Wenn Philip Oprong Spenner über den Schulhof spaziert, rufen die Kinder ihm manchmal " Bruce !" hinterher, weil er dunkelhäutig ist und einen glatt rasierten Schädel hat, genau wie Bruce Darnell, der Ex-Juror aus Germany’s Next Topmodel. Zwar hören da die Ähnlichkeiten zwischen dem TV-Star und ihrem neuen Lehrer auch schon auf, aber wenn es um farbige Rollenvorbilder geht, bietet die Erfahrungswelt von Kindern in Hamburg-Langenhorn nicht so wahnsinnig viel Auswahl. "Die Afrikaner, die ihnen sonst über den Weg laufen, sind Putzkräfte oder Köche. Da bin ich mit Bruce als Assoziation schon besser bedient", sagt Spenner und grinst.

Der gebürtige Kenianer ist der einzige schwarze Lehrer an seiner Schule, womöglich der einzige im ganzen Hamburger Norden. Und eigentlich ist er noch nicht einmal ein richtiger Lehrer, sondern "Fellow". So nennt die Initiative Teach First Deutschland die 68 jungen Hochschulabsolventen, die sie in diesem Schuljahr erstmals an Brennpunktschulen in Berlin , Hamburg und Nordrhein-Westfalen geschickt hat. Schulen wie die Gesamtschule am Heidberg, an der Spenner unterrichtet: 1100 Schüler, viele davon auf Sonderschulniveau, ein hoher Migrantenanteil. Gegründet wurde Teach First nach britischem Vorbild von Absolventen der privaten Hertie School of Governance.

Die Feststellung, dass ihre Fellows keine richtigen Lehrer sind, ist ihnen dabei wichtig: Sie wollen sich nicht den Vorwurf der Gewerkschaften einhandeln, Lehrerstellen zu verdrängen. Es würde auch gar nicht zur Idee hinter ihrer Initiative passen, versuchen sie doch gerade jene hochbegabten Absolventen auf Zeit in die Schulen einzuschleusen, die sonst jeden Job haben könnten. Leute, die sich ein ganzes Leben als Lehrer nie hätten vorstellen können und darum bislang nie in Klassenzimmern aufgetaucht sind – und das, obwohl sie den Schülern eine Menge zu geben hätten. Für 1700 Euro brutto gehen sie erfahrenen Lehrern zur Hand, bieten Arbeitsgemeinschaften an, sind Ansprechpartner für die Kinder, zwei Jahre lang, dann werden sie ihre Karriere außerhalb der Klassenzimmer fortsetzen, als Anwälte, Ärzte, Unternehmensberater.

770 Bewerber verzeichnete Teach First im ersten Jahr. Die 70 ausgewählten Fellows haben fast alle einen außergewöhnlichen Lebenslauf. Den außergewöhnlichsten aber hat Philip Oprong Spenner. Früh zur Waise geworden, lebte er in den Straßen Nairobis, damals, als er so alt war wie die Kinder, die ihn an diesem kalten deutschen Herbsttag in einer Traube umringen. "Wir haben geklaut, wir haben mit unseren Gangs Kämpfe ausgefochten, wir haben getan, was man tun muss, um zu überleben", erzählt Spenner und zupft an seinem grauen Pullover. "Die Narben aus jener Zeit trage ich hier drunter." Ein blonder Junge mit einem Roller zerrt ihn am Ärmel. "Du, Herr Spenner, guck, was ich kann!", ruft er und rennt die paar Stufen hinauf, die zum höher gelegenen Teil des Schulhofs führen. Er nimmt Anlauf und rast die Stufen hinunter, plopp, plopp, plopp. Spenner zieht geistesgegenwärtig ein Mädchen zur Seite und scherzt: "Wer sagt, dass das Leben deutscher Kinder ungefährlich ist." Dann wird er ernst, ermahnt den Jungen und seine Kumpel, es nicht zu weit zu treiben mit ihren Stunts.

An diesem Morgen ist Spenner seit 7.30 Uhr im Einsatz. Er musste früh los von zu Hause, um pünktlich zum Hip-Hop-Kurs zu kommen. Da streckt er sich dann vor seinem Neuntklässler-Wahlpflichtkurs und zeigt ein paar neue Moves. "Als Straßenkind hat man eine Menge Zeit, sich solche Sachen selbst beizubringen", sagt er und erzählt mehr von seinem Leben, bevor er nach Deutschland kam: Als er zwölf ist, wird er in ein Waisenhaus aufgenommen und beschließt, nicht gleich wieder davonzulaufen. Schnell stellt sich heraus, dass er ein ausgezeichneter Schüler ist. Als er 14 ist, erfährt er, dass ein Hamburger Arzt eine Patenschaft für ihn übernehmen will. Aus der Brieffreundschaft werden häufige Besuche. Mit 20 holen sie ihn nach Deutschland, er beginnt die Sprache zu büffeln, damit er studieren kann. Er wählt Englisch, Religion, Sport. Schließlich adoptieren seine Pateneltern ihn auch offiziell, aus Philip Oprong Ekacha wird Philip Oprong Spenner. Neun Jahre später ist sein Deutsch geschliffen, frei von Grammatikfehlern, nur die Satzmelodie verrät, dass er nicht immer in der Stadt gelebt hat, die er als seine Heimat bezeichnet, "die erste Heimat, die ich je hatte". In Kenia ist der Junge mit teilweise ugandischen Wurzeln immer ein Fremder geblieben.

Für Teach First ist der heute 30-Jährige mit dem gewinnenden Lächeln der perfekte Botschafter, denn die Fellows sollen vor allem Inspiration für die Kinder sein. In der Traube von Schülern um ihn herum laufen auch immer ein, zwei farbige Kinder mit. Ihnen zu zeigen, dass man als Schwarzer erfolgreich sein kann in Deutschland, das sei ihm besonders wichtig, sagt er. "Wissen Sie", sagt er, während er die draufgängerischen Rollerfahrer nicht aus den Augen lässt, "viele der Kinder, die mir auf der Straße in Nairobi begegnet sind, sind nicht mehr am Leben. Ich aber habe eine einmalige Chance erhalten, aus meinem Leben etwas zu machen, die Chance auf Bildung. Ich möchte mit meiner Zeit bei Teach First ein wenig dabei helfen, dass es anderen Kindern genauso geht."

Spätestens jetzt ist der Einwand fällig, dass sich die Probleme deutscher Kinder bei allen sozialen Schieflagen wohl kaum mit dem Überlebenskampf afrikanischer Straßenkinder vergleichen ließen. Spenner wiegt den Kopf, als er das hört. Dann sagt er: "Ich glaube doch, dass man es kann." Subjektiv befänden sich auch viele Kinder in Deutschland in einer schwierigen, für sie manchmal existenziellen Situation. Objektiv betrachtet sei die natürlich harmloser als die Gleichaltriger in Kenia. "Aber die Wahrnehmung ihrer Hilflosigkeit und ihrer Ängste ist die gleiche. Sie gilt es, ernst zu nehmen." Im Übrigen engagiere er sich auch für afrikanische Kinder, sagt Spenner, er ist Vorsitzender des Vereins Kanduy Children, jedes Jahr fliegt er ein paar Mal nach Kenia und besucht sein altes Waisenhaus.