Nun also soll Leonardos Mona Lisa nach Meinung von Roberto Zapperin und von Horst Bredekamp (ZEIT Nr. 44/09) nicht etwa die Florentiner Kaufmannsgattin Lisa del Giocondo darstellen, sondern Pacifica Brandani, eine Mätresse Giulianos de’ Medici aus Urbino. Das einzige Dokument, das eine Geliebte Giulianos überhaupt mit einem Gemälde Leonardos verbinden könnte, ist eine lange bekannte, ambivalente Notiz aus dem Jahre 1517. Sie berichtet von einer "gewissen Florentiner Dame", die der Künstler auf Veranlassung Giulianos de’ Medici gemalt habe. Das müsste dann zwischen 1513 und 1516 in Rom geschehen sein, weil Leonardo dort in jenen Jahren für Giuliano arbeitete. Die aus dieser Notiz jetzt abgeleiteten Schlüsse sind ziemlich abenteuerlich. Denn was fehlt, ist eine zwingende Verbindung zwischen dem berühmten Gemälde einerseits und der bereits 1511 verstorbenen Pacifica Brandani andererseits.

Nach gegenwärtigem Kenntnisstand besteht also kein Anlass, die traditionelle Identifizierung von Leonardos Gemälde mit Lisa del Giocondo anzuzweifeln. Die genaue Datierung des Bildes auf die Jahre 1503/04 leitet sich nicht nur aus den Ausführungen des Künstlerbiografen Giorgio Vasari ab, sondern auch aus einer kürzlich entdeckten Notiz des Florentiner Kanzleischreibers Agostino Vespucci vom Oktober 1503. In dieser Notiz bemerkt Vespucci, dass Leonardo gerade ein Bildnis der Lisa del Giocondo bis zu einem gewissen Grade fertiggestellt habe.

Die Umdeutung Mona Lisas zur Geliebten des vermeintlichen Auftraggebers lässt ihre Bedeutung für die Geschichte der Porträtmalerei außer Acht: Der erste Zeuge für diese Wirkungsmacht ist der junge Raffael, der 1504 nach Florenz kommt, und Leonardos aktuelle Werke begierig studiert. Hier entstehen auch, unmittelbar inspiriert durch Lisas Porträt, mehrere Zeichnungen. Bis 1508 malt Raffael dann fünf große Gemälde mit Bildnissen (etwa das der Maddalena Doni), die formal eng an Leonardos Mona Lisa anschließen. Hätte Zapperi recht, dann hätte der ältliche Leonardo 1513 in Rom plötzlich die vor zehn Jahren von Raffael entwickelten Bildnisformeln übernommen. Und das 1503 erwähnte Gemälde der Lisa del Giocondo müsste verloren gegangen sein. Das klingt mehr als unwahrscheinlich.

Der Autor lehrt Kunstgeschichte in Leipzig