Der berühmte Philosoph Michel de Montaigne ist irritiert: Da liegt er bei einer römischen Prostituierten im Bett, plötzlich springt die bis dahin so gar nicht keusche Dame auf, wirft sich zu Boden und beginnt ein Abendgebet voll religiöser Inbrunst. Der Grund: Das Angelusläuten hatte begonnen. Noch öfter sollte Montaigne (1533–1592) auf seiner Romreise ins Staunen geraten, über eine Stadt voller Doppelbödigkeiten und Widersprüche. Sie erschien ihm, so ist es in seinem Tagebuch nachzulesen, als ein einziges Täuschungsmanöver, als eine Traumfabrik. Rom war, mit einem Wort, zutiefst barock.

Auch seiner Beschreibung einer österlichen Büßerprozession ist jene Ambivalenz des Gefühls anzumerken, jene Mischung aus Grauen und Grinsen, Schaulust und Schrecken, die das Barocke leichthin hervorrufen kann, bis heute: Einerseits schaudert Montaigne angesichts der bluttriefenden Gestalten, lauter Menschen, die sich selbst kasteien. Andererseits weiß er, dass der Büßerzug zu einem guten Teil aus gemieteten Chargen besteht. Diese Schmerzensmänner sind nicht im Auftrag des Herrn unterwegs, sondern auf Kosten römischer Honoratioren.

Ist das noch Kunst – oder nur ein Taschenspielertrick?

Streift man derzeit durch die in mystisches Halbdunkel getauchten Ausstellungsräume im Sainsbury Wing der Londoner National Gallery, wird man sich unweigerlich an Montaignes römische Impressionen erinnern. Nicht nur weil hier einige hochberühmte Meisterwerke der spanischen Barockkunst zu sehen sind, die – natürlich – von den Schmerzen der Liebe und den Wonnen des Leids handeln, vom Eros des Glaubens und von der Schönheit des Todes, von strahlenden Himmelsvisionen und düsteren Henkersfantasien. Sondern auch deswegen, weil sich uns hier ebenso wie Montaigne die Frage stellt, wie weit wir eigentlich dem, was wir sehen, trauen dürfen: Wo verläuft hier die Grenze zwischen Kunststück und Taschenspielertrick? Zwischen Frömmigkeit und Götzenverehrung, Andacht und Schaulust, Spiritualität und Sensationsspektakel?

Ist etwa der abgeschlagene Kopf Johannes des Täufers, den uns der virtuose Bildschnitzer Juan de Mesa gleichsam auf dem Silberteller präsentiert, mit der überaus naturalistisch wirkenden farblichen Fassung von der Hand eines unbekannten Malers, noch ein Objekt der frommen Kontemplation? Oder nicht doch schon die Hauptattraktion aus einer religiös verbrämten Peepshow des Grauens? Führt uns die lebensgroße Figur der büßenden Maria Magdalena, ein atemberaubendes Meisterwerk Pedro de Menas, noch ein Exemplum der Reue und der entrückten Hingabe vor Augen, der Versenkung in die Passion Christi? Oder nicht vielmehr die Schönheit der leibhaftigen Sünde, die unwiderlegbaren Reize einer leicht bekleideten Frau mit wallender Lockenpracht?

So oder so wird man wohl am liebsten vor dieser Figur auf die Knie sinken, vielleicht sogar zum Gläubigen werden wollen, schon deshalb, weil sie mit so überragender, geradezu überirdisch erscheinender Meisterschaft geschnitzt und farbig gefasst ist. Allein schon ihr Anblick würde den Besuch der Londoner Ausstellung lohnen.

Mit all ihrer delikaten Leiblichkeit und faszinierenden Lebensechtheit steht sie im Fluchtpunkt der Schau, die sich der Fleischwerdung des Wortes widmet, dem Bemühen um Vergegenwärtigung und Aktualisierung von religiösen Figuren, Themen und Ereignissen. Dieser unbedingte Wille, das Heilige den Gläubigen möglichst nahezubringen, möglichst eindringlich zu machen, ganz so, wie es dem "Geist von Trient" entsprach, führte zu einer Fülle von betont realistischen Bildwerken im gegenreformatorischen Spanien.

Der frommen Andacht sollten sie dienen, der Stimulation des Glaubens, der mystischen Versenkung. Eine ebenso erstaunliche wie singuläre Spielart des barocken Naturalismus wurde dadurch forciert, in der Malerei wie in der Skulptur: hart und krass, von einer oftmals makabren Präzision, brutal und schonungslos, zugleich aber auch fiebrig, fast halluzinativ, zu einem solch hohen Grad von Illusionismus geführt, wo er umschlägt ins Visionäre, ins Wundersame, ins Perverse.

Und auch, auf der anderen Seite, ins Sentimentale und Kitschige. Denn der spanische Barock, und insbesondere die religiöse Plastik mit ihrem Hauptaugenmerk auf die farbig gefasste Figur, die gerne mit Zähnen aus Elfenbein und Fingernägeln aus Stierhörnern, mit Glasaugen, gläsernen Tränen und echten Augenwimpern ausgestattet wurde, schreckte nicht davor zurück, in den "Bannkreis jenes demagogischen Naturalismus der Jahrmärkte einzutreten" (Wilhelm Hausenstein), der uns heute so fern ist, dass er uns unwiderstehlich, ja magisch anzieht. Im wahrsten Sinne Kunst von der Straße, wurden diese Bildwerke nicht nur zur Ausstattung von Kirchen und Kapellen geschaffen, sondern auch für die vielen Prozessionen der Heiligen Woche, wo man sie als Tableaux vivants des Heilsgeschehens durch die Straßen trug: als lebende, lebendige Bilder. Man begegnet ihnen nur sehr selten in den Dauerausstellungen der Museen. Häufig werden sie noch in den Kirchen und Klöstern aufbewahrt, für die sie einst geschaffen wurden.