Franz Driller ist kein Mann, der die Dinge über den Daumen peilt. Er misst lieber nach. Auch jetzt justiert der Bauingenieur sein Dreikantlineal auf dem tischgroßen Stadtplan und stellt dann fest: "Nur vier Kilometer von hier bis zum Domplatz." Dabei wandert sein Finger von der Stelle, die sein Büro markiert, zu jenem Punkt mit dem Kreuz, wo der Dom steht, das Herzstück von Paderborn in Ostwestfalen. Was Driller sagen will: Nur vier Kilometer liegen zwischen ihm und der Welt, zwischen seinem Büro im Stadtteil Benhausen und der Datenautobahn. Es ist nicht so, dass Driller komplett vom Internet abgeschnitten ist, nur ist sein Tor zum Netz ein winziges Schlupfloch, genauer, eine Luke im Himmel. Denn er verschickt und empfängt Daten über eine Richtfunkantenne, die er auf einem Nachbargebäude montieren ließ. Davor hatte er bloß einen ISDN-Anschluss.

Aber auch die Antenne schafft an guten Tagen nur 120 Kilobit pro Sekunde beim Herunterladen, die Hälfte beim Hochladen. Wie langsam das ist, erfährt Driller jedes Mal, wenn er Zeichnungen oder Pläne an Architekten und Bauunternehmer per E-Mail verschicken will, meist in Farbe und dreidimensional, dicke Datenpakete also. Bis das Päckchen am anderen Ende ankommt, vergehen schon mal 30 Minuten, sagt Driller, oder die Verbindung bricht auf halbem Wege ab, etwa wenn ein starker Regen die Übertragung stört. Dann läuft gar nichts mehr in dem Zehnmannbetrieb.

Wie ihm geht es mehr als vier Millionen Menschen in Deutschland. Sie sind mit Geschwindigkeiten von weniger als einem Megabit je Sekunde mit dem Internet verbunden, jene Grenze, ab der Experten von "leistungsfähigen Breitbandanschlüssen" sprechen. Moderne Internetanschlüsse (VDSL) erreichen Übertragungsraten von bis zu 50 Megabit je Sekunde. Doch bei Driller und vielen anderen ist das Leitungsnetz zu alt, zu dünn, zu schwach. Fasst man diese Leute in Haushalten und Kommunen zusammen und zeichnet sie in die Deutschlandkarte ein, entstehen jene weißen Flecken, über die derzeit so viel geredet wird und die – darüber sind sich alle einig - dringend Anschluss ans schnelle Netz brauchen. Weil sonst ganze Landstriche abgehängt werden in einer Welt, die immer vernetzter wird und digitaler, in der die Datenmengen im Internet anschwellen und unzählige elektronische Nachrichten Tag für Tag um den Globus geschickt werden.

Drei Ortsteile sind abgeschnitten, 8000 Menschen und 100 Betriebe

Für viele Unternehmen sind die weißen Flecken inzwischen das, was Strände für Pottwale sind: Orte, an denen sie nicht überleben können. In der Wirtschaft läuft nichts mehr ohne schnelle Verbindungen – oder jedenfalls nicht mehr viel. Firmen bekommen Aufträge übers Netz, beobachten die Konkurrenz, lagern immer mehr Daten auf fremden Servern aus oder holen Kollegen aus aller Welt zu Videokonferenzen zusammen. Einer Studie des Netzwerkausrüsters Cisco zufolge wird sich der globale Datenverkehr bis 2013 gegenüber 2008 vervierfachen. Und laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) steigt in einem Land die Arbeitsproduktivität innerhalb von fünf Jahren um 1,5 Prozentpunkte an, wenn sich die Übertragungsrate um zehn Prozentpunkte erhöht. Breitbandanschlüsse sind das Nervensystem des 21. Jahrhunderts.

Das gilt nicht nur für die großen weltumspannenden Konzerne. 80 Prozent der Kleinunternehmen benötigen heute schon Anschlussgeschwindigkeiten von mehr als sechs Megabit je Sekunde, die Hälfte erwartet, dass sich ihr Bedarf in den kommenden zwei Jahren verdoppelt. Das hat eine Befragung der Uni Münster im ländlichen Baden-Württemberg ergeben.

Und was macht Franz Driller? E-Mails mit dickem Anhang verschicken seine Mitarbeiter erst nach Feierabend oder gleich von zu Hause aus, falls die Verbindung dort schneller ist. Software, die Driller aus dem Netz laden muss, aktualisiert er nur am Wochenende. Das alles kostet Zeit, Geld und Nerven. "Ein Rumgehampele", sagt er. Es trifft ihn, obwohl er nicht in einem entlegenen Teil Deutschlands wohnt, in den ländlichen Weiten des Ostens zum Beispiel, in der Eifel oder im bayerischen Hinterland. Es trifft ihn, obwohl Paderborn ein Hightech-Standort ist: Wer am Bahnhof aussteigt, betritt Computerland. Es gibt einen Technologiepark, die Universität bildet jedes Jahr Hunderte neue Informatiker aus, und mehr als 300 IT-Firmen haben sich in der Stadt angesiedelt. Ihr Gravitationszentrum bildete einst der Computerpionier Heinz Nixdorf, der dort Ende der fünfziger Jahre ein gigantisches Imperium aufbaute, das am Ende zwar unterging, aber dessen Ableger das Stadtbild noch heute prägen – der Geldautomatenhersteller Wincor Nixdorf und die Niederlassung von Fujitsu .

Die meisten Paderborner Haushalte sind insofern auch gut vernetzt, sie können wählen zwischen DSL, Kabel, Funk, UMTS, sogar besonders schnelle Glasfaserleitungen liegen bereits in der Erde. Das ist die eine Seite der Stadt. Auf der anderen ist Internet-Ödland. Drei Ortsteile sind quasi abgeschnitten, unverbunden, knapp 8000 Menschen und mehr als 100 Betriebe. Einer davon gehört Reinhold Radtke. Im nördlichsten Zipfel der Stadt hat er einen Büroquader und zwei große Hallen auf die Wiese gesetzt, in denen sich alles stapelt, was Körper und Seele beleben soll: Massagesessel, Nackenpolster, Steppgeräte. Von hier aus gehen die Waren in alle Welt.