Seit 25 Jahren ist er im Geschäft. Anfangs saß er am Telex und verglich Marktveränderungen auf Monatsbasis. Heute geht es um Minuten. "Das Lesen in meiner Arbeit hat sich verändert, weil man sich den Stoff nicht mehr gezielt suchen muss", sagt Walburg. "Heute bekomme ich ihn rund um die Uhr geliefert. Ich muss das Material schneller lesen und die Relevanz schneller bewerten als andere. Es ist nicht drin, mehr als eine Seite zu einem Thema zu lesen." Und wer das in Frankfurt nicht auch auf Englisch kann, ist schon ein funktionaler Analphabet.

Walburg sagt, dass er nicht mehr all diese Texte lesen könne, die Abertausenden Seiten von Prospekten, die Aktiengesellschaften herausgeben, wenn sie Investoren suchen. All die Papiere voller Risikofaktoren. Walburg meint, dass das noch nicht einmal die Leute täten, die sie schreiben. Sie kopierten Textbausteine.

Es gibt in Frankfurt mittlerweile Schnelllesekurse, ein Pendant der Bankenwelt zu Gabriele Bielas vereinfachten Schulbüchern. Neulich hat auch Walburg an einem teilgenommen.

An einem grauen Tag sind in einem Seminarraum der Frankfurter Universität ein Banker, ein Volkswirtschaftsstudent, eine Mitarbeiterin des Internet-Auktionshauses eBay, ein Unternehmensberater, eine Germanistik- und eine Wirtschaftsstudentin zusammengekommen, um all "die kleinen Männer in den Ohren auszuschalten", wie Kursleiter Wolfgang Schmitz sagt.

Diese kleinen Männer, meint Schmitz, flüstern während des Lesens jedes gelesene Wort im Kopf der Leser mit. Er will sie beseitigen – zumindest zum Schweigen bringen. Denn er ist überzeugt: Die kleinen Flüsterer "deckeln die Lesegeschwindigkeit auf Sprechgeschwindigkeit."

Schmitz, ein Diplomkaufmann, ist Geschäftsführer des Unternehmens Improved Reading. Er bietet seine Kurse auf Deutsch und Englisch an. Seit 2003 hatte er mehr als 5000 Kunden, die ihm bis zu 1090 Euro bezahlen – das ist der Preis für die Manager-Version: zwei Tage in der Kleingruppe im Hotel. Die meisten seiner Schüler haben studiert. Umso eigentümlicher ist, was Schmitz in einer Statistik über sie festgehalten hat: Bei den Inhaltsfragen zum Eingangstext, den sie lesen müssen, antworten die Teilnehmer im Durchschnitt nur zu etwa 60 Prozent richtig.

"Man kann bis zu vier Wörter ohne Blickstopp erfassen"

Jetzt sind also die Teilnehmer hier in der Universität zusammengekommen, und Schmitz sagt ihnen, sie sollten beim Lesen nicht mehr innerlich mitsprechen. Sie sollten nicht ständig zurückspringen, sondern "vorwärtsorientiert lesen". Sie sollten mit den Gedanken nicht abschweifen, "sonst preschen andere Gedanken in die Lücke, vor allem bei langweiligen Texten". Sie sollten sich nicht mehr mit jedem einzelnen Wort befassen. "Man kann bis zu vier Wörter ohne extra Blickstopp erfassen", sagt Schmitz.

Es geht den Teilnehmern um einen Wettbewerbsvorteil im Lesekrieg. Darum, Informationen für die Doktorarbeit schneller zu erfassen, E-Mails schneller abzuarbeiten. Der junge Banker im Kurs hofft, dadurch mehr Zeit für die Familie zu haben.

Zwischen den Übungen lässt Schmitz die Teilnehmer ausrechnen, wie gut sie lesen. Sie multiplizieren die pro Minute gelesenen Wörter mit dem Prozentsatz richtig beantworteter Fragen zum Text. Das Ergebnis nennt er effective reading rate . Wenn jemand sein Angebot als Turbolesekurs bezeichnet, antwortet Schmitz: "Die Frage ist: Wie kommen Sie mit den Anforderungen, die täglich an Sie gestellt werden, zurecht? Wir hatten niemals diese Informationsflut, der wir heute ausgesetzt sind. Aber nach der Grundschulzeit bringt uns niemand mehr etwas Neues bei. In unseren Kursen geht es nicht unbedingt um die Schnelligkeit. Es geht vor allem um das Textverständnis." Dann schwärmt er von den Effizienzreserven, die in deutschen Unternehmen lägen – und die zu entfesseln so einfach wäre, wenn die Mitarbeiter nur besser und schneller läsen.

Seine Schüler sind nach zwei Tagen allesamt zufrieden. Auch wenn sie sich darüber einig sind, dass sich dieses Lesen für schöne Literatur nur bedingt eignet. Es gibt eben Texte, die ohne den kleinen Mann im Ohr nicht mehr schön klingen. Romane. Gedichte, die rhythmisch fließen. Texte, an denen sich auch Manager berauschen können, falls sie ihr Leseverhalten nicht komplett dem Job angepasst haben.

Die Frage, inwieweit sich der Leser selbst vom Lesen entwöhnt – sie stellt sich bei dieser Reise durch Deutschland immer öfter. Und damit auch die, wie weit ihm Buchverlage und Massenmedien dabei zu Diensten sind.

Der moderne und junge Mediennutzer mag es mundgerecht, das weiß auch Claus Strunz, denn er beobachtet und bedient diesen neuen Leser seit Jahren. Strunz war Chefredakteur der Bild am Sonntag . Nun ist er in derselben Funktion beim ebenfalls zum Springer-Verlag gehörenden Hamburger Abendblatt . Nur wenn Strunz den Geschmack des Lesers trifft, kauft der seine Produkte. Wenn nicht, verliert Strunz ihn – und das darf sich ein Chefredakteur nicht zu oft leisten.