Musste es erst zu Toten kommen? Lange, viel zu lange hat die Schweinegrippe gebraucht, bis ihr dieser Tage endlich der gebotene Respekt entgegengebracht wird. Das hat sie mit Egon Krenz gemein.

Auch Krenz ist lange fahrlässig unterschätzt worden, wie wir der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung entnehmen. Auch Krenz ist von den Toren verspottet worden, unvergesslich die Leichtfertigkeit eines Plakates aus Wendezeiten, das ihn als Wolf in der Maske von Rotkäppchens kranker Großmutter zeigte. Tatsächlich, so muss man die Zeitung wohl verstehen, war Krenz aber eine kerngesunde Großmutter, die sich nur die Maske (beziehungsweise das Gebiss) eines kranken Wolfes zulegte, um von der Partei in die Nachfolge Honeckers gehoben zu werden. Dann aber hat Großmutter Krenz, gewissermaßen ein Transvestit der untergehenden Nomenklatura, tatkräftig zur Heilung des sozialistisch infizierten Landes beigetragen, indem er – nun ja: nichts getan hat. Er wälzte sich auf dem Krankenbett und ging jeder militärischen Konfrontation aus dem Weg, machte also von dem geborgten Gebiss gerade keinen Gebrauch. Das Gebiss war nur eine Lachnummer aus dem Kabarettfundus der FDJ, in der er seine Karriere begann. Krenz, kurzum, war ein höchst dialektischer Fall, so gesehen ein treuer Erbe der marxistisch-leninistischen Weltanschauung.

Was aber ist, ebenfalls so gesehen, mit den anderen Helden der freiwilligen sozialistischen Selbstaufgabe? Man wäre mit dem Herzen freudiger bei der Rehabilitierung von Egon Krenz, wenn darüber nicht der Gewerkschaftsführer Harry Tisch, der Bauernführer Günther Maleuda und der Stasiführer Erich Mielke vergessen würden. Was ist mit Mielkes berühmtem Lederhut? Welche Sonntagszeitung gedenkt seines Ausspruches "Ich liebe euch doch alle"? Was ist mit all den Parteigestalten, die mit selbstlosem Humor an der Abschaffung der Parteidiktatur arbeiteten, indem sie sich selbst und die Partei der Lächerlichkeit anheim gaben? Was ist mit den Pappkameraden, die sich in dem Moment, in dem man sie hätte fürchten müssen, als Schießbudenfiguren zur Verfügung stellten? Wir sagen: Rehabilitiert sie doch alle! Und bringt Margot Honecker mit ihrem Handtäschchen ins Deutsche Historische Museum. Das wäre die ultimative Impfkampagne gegen jede erneute sozialistische Grippewelle.