Der Schriftsatz mit dem Aktenzeichen 09Crim 581 umfasst 78 Seiten. Die New Yorker Staatsanwaltschaft erhebt darin 27 Anklagepunkte gegen drei Anwälte, zwei Wirtschaftsprüfer und zwei Banker. Hört sich staubtrocken an. Doch das Papier hat es in sich. In den kommenden Monaten könnte es einen Albtraum für die Deutsche Bank auslösen: einen peinlichen Prozess, einen schweren Imageschaden und eine Geldzahlung von bis zu einer Milliarde Dollar. Im schlimmsten Fall könnte ihr ganzes US-Geschäft infrage stehen.

Die Staatsanwälte glauben nämlich, dass das größte deutsche Kreditinstitut tief in einen der größten Steuerbetrugsskandale der US-Geschichte verwickelt ist. Seit mehr als fünf Jahren geraten immer wieder Bruchstücke dieser Affäre in Klagen und Gerichtsurteilen, in Untersuchungsausschüssen und Vergleichen ans Licht. Nun, nach jahrelanger Ermittlung, wollen die Fahnder ganze Sache machen. Der ZEIT liegt die Anklageschrift des New Yorker Staatsanwalts vor, in der schwere Vorwürfe gegen ehemalige Mitarbeiter der Deutschen Bank erhoben werden.

Die Geschichte nahm vor rund zehn Jahren ihren Anfang. Es war die goldene Zeit des Internetfiebers und des weltweiten Konjunkturbooms. An den Finanzmärkten war man überschwänglich. Großkonzerne kauften sich gegenseitig auf. Die Börse schien nur eine Richtung zu kennen: nach oben.

Da wollte auch die Deutsche Bank ganz vorn dabei sein. Um sich einen Sonnenplatz an der Wall Street zu sichern, kauften die Frankfurter 1999 die amerikanische Investmentbank Bankers Trust und zahlten dafür die gigantische Summe von 15 Milliarden Mark. Es sei der gemeinsame Start in eine "brillante und erfolgreiche Zukunft", schwärmte der damalige Vorstandssprecher Rolf-Ernst Breuer. Doch die Wahrheit sah anders aus. In Wirklichkeit musste der frisch zusammengeschmiedete Finanzmulti erbittert um Image und Marktanteile kämpfen.

Um dieselbe Zeit herum beschloss in Chicago ein Steueranwalt namens Paul Daugerdas, auf seine Weise an dem Börsenboom mitzuverdienen. Er hatte früher einmal bei der Wirtschaftsprüfungsfirma Arthur Andersen gearbeitet – die ihren Firmenkunden unter anderem hoch komplizierte Steuersparstrategien anbot. Arthur Andersen sollte später untergehen. Die Firma war in den Bilanzskandal und Zusammenbruch des Energiehändlers Enron verwickelt, und nach der Anklage durch die US-Justizbehörden verlor sie auf einen Schlag ihren Ruf und brach zusammen. Doch zur damaligen Zeit genoss man als ehemaliger Andersen-Mitarbeiter einen hervorragenden Ruf.

Daugerdas erkannte seine Chance: Er würde Steuersparstrategien à la Andersen auch Privatkunden anbieten. Neuen Reichen, die ihr frisch erworbenes Vermögen vor dem Fiskus schützen wollten. Für die Steuerkanzlei Jenkens & Gilchrist baute er mit zwei Kollegen eine Vertretung in Chicago auf; Kunden warb er über seine engen Kontakte zu internationalen Wirtschaftsprüfern wie Ernst & Young und BDO Seidman. Deren Berater gingen bei Familienbetrieben, mittelständischen Unternehmern, Topmanagern aus und ein. Genau die richtige Klientel.

Was noch fehlte, um die von ihm erdachten Steuersparmodelle umzusetzen, war eine Bank von tadellosem Ruf und mit genügend Kapital und internationaler Reichweite. Da boten sich Mitarbeiter der Deutschen Bank als Partner an – so stellt es zumindest die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift dar.

Jedenfalls wurde Daugerdas bald zum "König der Steuersparmodelle", sagt Paul Braverman, stellvertretender Chefredakteur von The American Lawyer. Das Juristenjournal veröffentlichte 2003 einen Bericht über die Machenschaften des Anwalts. "Es gab ein Heer solcher Promoter, aber niemand hatte diese Reichweite." Daugerdas konstruierte Steuersparmodelle, verkaufte sie und kassierte in nur wenigen Jahren mehrstellige Millionenbeträge. Kritiker in seiner Kanzlei verstummten.

Das Team um Daugerdas entwickelte eine ganze Palette von Steuersparmodellen, denen sie eingängige Kurznamen gaben: Short Sale oder SOS, Swaps oder Homer. Gemeinsam war ihnen, dass der Kunde seine Steuerlast vermindern konnte: Auf Wunsch – und gegen saftige Gebühren und Provisionen – würden Daugerdas und seine Partner in der Finanzindustrie einen Anlageverlust herbeizaubern. Einen Verlust, der die Steuerlast gedrückt habe, durch den aber in Wirklichkeit gar kein entsprechender wirtschaftlicher Verlust entstanden sei; so sieht es der Staatsanwalt.

Es ist die Art von Zaubertricks, die die Alchemisten der Hochfinanz beherrschen, jene mathematisch hochgebildeten Finanzingenieure der Wall Street, von denen auch die Deutsche Bank stets eine große Zahl beschäftigt. Als Daugerdas’ Bestseller erwies sich ein Steuersparmodell namens SOS, das kurz für Short Options Strategy steht. Vereinfacht dargestellt, erwarb der Kunde eine Währungsoption, also eine Wette auf das Geschehen an den Währungsmärkten, und sie bescherte ihm einen Verlust. Den konnte er in der Steuererklärung angeben. Der Kunde kaufte aber noch eine zweite Währungsoption, die den tatsächlichen finanziellen Verlust auf einen Bruchteil dieses Spekulationsverlustes beschränkte. Von diesem zweiten Geschäft erfuhren die Steuerbehörden angeblich nichts.

Die New Yorker Strafverfolger rechnen vor, dass SOS und die verwandten Produkte an 931 Kunden verkauft worden seien, die dem Fiskus ungerechtfertigte Steuerverluste von mehr als sieben Milliarden Dollar angegeben hätten. Die Drahtzieher hätten dabei über 180 Millionen Dollar kassiert. Nach Ansicht der Strafverfolger war das kriminell. Beihilfe zum Steuerbetrug. Täuschung über die Vermarktung und Umsetzung der Steuersparmodelle.