Als Ana S.* aus Chile nach Hamburg kam, hatte sie große Pläne. Mit dem Geld, das sie als Au-pair verdiente, wollte sie sich und ihren zwei Kindern in der Heimat ein Haus bauen. Als das Jahr als Au-pair-Mädchen vorüber war, fragte die Gastfamilie, ob Ana nicht länger bleiben wolle, auch ohne Aufenthaltsgenehmigung. Ana S. arbeitete und lebte nun illegal in Hamburg. Aber als ihr bewusst wurde, dass ihre Arbeitgeber sie ausgebeutet hatten und viel zu wenig Lohn zahlten, verließ sie die Familie und forderte das Geld nach – als Illegale ein heikles Unterfangen.

Jeden Dienstag von 10 bis 14 Uhr warten Tobias Wollborn, 25, und Fredrik Wolze, 27, beide Studenten der Sozialarbeit in Hamburg, in einem winzigen Raum der ver.di-Zentrale auf Menschen wie Ana S. Sie arbeiten für die erste gewerkschaftliche Anlaufstelle für illegale Arbeitnehmer in Deutschland, für MigrAr (Migration und Arbeit). Am 1. Mai 2008 wurde sie gegründet. Der Raum ist klein, ein Tisch mit Stühlen, ein Telefon. "Der erste Schritt der Beratung ist, die Situation der Papierlosen zu erfassen, sie über ihre Arbeitsrechte aufzuklären und gemeinsam zu überlegen, wie man sich mit dem Arbeitgeber einigen könnte", sagt Tobias Wollborn.

Das Problem: Die arbeitsrechtliche Frage hat mit der des Aufenthaltsstatus erst einmal nichts zu tun. Wer gearbeitet hat, soll auch das vereinbarte Geld dafür bekommen. Trotzdem haben Behörden, sobald sie von einem Illegalen wissen, die Pflicht, ihn zu melden – im Gegensatz zu einer Gewerkschaft wie ver.di. Auch die Richter am Arbeitsgericht müssen ihre Kenntnisse über jemanden, der sich illegal in Deutschland aufhält, weiterleiten. Sie handeln in einem Graubereich, wenn sie sich zum Beispiel darauf einlassen, erst das Verfahren zu beenden und die Akten danach weiterzugeben. "Das ist auf jeden Fall auch für sie eine schwierige Situation", sagt der Fachbereichsleiter bei ver.di, Peter Bremme.

Ein illegal in Deutschland lebender Arbeitnehmer kann also in der Theorie seine Rechte geltend machen. Doch in der Praxis ist das Risiko groß, dass sein Aufenthaltstatus bekannt wird – zudem ist es schwierig, die Arbeit ohne Vertrag zu dokumentieren. Für die Verhandlung setzt ver.di darum in vielen Fällen auf die sogenannte Güteverhandlung. Dabei müssen die Kläger nicht selbst anwesend sein und riskieren nicht, dass sie während des Gerichtstermins von der Polizei aufgegriffen werden. Das Thema illegale Arbeit ist auch bei ver.di umstritten. Die Bedenken gegenüber der Beratung versucht Peter Bremme immer noch auszuräumen. "Es besteht manchmal der Irrglaube, dass es wiederum illegal ist, illegal Beschäftigte zu beraten", sagt er.

In Hamburg leben nach groben Schätzungen der Diakonie 6000 bis 22.000 Menschen ohne Papiere, deutschlandweit sind es nach Angaben des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) ungefähr 200.000 bis 460.000 Menschen. Diejenigen mit Arbeit sind in der Gastronomie, auf dem Bau oder im Hafen beschäftigt. Unter ihnen sind viele Frauen aus Südamerika, die als Haushaltshilfe arbeiten, sowie Männer aus Bulgarien oder Rumänien, die für schwere körperliche Arbeiten eingesetzt werden. Bulgarien und Rumänien gehören zwar zur Europäischen Union, allerdings dürfen Menschen aus diesen Ländern in Deutschland nur selbstständig arbeiten.

Auch wenn die Zahl derjenigen, die sich bei MigrAr beraten lassen, im Verhältnis zur Zahl der in Deutschland lebenden Illegalen gering ist, wirde der Zulauf immer größer. "Mehr als 70 Menschen kamen innerhalb eines Jahres zu uns", sagt Tobias Wollborn. Auf seiner Cargohose trägt er einen roten Aufnäher mit dem Slogan "Kein Mensch ist illegal!". "Viele holen sich nur einen Rat und tauchen dann nie wieder auf", sagt er. "Entscheidet sich jemand, gegen seinen Arbeitgeber vorzugehen, sammeln wir zunächst Beweise, die das Arbeitsverhältnis dokumentieren." Das können Mails sein, eigene Notizen, schriftliche Arbeitsaufträge, SMS oder auch Zeugen, die beweisen, dass ein Arbeitsverhältnis besteht oder bestand. In manchen Fällen reicht dann schon ein Schreiben mit dem ver.di-Briefkopf für eine Einigung mit dem Arbeitgeber. Erst wenn sich der Arbeitgeber sträubt, landet der Fall vor dem Arbeitsgericht. So wie bei Ana S., deren Fall zur ersten Aufgabe für MigrAr wurde. Sie entschied sich, ihren Lohn rückwirkend einzuklagen, und wurde Mitglied bei ver.di. Danach erhielt sie kostenlosen Rechtsbeistand. Anfang 2008 dann stand sie ihren ehemaligen Arbeitgebern gegenüber. Das Arbeitsgericht sollte darüber entscheiden, ob sie den noch ausstehenden Lohn für 39 Monate Arbeit, 47.000 Euro, bekommen sollte. Bis dahin hatte sie rund 14.000 Euro erhalten.