Anweisung des Innenministeriums, die Zahl von insgesamt 58000 Toten "allein als verbindlich anzusehen".

Gräuelberichte und Opferstatistiken im Propagandakampf – das war nicht neu. 1914 hatten die Militärs in Deutschland gelernt, dass eine entsprechende "Verwertung" von Kriegsverbrechen zu einer scharfen Waffe werden konnte. Schon in den ersten Tagen des deutschen Überfalls auf das neutrale Belgien kam es zu Gewaltexzessen der Invasionstruppen, mehrere Tausend belgische Zivilisten wurden getötet. Im August beziehungsweise im September 1914 entstanden zunächst in Belgien, dann in Frankreich und wenig später auch in England staatliche Stellen zur Dokumentation deutscher Kriegsverbrechen. Sie dienten vor allem dazu, Journalisten und amtliche Propaganda mit Informationen zu versorgen. Die Presse machte davon gern Gebrauch und produzierte monströse Sensationsgeschichten, hinter denen der Charakter und die Dimension der tatsächlichen Verbrechen indes schnell verschwammen.